Isarvorstadt Bitterer Nachgeschmack

Hauptberuflich betreut Sven Stabroth Eltern homosexueller Jugendlicher in Kiew, jetzt zeigt er im "Sub" Müllerstraße Männerbilder auf Schokoladenpapier. Eine Ausstellung über die subtile Macht der Geschlechterbilder

Von Margarethe Gallersdörfer, Isarvorstadt

Sie sehen ganz harmlos aus, fast ein wenig schäbig: Die Einwickelpapiere für Schokoladentafeln, die derzeit im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum München "Sub" ausgestellt sind. Man muss nah herantreten, um die Gemeinsamkeit der drei Einwickelpapiere zu erkennen, die sich eine Ausstellungstafel teilen. Auf allen sind Fußballer zu sehen - einer als gezeichnete Figur und zwei Mannschaftsfotos. "Die kamen zur WM 2006 raus", erklärt Sven Stabroth.

Der 39-Jährige ist Kurator der Ausstellung und Sammler der Schokopapiere. Fröhliche Sportler passend zum Fußballfest - das erscheint unaufregend. Erst nach längerer Betrachtung fällt der Blick auf das kleine Schild an der Tafel. "Hegemoniale Männlichkeit als Faktor männlicher (Nicht-)Gesundheit" ist darauf zu lesen. Der Blick auf die Figuren auf dem Papier ist nun völlig verändert: Das Coming Out von Thomas Hitzlsperger kommt in den Sinn. Und dann die anderen, die es ihm aus Furcht vor Ablehnung und Gewalt nicht nachtun.

Die Ausstellung "Bittersüße Stereotype: Männerbilder auf Schokoladenpapier", braucht Zeit und Ruhe des Betrachters, denn Kurator Sven Stabroth arbeitet mit leisen Tönen. Aus seiner riesigen Schokoladenpapier-Sammlung, insgesamt mehr als 15 000 Stück, hat er die ausgewählt, auf denen Männer oder Symbole der Männlichkeit zu sehen sind. Stabroth hat sein Hobby mit seinem Beruf vereint: Seit mehr als 25 Jahren sammelt er Schokoladenpapiere aus aller Welt, schaffte es 1998 sogar ins deutsche Guinness-Buch der Rekorde. Beruflich betreut der Soziologe in der ukrainischen Hauptstadt Kiew "Tergo", einen Zusammenschluss von Eltern lesbischer, schwuler, bi- und transsexueller Jugendlicher. Im Rahmen seiner Arbeit sucht er nach Möglichkeiten, das Thema an die ukrainische Öffentlichkeit zu bringen. Da lag der Rückgriff auf die eigene Sammlung nahe. "Unsere Alltagsgegenstände sind Ausdruck der Kultur, in der wir leben - und damit auch Ausdruck unseres Gesellschaftsmodells und unseres Verständnisses von Geschlecht", sagt Stabroth.

Sven Stabroth, Kurator der Ausstellung im Sub, präsentiert eine Auswahl aus seiner Sammlung.

(Foto: Florian Peljak)

Jeder kennt die Werbetafeln, auf denen makellose Frauenkörper Produkte verkaufen sollen. Weniger bewusst nehme man hingegen die Verpackungen von Produkten wahr, sagt Stabroth, dabei seien die noch unmittelbarer mit dem Ziel gestaltet, Käufer zu locken. "Lange Zeit sollten Schokoladenverpackungen eher Frauen und Kinder ansprechen." Erst als durch das Aufkommen großer Schokoladenkonzerne der Kampf um neue Kundengruppen begann, wurden Verpackungen gestaltet, die speziell Männer ansprechen sollten.

Diese Entwicklung hat es Stabroth ermöglicht, seine Schokoladenpapiere auch beruflich zu nutzen. Nach Kiew, wo er sie zum Jahreswechsel gezeigt hat, sollen die Männerbilder auf Schokoladenpapier nun im Sub in München die Heteronormativität der Gesellschaften, aus denen sie stammen, verdeutlichen. Heteronormativ ist eine Gesellschaft, die von Heterosexualität als Normalzustand ausgeht, die dadurch auch die Geschlechterrollen stark beeinflusst und normt. Heteronormativität ist mächtig: Sie ist es, die homo-, bi- und transsexuellen Menschen bis heute in den meisten Ländern das Leben schwer oder sogar unmöglich macht. Gleichzeitig ist sie schwer zu greifen. Die Wachmänner und Reiter, die Jungen in Pfadfindertracht, der Diskuswerfer auf den Schokoladenpapieren - das soll heteronormativ sein?

Um den scheinbar unschuldigen Bildern die Maske vom Gesicht zu reißen, bedient sich Stabroth eines Kniffs: Jede Ausstellungstafel ist mit einem kleinen Schild versehen. Auf die Schilder hat er Aufsatztitel des russischen Soziologen und Pioniers der sowjetischen Sexualwissenschaften Igor Semjonowitsch Kon geschrieben. Bis zu seinem Tod im Jahr 2011 setzte Kon sich für die Entpathologisierung von Homosexualität und die Akzeptanz von sexuellen Minderheiten ein - und das mit Sprachgewalt, wie die Ausstellung zeigt. Die Einstellung einer Gesellschaft zur Homosexualität bezeichnete Kon als Lackmustest: "Er zeigt die Toleranz einer Gesellschaft und ihre Demokratisierung an. In der Sowjetunion ertrank das Lackmus-Papier in einer Blutlache. Heute färbt es sich schamrot."

Bis es wirkt, dauert es eine Weile. Doch dann ist der Effekt beeindruckend: Eben betrachtet der Besucher noch die beiden bunten Papiere, die sich eine Tafel teilen - auf dem einen ist unter kyrillischen Buchstaben ein Clown zu sehen, auf dem anderen die Comicfigur Zorro. Doch was steht auf dem Schild? "Mondlicht und Morgendämmerung: Gesichter und Masken gleichgeschlechtlicher Liebe". Die poetische Begabung des Sexualwissenschaftlers Kon ermöglicht einen völlig veränderten Blick.

Ein wenig schade: Wegen Platzmangels sind im Sub nur 24 Schokoladenpapiere mit Männerbildern zu sehen. Die eigentliche Ausstellung umfasst circa 150 Exponate sowie von Stabroth übersetzte Auszüge aus den Aufsätzen von Igor Kon. Im Sub gibt es zwar eine kurze Einführung zu Leben und Werk des russischen Sexualwissenschaftlers. Von seinen Texten bekommen die Besucher aber nur die Titel zu lesen. Sehenswert ist die Ausstellung trotzdem: Ist man gerade in der Gegend, lohnt sich ein Besuch in jedem Fall.

"Bittersüße Stereotype" ist bis Sonntag, 26. Juli, im Café des Sub, Müllerstraße 14 zu sehen. Öffnungszeiten: Sonntag bis Donnerstag 19 bis 23 Uhr, Freitag 19 bis 0 Uhr, Samstag von 15 bis 1 Uhr.