Haidhauser Nachrichten:Journalismus mit Schere und Kleber

Sie verstehen sich als Plattform für Gegenöffentlichkeit: Seit 1975 machen einige Enthusiasten auf wunderbar altmodische Weise eine Stadtteilzeitung. Über Mieterprobleme, lokale Politik und die Kolumne Freß & Sauf

Von Patrik Stäbler, Haidhausen

Fast eineinhalb Stunden lang dauert diese Redaktionssitzung nun schon, die Packung mit den Schweizer Keksen auf dem Tisch ist ebenso zur Neige gegangen wie das eine oder andere Glas Weißwein. Da erhebt sich Christine Gaupp und sagt: "Ich mach jetzt mal den Computer an" - worauf sie in den Nebenraum hinübergeht und dort einen einsamen Rechner startet.

Zurück bleiben drei Frauen und drei Männer, die weiter an der kommenden Ausgabe der Haidhauser Nachrichten basteln - was hier noch im Wortsinn gemeint ist. Denn wo andernorts in Zeitungsredaktionen das Tagwerk längst vor und mit dem Computer verrichtet wird, gehören bei der Stadtteilzeitung Papier und Stift und später auch Schere und Kleber zum Handwerkszeug. Soeben sind die Hobby-Journalisten Dutzende Zettel mit Artikeln und Fotos durchgegangen, die in der nächsten Ausgabe erscheinen sollen: der Bericht zur Bürgerversammlung samt der Debatte über Veranstaltungen auf dem Mariahilfplatz, außerdem ein Text zu den Plänen des Landtags für ein Café im Maxwerk, aber auch ein Foto der neuen Lastenrad-Schilder in der Sedanstraße. Und wie sieht es mit den Flyern der Gruppierung "Smash IAA" aus, die seit Kurzem vielerorts im Viertel kleben? "Ich denke, das sollten wir bringen", sagt Andreas Bohl, während er das Foto eines solchen Plakats seiner Kollegin weiterreicht.

Haidhauser Nachrichten: Redaktionssitzung für die nächste Ausgabe der "Haidhauser Nachrichten": Im Nebenzimmer gibt es übrigens einen Computer, immerhin.

Redaktionssitzung für die nächste Ausgabe der "Haidhauser Nachrichten": Im Nebenzimmer gibt es übrigens einen Computer, immerhin.

(Foto: Robert Haas)

Bohl ist so was wie der Dinosaurier im Raum. Seit 1985 schreibt er für die Haidhauser Nachrichten (HN) - ehrenamtlich, so wie alle hier. Was ihn motiviere, sich bei der Stadtteilzeitung zu engagieren? "Zwei Dinge", sagt Bohl, ein gelernter Buchhändler, der mit seinem ergrauten Dreitagebart, der runden Brille und den Hosenträgern bei jedem Casting die Rolle des Reporters ergattern würde. "Erstens ist es der Versuch, politisch etwas zu bewegen." Etwa im Falle von Mietergemeinschaften, deren Häuser von Luxussanierungen bedroht seien - ein Leib- und Magenthema der HN. "Da ergreifen wir auch mal Partei und stellen uns auf die Seite der Mieter", sagt Bohl. Der zweite Punkt, den er an der Redaktionsarbeit schätze: "Wir sind hier alle auf Augenhöhe. Es gibt keinen Ressortleiter, der bestimmt, sondern wir entscheiden gemeinsam."

Haidhausen in München im Frühling

Der Furcht vor steigenden Mieten und Luxussanierung im idyllischen Viertel - hier der Weißenburger Platz - widmet sich bereits die allererste Ausgabe.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Dieser basisdemokratische Ansatz ist bei den HN fest verwurzelt seit den Anfangszeiten. Ende 1975 erschien die erste Ausgabe - herausgegeben von einigen Menschen aus dem Viertel, die sich aufgrund der beginnenden Stadtteilsanierung zusammengetan hatten. Ihre Sorge veranschaulicht die Überschrift auf der allerersten Titelseite: "Häuser in Gefahr!" Und weiter heißt es dort: "Sanierung: Was muss man zahlen?" Die Gründer hätten mit der Zeitung eine "Plattform für die Gegenöffentlichkeit" schaffen wollen, sagt Andreas Bohl. Schon damals habe viele Bewohner im Viertel die Furcht vor steigenden Mieten infolge der Sanierungen umgetrieben - ein Thema, das heute noch sehr präsent ist in Haidhausen, wo Segen und Fluch der Gentrifizierung so eindrücklich zu sehen und spüren sind wie an kaum einem anderen Ort in München.

