Neustart Warum drei junge Leute ihr Leben komplett umgekrempelt haben

Verena Lederer, 25, kündigte ihren Job als Redakteurin.

(Foto: Sophie Wanninger)

Sie kündigen ihren Job, schmeißen die Uni. Was machen sie, wenn sie jetzt scheitern?

Von Ornella Cosenza, Eser Aktay und Serafina Ferizaj

Beauty-Redakteurin ➢ Musikerin

Sie hatte einen festen Job. Einen unbefristeten Vertrag in einer Branche, in der eine Festanstellung zur Seltenheit geworden ist. Und trotzdem spürte sie diese innere Unruhe. Wenn Verena Lederer, 25, davon spricht, beschreibt sie diesen Zustand als "inneren Kampf".

Vielen dürfte Verena als Musikerin und unter ihrem Künstlernamen Klimt bekannt sein. Erst vor Kurzem veröffentlichte sie ihre neue Platte "Dear Sirens" bei einem Konzert im Lost-Weekend. "Es waren sogar ein paar meiner ehemaligen Kollegen da", sagt sie. "Und meine Mutter hat zu mir gesagt, dass sie stolz auf mich ist." Dass all das hätte möglich sein können, das hätte Verena vor ein paar Jahren nicht gedacht. Denn bevor sie sich dazu entschied, sich voll und ganz der Musik zu widmen, sah ihr Leben ganz anders aus.

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Noch während Verena den Studiengang Ressort-Journalismus in Ansbach belegte, ging sie für ein Praktikum bei einem Frauenmagazin nach München. Dort wurde ihr nach Ende des Praktikums eine befristete Redakteursstelle angeboten: Beauty-Redakteurin. Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade Anfang 20. "Ich habe dort wohl einen echt guten Eindruck hinterlassen", sagt sie.

Sie nahm das Angebot an, denn solche Stellen sind hart umkämpft. Sie schloss ihr Studium ab, schriebt ihre Bachelorarbeit, wurde finanziell unabhängig. Als der befristete Vertrag auslief, bekam Verena von ihrem Frauenmagazin das Angebot für einen unbefristeten Vertrag. Und sie unterschrieb. Das war Anfang 2017.

"Ich habe mich natürlich schon darüber gefreut", sagt sie. Doch mit der Freude kamen auch die Zweifel. "Ich habe mich gefragt: Ist das wirklich das, was du willst?", sagt sie. Man muss wissen: Verena nutzte schon damals jede Minute in ihrer Freizeit, um Musik zu machen. Ihr Musik-Projekt Klimt gab es schon seit 2015. Sie haderte mit sich selbst "Man muss sich das mal vergegenwärtigen: Ich musste nicht einmal ein Volontariat machen, was normalerweise üblich ist, um dort hinzukommen, wo ich war", sagt Verena.

Sie fühlte sich manchmal auch so, als wäre sie undankbar, weil die Euphorie einfach doch nicht so groß war. "Mir hat etwas gefehlt. Das habe ich sehr lange für mich behalten, bis ich es meinen engsten Freunden erzählt habe." Mit "es" meint Verena eben diesen Wunsch, Musikerin zu werden, mit Klimt durchzustarten, sich nur noch auf die Musik zu konzentrieren. Ihre Freunde hätten sie dazu ermutigt und an sie geglaubt, aber "meine Eltern waren total schockiert von der Idee", erzählt sie.

Trotzdem entscheidet sie sich für die Musik. "Ende Mai 2017 habe ich gekündigt. Das war die anstrengendste und aufregendste Zeit in meinem Leben", sagt Verena. Es sei eine regelrechte innere Tortur gewesen. "An einem Tag bin ich aufgewacht und war unglücklich, am nächsten Tag war es wieder okay", eine Achterbahn der Gefühle also. "Am Ende ging es mir aber mit der Entscheidung wirklich besser. Weil ich es mir so auch selbst zugestanden habe", sagt sie.

Und jetzt? Sie sei wieder mehr auf die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern angewiesen, denn mit ihrer Musik verdient sie noch nicht genug. "Außerdem habe ich noch ein Netz aus mehreren Nebenjobs", sagt Verena. Sie hat angefangen, ein zweites Mal zu studieren, diesmal Musikwissenschaften und Philosophie. Und wenn das mit der Musik so gar nicht klappt? "Einen Plan B gibt es nicht. Das ist vielleicht auch das Geheimnis. Ich habe ja eine abgeschlossene Ausbildung, vielleicht komme ich irgendwann wieder in den Journalismus", sagt sie. Jetzt steht aber erst einmal eine dreiwöchige Tour durch Italien an.