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Hofspielhaus:Die Liebe ist ein Schmetterling

Carmen Sedlmayr

Frau Sedlmayr beim Büstenhalter (Sepp Schmid). Der kann das auch haptischer, aber das macht man bei Inge Rassaerts nicht.

(Foto: Michaek Klinksik)

Im Hofspielhaus bringt Stefan Kastner seine wundervoll erzählte "Carmen" heraus

Von Egbert Tholl

Das hätte sich der Norbert auch nicht gedacht, dass er mal zu einem Escamillo werden würde. Das ist der Torero aus Bizets Oper "Carmen", um die es hier auch geht, irgendwie, aber ein Torero ist der Norbert sicher nicht. Eher schaut er aus wie eine Figur aus einem Erich-Kästner-Kinderbuch, er hat einen strahlend offenen Blick und einen dicken Bauch, der aber damit zusammenhängt, dass Isabel Kott den Norbert spielt und in diesem ihren Bauch ein Andrea Emanuel heranwächst, was jetzt allerdings das echte Leben berührt, mithin mit der Bühne und Kotts Figur gar nichts zu tun hat. Andererseits weiß man bei Stefan Kastner nie so genau, wo das echte Leben aufhört und das Bühnenleben anfängt.

Kastner erzählt im Hofspielhaus Bizets Oper "Carmen", wie sie noch nie erzählt wurde, wundervoll leicht und versponnen wahr. Auf der Bühne selbst, die von keineswegs ungemütlichen Sitzinseln umgeben ist, sieht man, wegen Corona, nur zwei Menschen, die beide wie stets zauberhaft sind: Die leuchtende Isabel Kott und die monumentale Inge Rassaerts. Die eine ist eben Norbert, der Untermieter, die andere ist die Frau Sedlmayr, die mal am Augsburger Stadttheater war, als die "schwäbische Callas" galt und als Carmen ihren größten Erfolg hatte - zu dem auch gehörte, dass die Theatertruppe auf einer als Tournee-Abstecher getarnten Butterfahrt in Innsbruck unter dem Goldenen Dachl Heizdecken verkaufte. Also schon damals kam's bei den Künstlern so wenig warm raus wie jetzt in Corona-Zeiten. Deswegen: Heizdecke.

Die beiden Damen, von denen die eine die Enkelin der anderen sein könnte, würden für einen wundervollen Abend ausreichen, aber dann hätte man noch keine "Carmen". Und so drängen die Erinnerungen der Frau Sedlmayr den Norbert in die Geschichte, die er dann selbst erlebt, meist im Film, in den Kott und Rassaerts verschwinden, als öffnete man ein Fenster, und wieder auf die Bühne zurückkehren, weil sie dort dann drüber reden müssen, so hin und her. Im Film, in wenigen Tagen gedreht, lässt sich der Herr van Berendonk im alten Mercedes von seiner Chauffeuse, die Hofspielhausherrin Christiane Brammer, durch die Stadt zur Kneipe vom Pedro (Uli Zentner) fahren, wo er die Bedienung anbetet, die ihn aber nicht. Ja freilich, Rena Glück gibt sich als Yvonne schon charmiert vom dampfenden Euphoriker Rainer Haustein, der als Berendonk ihr die Kunst zeigt, von der er nichts weiß, aber ein Geld hat, weil er die Hälfte der Firma Bärenmarke, die ihm gehört hat, verkauft hat. Doch die Yvonne mag den Norbert, der noch ein anderes Erlebnis verdauen muss: Bei der Vermieterin von Frau Sedlmayr sprach er wegen der Erhöhung der Nebenkosten vor, und sah sich dann als Objekt der Begierde von Frau Vermieterin und Tochter Vermieterin, aber er hat mit vollem Einsatz bei Susanne Schroeder die Kosten gedrückt.

Dann also gibt es in diesem zwischen leicht surreal-künstlerischen, fassbinder-vorstädtischen und lebensklug-verschrobenen Film die Tragödie. Natürlich beim Pedro. Weil die Yvonne, die schöne Rena Glück, ihr Unglück nicht vorhersieht und Tango mit dem Norbert tanzt. Am Ende bleibt dem Norbert der Duft einer Rose für die Yvonne, und Frau Sedlmayr erhöht die Miete für den nächsten Untermieter.

Carmen Sedlmayr von Stefan Kastner, Hofspielhaus, Falkenturmstr. 8, Premiere 10. Sept., bis Ende November, 089 / 24 20 93 33

© SZ vom 10.09.2020
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