Haidhauser Nachrichten: Hier die allererste Ausgabe der Haidhauser Nachrichten aus dem Jahr 1975. Aktuell umfasst die Auflage 1200 Stück. Und immerhin: 200 Exemplare gehen an feste Abonnenten.

Hier die allererste Ausgabe der Haidhauser Nachrichten aus dem Jahr 1975. Aktuell umfasst die Auflage 1200 Stück. Und immerhin: 200 Exemplare gehen an feste Abonnenten.

(Foto: privat)

"Mieterthemen, die 2. Stammstrecke, aber auch Antirassismus und alles, was im BA passiert - das sind Schwerpunktthemen bei uns", sagt Christine Gaupp, die ebenso seit Jahrzehnten zur Redaktion gehört. Mit dem Kürzel BA meint sie den Bezirksausschuss Au-Haidhausen, über dessen Tun die HN kontinuierlich berichten - oft wohlwollend, mitunter aber auch kritisch. "Wir werden von den BA-Mitgliedern gelesen, und die juckt das manchmal auch", sagt Gaupp. "Dann wird man angesprochen, nach dem Motto: Was war denn das für ein blöder Artikel? Oder: Das war genau richtig, wie ihr das geschrieben habt." Nebst Berichten und Bildern aus dem Stadtviertel finden sich auf den circa zwölf Zeitungsseiten stets ein Gedicht, Ankündigungen und die beliebte Gastro-Kolumne "Freß & Sauf" - meist über jenes Lokal, in dem zu Monatsbeginn eine Redaktionssitzung stattgefunden hat. Mitunter blicken die HN aber auch über den Haidhauser Tellerrand hinaus, ins übrige Stadtgebiet, nach Deutschland und in die Welt. "Im Gegensatz zum vorherrschenden Nicht-Meinungs-Journalismus", so sagt es Christine Gaupp, "können wir es uns mehr erlauben, eine Meinung zu haben". Dennoch versuche man, journalistische Standards einzuhalten und etwa bei strittigen Themen beide Seiten zu berücksichtigen.

Immer am Monatsanfang erscheint eine neue Ausgabe der Haidhauser Nachrichten, aktuelle Auflage: 1200 Exemplare. Etwa 200 davon gehen an Abonnenten; der Rest wird in Geschäften und über Zeitungskästen verkauft - zum Preis von 1,50 Euro. Hinter den HN steht der Verein Stadtteilkultur Haidhausen/Au; finanziert wird die Zeitung durch Mitgliedsbeiträge, Verkaufs- und Anzeigenerlöse. Man strebe keine Gewinne an, betont Andreas Bohl, der auch für die Finanzen zuständig ist. "Wir versuchen, mit plus minus Null rauszukommen - und das gelingt nicht immer gleich gut." Um Kosten zu sparen, wird ein Großteil der Zeitungsproduktion in Eigenarbeit erledigt: Sind alle Artikel für die Ausgabe beisammen, greift die Redaktion zu Schere und Kleber, um Texte und Fotos händisch auf die Spalten der einzelnen Seiten zu verteilen. Diese Vorlage geht dann zu einer Layouterin und weiter in den Druck, ehe die fertigen Seiten zurück in die Redaktionsräume in der Breisacher Straße kommen. Dort treffen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der HN dann erneut, um die Papierbögen zu falten, zusammenzulegen - und die fertigen Zeitungen auszutragen.

All das kommt obendrauf zur Recherche und zum Schreiben der Artikel. Viel Freizeit also, die die circa zehn Redakteurinnen und Redakteure jeden Monat opfern. "Bei einigen hier ist es sicher ein Stück weit Passion", sagt Christine Gaupp, wenn man sie nach den Gründen für so viel Engagement fragt. "Außerdem sind wir alle befreundet. Ich denke, wir würden uns auch ohne Zeitung treffen." Sagt's und widmet sich wieder der nächsten Ausgabe, was sich auch an diesem Abend bis nach 23 Uhr ziehen wird. Doch der Einsatz wird schon wenige Tage später belohnt - wenn die neue Ausgabe der Haidhauser Nachrichten in den Brief- und Zeitungskästen des Stadtviertels liegt.

© SZ vom 14.08.2021
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