bedeckt München 17°
vgwortpixel

Haidhausen:"Wir haben es immer geschafft"

Lina schimpft nie, keiner blamiert sich vor ihr: Wahrscheinlich deshalb lesen die Kinder so gerne der Hündin vor.

(Foto: Bruno Wengert/oh)

Trotz Corona-Krise hält das Team des Projekt-Ladens International den Kontakt zu Familien, Frauen und Kindern

Heidi Philipps würde manchmal gerne eine Kamera an die Decke des "Projekt-Laden International" hängen. So könnte sie aufzeichnen, wie viele unterschiedliche Gruppen und Aktionen in ihren Räumen an der Metzstraße täglich eine Heimat finden. Alles unter dem Leitspruch "Fremde werden Freunde", den sich dieser besondere Haidhauser Laden selbst gegeben hat. Die Kamera würde Bilder aufzeichnen, wie "energiereiche Kinder" dort lernen, wo kurz zuvor noch Frauen aus Marokko und Frankreich ungeahnte Gemeinsamkeiten entdeckten. Und sie würde vor allem zeigen, wie wenig Platz Philipps und ihr Team eigentlich für die Gruppen haben und wie eng der Ablauf "zeitlich getaktet" ist, sagt Philipps. Zumindest normalweise, wenn sich die internationale Frauengruppe und die Grundschulgruppe die Klinke in die Hand geben. Momentan würde die Kamera an der Decke nur einen leeren Raum zeigen. Mit Einbauschränken an den Wänden, schlaff an den Wänden hängenden Tischen, die ansonsten für die Grundschulkinder aufgeklappt in den Raum ragen und davor gestapelte Holzstühle. Man würde vielleicht erkennen, wie alles in dem Raum darauf ausgelegt ist, möglichst effizient Platz zu sparen. Und ein selbstgestaltetes Plakat an der Wand würde auffallen, auf dem Tipps stehen, wie die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen sei: Hände waschen et cetera. Kein Tipp auf dem Plakat, aber seit nun etwa zwei Wochen Praxis ist eine andere Folge des Coronavirus: Der Projekt-Laden ist vorübergehend geschlossen.

Das Arbeiten habe das Team deswegen nicht eingestellt, sagt Philipps. Wie auch, denn die "Sorge um die Familien" sei momentan in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen besonders groß. Manche Familien "leben extrem beengt", weiß sie. Da teilen sich zum Beispiel zwei Geschwister ein kleines Zimmer, in dem der eine vielleicht gerade lernen muss, während der andere lieber Videos streamen will. Derzeit telefonieren die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen des Projekt-Ladens ihre Familien durch, erzählt Philipps. Um die 100 Familien haben sie im Verteiler, die sie ansonsten mit ihrem regulären Angebot übers Jahr erreichen. Sie klären dann auf, verfassen Mails zum Coronavirus und geben Tipps, wie sich die freie Zeit nun sinnvoll füllen lässt. Alles in einfacher Sprache. Viele Eltern haben Deutsch erst gelernt, als sie ihr Lebensweg nach Deutschland führte, teils in Kursen des Projekt-Ladens.

Sehr wichtig ist Philipps weiterhin die Betreuung der Grundschüler. "Unsere FSJ-lerin schreibt Briefe an die Kinder", jedes Jahr absolviert jemand ein Freiwilliges Soziales Jahr im Projekt-Laden. Oder die Betreuer telefonieren mit den Kindern. Gerade bei den Viertklässlern stehe ja der Übertritt bevor, da ist es "einfach blöd, wenn jetzt eine lange Pause ist". Das funktioniere ganz gut, berichtet Philipps. Auch wenn derzeit ein besonderes Angebot zum Lesenlernen ausfallen muss: der Besuch von Lina. Ihr können die Kinder vorlesen, ohne Angst haben zu müssen, dass sie sich blamieren. Denn Lina ist ein Hund, der für diese Situation eigens trainiert ist.

Eigentlich bräuchte es im normalen Betrieb mehr Platz, sagt Philipps. Manchmal müsse man eine Gruppe regelrecht "rausschieben", weil die nächste schon vor der Tür wartet. Allein es fehlt aktuell das Geld. Im kommenden Jahr läuft zudem eine Förderung durch den Freistaat aus, weil dort die "Projektförderung nicht auf Dauer ausgelegt sei", berichtet Philipps. Aber entmutigen lässt sie sich davon nicht.

Sie arbeitet seit 1989 in der Haidhauser Einrichtung. Damals hieß sie noch "Projekt-Laden Ausländerarbeit" und war vor neun Jahren von einer Studierendengruppe der Katholischen Stiftungsfachhochschule aufgebaut worden. Bei all dem, was der Projekt-Laden in den vergangenen 40 Jahren so erlebt hat, würde die Kamera an der Decke auch nach der Corona-Zeit wieder reges Treiben aufzeichnen. Und vielleicht ja auch in zusätzlichen Räumen an der Decke hängen. "Wir haben es immer geschafft", sagt Heidi Philipps noch. Sie muss es wissen.

© SZ vom 03.04.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite