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Jazz:Der Sound zur Stimmungslage

Tim Collins

Münchner Meister der Mallets: der aus New York stammende Vibrafonist Tim Collins.

(Foto: Thomas Radlwimmer)

Vibrafonist Tim Collins stellt sein neues Album vor

Von Oliver Hochkeppel

Seit zehn Jahren lebt Tim Collins jetzt in München. Immer noch ist es ein Glücksfall für die hiesige Jazzszene, dass der 40-Jährige einst der Liebe wegen an die Isar zog und, selbst als die Liebe nicht mehr der Grund war, geblieben ist. Gehört Collins doch zur kleinen Schar der weltbesten Vibrafonisten, was er schon in seiner Heimat New York bewiesen hat: "Collins zertrümmert die Stereotypen dessen, was das Vibrafon kann", feierte ihm dort schon vor vielen Jahren einmal ein Kritiker.

Dabei ist Collins an seinem Instrument ein Spätberufener. "Ich komme aus Plattsburgh, einer Kleinstadt im Staate New York. Da gab es keine großen Möglichkeiten, ich lernte Klavier und war dann Schlagzeuger bei lokalen Amateur-Rockbands", erzählt er. Allerdings kam er dann an ein College, wo Gordon Stout sein Lehrer wurde, nicht nur "ein superlässiger Kerl", wie sich Collins erinnert, sondern auch einer der weltbesten Marimbaspieler. Bei ihm übte er nun wie verrückt - und kaufte sich bald ein Vibrafon, "weil ich dachte, damit besser Gigs zu bekommen". Was auch stimmte. Bald spielte er, noch während er an der renommierten Manhattan School of Music studierte, mit seinem Mentor Charlie Hunter, mit Ralph Alessi, Donny McCaslin, Marty Ehrlich, Antonio Sanchez, John Hollenbeck und vielen anderen US-Größen. Und regelmäßig mit dem Münchner Pianisten und Organisten Matthias Bublath, der damals acht Jahre lang in New York lebte.

In Bublaths Band führte ihn der Weg schon mehrmals nach München, noch bevor er ganz hier landete, und bis heute arbeiten Collins und Bublath regelmäßig zusammen. Weil Collins sich für Musik jeder Art und aller Genres interessiert und auch entsprechend breitbandig ausgebildet ist, weil er dementsprechend an seinem Instrument alles beherrscht, von ruhiger Begleitung bis zu furiosen Soli, vom Swing eines Lionel Hampton und von der kreativen Melodik eines Milt Jackson über die bahnbrechende Technik eines Bobby Hutcherson bis zur virtuosen Lässigkeit eines Gary Burton (die er alle intensiv studiert hat), ist er aber auch bei vielen anderen gefragt. Jazzer wie Carolyn Breuer, Max von Mosch oder Henning Sieverts greifen ebenso auf ihn zurück wie Klassik-Ensembles oder die Weltmusiker von Quadro Nuevo. Weil er als Sideman so begehrt ist, aber auch, weil er seit jeher sehr gerne und auf jedem Niveau unterrichtet - außer an Einrichtungen wie der Bavarian International School, der Neuen Jazzschool oder dem Jazzprojekt des Freien Musikzentrums inzwischen auch online über seine eigene Homepage - hat es jetzt fast zehn Jahre gedauert, bis ein neues Album unter eigenem Namen entstanden ist.

"Uncertainty", so der Titel der im Eigenverlag "Radau Records" erschienenen Scheibe, ist Collins viertes und erstes "deutsches" Album. Der Vorgänger "Castles und Hilltops" war zwar bereits hier erschienen, aber noch in Brooklyn mit einer New Yorker Band aufgenommen. Jetzt hat er sich mit den in Deutschland lebenden Japanern Masaki Kai am Bass und Shinya Fukumori am Schlagzeug zu einem Projekt zusammengetan, das nicht nur vom Titel her perfekt in diese seltsame Zeit passt. Ist "Uncertainty" doch trotz Bebop-artiger Ausflüge wie "Babble" überwiegend balladesk und melancholisch eingefärbt. Von "The Other Side" bis zu "Wrecked"spiegelt sich in den berührenden Kompositionen die aktuelle Stimmungslage wieder, von Nachdenklichkeit, Bedrückung, Sehnsucht und Trauer. Aber auch von der Hoffnung auf "Some Other Time" und der Zuversicht eines "I See The Sky". Am Samstag stellt Collins das Album in einem Livestream-Konzert aus der Unterfahrt vor, allerdings in völlig anderer Quartett-Besetzung mit Sam Hylton am Klavier, Tovcho Tsolmonbayar am Bass und Bastian Jütte am Schlagzeug. Reinschauen lohnt sich also doppelt. Beziehungsweise dreifach, weil Collins Spiel auch visuell spektakulär ist.

Tim Collins: "Uncertainty", Radau Records; Livestream am Samstag, 6. Februar, 20 Uhr, Unterfahrt, www.unterfahrt.de

© SZ vom 06.02.2021
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