bedeckt München

Isarvorstadt:Das Brot anders teilen

Im Kirchenraum von St. Anton wird täglich warmes Mittagessen ausgegeben. Die Nachfrage ist groß, stellen die Helfer fest. Für viele der Gäste ist dies auch eine Gelegenheit, der Einsamkeit zu entfliehen

Von Simon Garschhammer, Isarvorstadt

Die Sankt-Anton-Kirche in der südlichen Isarvorstadt an einem Mittwochvormittag: Wo man andächtige Stille erwarten würde, herrscht lebhaftes Treiben. Schon beim Eintreten dringen wuchtige Orgelklänge ins Ohr. Auf den Kirchenbänken sitzen Menschen mit Kaffeebechern in der Hand und plaudern. Mitten in der Kirche steht eine provisorische Küche mit kleinem Backofen, Kühlschrank und Kaffeekocher. Verpackte Gerichte werden aufgewärmt und verteilt, dazu Plätzchen und warme Getränke. Eine lange Schlange hat sich vor der Ausgabe gebildet, der Andrang ist groß. Hier im Hause Gottes also ein Kaffeeklatsch? Und das während des Lockdowns?

Essensausgabe in St.-Antonius-Kirche, Kapuzinerstraße 36

Lange Schlange: Schon eine halbe Stunde, ehe die Essensverteilung beginnt, stellen die Menschen sich an.

(Foto: Florian Peljak)

Tatsächlich handelt es sich um eine Essensausgabe. Mittendrin steht eine dynamische Frau, sie koordiniert die Essensverteilung mit ihren drei Helferinnen und Helfern. Yvonne Möller ist Sozialpädagogin bei der Caritas und leitet das Projekt namens Antoniusküche. Seit Mitte Dezember verteilt sie hier von Montag bis Freitag am Mittag warme Mahlzeiten an Bedürftige. "Ab 11 Uhr verteilen wir das Essen, doch die meisten sind schon um halb elf da", sagt die 49-Jährige. Vor Corona war Yvonne Möller in der Freiwilligenarbeit tätig, seit vergangenem Jahr arbeitet sie vor allem für Bedürftige. "Akutprojekte" nennt sie Essensausgaben wie die Antoniusküche. Davor hat sie einen Foodtruck für Obdachlose am Hauptbahnhof betreut. Die Nachfrage sei kaum noch zu bewältigen gewesen, sagt sie: "Dadurch haben wir gemerkt, wie hoch der Bedarf ist."

Essensausgabe in St.-Antonius-Kirche, Kapuzinerstraße 36

"Es stört doch niemanden", sagt Pfarrer Bernd Kober.

(Foto: Florian Peljak)

Dass Pfarreien Essen für Bedürftige verteilen, ist nichts Untypisches. Doch finden die Essensausgaben sonst entweder vor dem Eingang oder in separaten Räumen statt. "Warum nicht einfach mal die Kirchenräume nutzen? Die Kirche ist ja eigentlich ein Ort des Miteinanders", dachte sich Möller. Und so trug die Caritas zusammen mit der Erzdiözese die Idee an die Pfarrei St. Anton.

"Überraschenderweise haben wir die Anregung erhalten", sagt der Pfarrer der Kirche, Bernd Kober. "Es ist ja das erste Mal in München, dass eine katholische Kirche auf diese Weise genutzt wird, doch für uns war klar, dass wir die Kirche zur Verfügung stellen wollen. Gerade in Zeiten, wo viel Bedürftigkeit da ist, und vielleicht noch mehr entstehen wird", so der 48-Jährige. Bewilligt worden sei das Projekt dann von ganz oben, so Kober. "Der Kardinal persönlich war da und hat sich das angeschaut", erzählt er stolz.

Essensausgabe in St.-Antonius-Kirche, Kapuzinerstraße 36

Leitet das Projekt: Yvonne Möller von der Caritas.

(Foto: Florian Peljak)

Anfangs sei die Verwunderung der Menschen groß gewesen, dass während der Gottesdienste zu ihrer Linken nicht nur Kirchengemälde und Heilige zu sehen waren, sondern auch Kühlschränke und Öfen. Aber die Menschen haben sich daran gewöhnt, stellt Möller lächelnd fest.

Knapp hundert Mahlzeiten werden in der Antoniusküche nun täglich verteilt. Eine davon geht an John. Der 78-Jährige mit seinen zottelig-grauen Haaren kommt jeden Tag hierher. John hat zwar ein Dach über dem Kopf, er lebt in einer kleinen Wohnung am Harras, doch über die Runden kommt er nicht. Obwohl er nicht trinke und auch das Rauchen aufgegeben habe, betont er. John stammt aus England. Als Soldat wurde er vor mehr als 40 Jahren in Norddeutschland stationiert. Doch John schimpft über seine alte Heimat, vor allem über das Sozialsystem. "Ich bin sehr enttäuscht, warum soll ich für so ein Land kämpfen und womöglich sterben?" Ein Projekt wie dieses gebe es in England nicht, glaubt er, John ist froh, in Deutschland zu leben. Doch auch hier spüre er soziale Ungerechtigkeit, die Rente reiche kaum zum Überleben, klagt er.

John ist kein Einzelfall. Die wenigsten Menschen, die hierher kommen, sind "typische Obdachlose", so Kober. Die meisten Menschen hätten eine Wohnung, doch reiche die Rente nicht für ein würdiges Leben im Alter. Viele seien im Laufe der Coronakrise in die Armut gerutscht, bestätigt auch Yvonne Möller.

Eigentlich sollten Tische in der Kirche aufgestellt werden, sodass die Bedürftigen nicht nur Kaffee und Plätzchen genießen, sondern auch ihre warme Mahlzeit in der Kirche zu sich nehmen können. Doch die Corona-Regeln ließen das nicht zu, meint Möller. Dennoch ist zu beobachten, dass die meisten Menschen sich nicht nur ihre Mahlzeit abholen, sondern vorher oder nachher ein bisschen in der Kirche verweilen. "Viele Menschen sind froh, dass sie herkommen können, um mit anderen zu reden" sagt sie. Auch John sind die sozialen Kontakte extrem wichtig. "So ganz alleine, ich kann das schon aushalten einige Tage, aber irgendwie braucht man dann doch die Menschen", sagt er und fügt stolz hinzu: "Als ich länger im Krankenhaus lag, haben mich die Leute danach gefragt: 'Hey John, wo warst du?'".

Bis Ende Mai soll das Projekt weitergeführt werden, was danach passiert, wissen weder Yvonne Möller noch Bernd Kober. Doch sind beide zuversichtlich, dass Projekt fortsetzen und vielleicht sogar ausbauen zu können. Kirchen also als Begegnungsstätten für bedürftige Menschen? Der Bedarf sei jedenfalls da, so Pfarrer Bernd Kober, und die Kapazitäten auch: "Es stört hier ja niemanden. Die eine Option ist, dass die Kirchen leer stehen, die andere, dass man das Leben reinlässt. Man kann natürlich vorne am Altar das Brot teilen, aber wenn das konkret geschieht, dann hat es noch einmal eine andere Bedeutung." Auch Yvonne Möller sieht das Potenzial: "Bei vielen Kirchen ist der Ansatz ja schon da, da müsste man es nur noch in den Kirchenraum bringen." Für sie ist klar: "Das hier ist schon ein Leuchtturmprojekt."

© SZ vom 06.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema