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Haidhausen:Mal schnell eine Geige drucken

Im "Erfindergarden" an der Oefelestraße können Laien mit modernen Geräten maßgeschneiderte Dinge produzieren

Wäre Super Mario Handwerker und nicht Klempner, dann würde er an der Oefelestraße 4 wohnen: Der große Raum mit langem Tisch, Regalen, Werkbänken und einigen Truhen sieht aus wie eine Werkstatt - aus einem Gameboy-Spiel. Es riecht nach Plastik, und ein heller Ton dringt aus einer der drei neon-orangefarbenen Kisten, die an der Wand stehen. Es ist ein 3D-Drucker, der mit einer beweglichen Düse Schicht für Schicht ein Zahnrad aus Plastik formt.

"Man kann fast alles damit herstellen", sagt Andreas Kopp und schaut stolz auf den Laptop, auf dem das Modell des Zahnrads deutlich zu sehen ist. Mit seinem buschigen Schnurrbart sieht der 35-Jährige selbst aus wie Super Mario. Auf seinem schwarzen T-Shirt steht mit großen pixeligen Buchstaben "Erfindergarden". So heißt der Laden, den er vor zwei Jahren mit zwei Freunden gegründet hat. "Wir haben hier auch noch eine CNC-Fräse und einen Lasercutter", sagt er nicht weniger stolz. Mit solchen Geräten ausgestattet, kann er fast alles bauen - vom Batteriedeckel über die Drohne bis hin zur intelligenten Pflanzenbewässerungsmaschine mit eingebautem Feuchtigkeitssensor.

Der Erfindergarden ist ein Fabrikationslabor, ein sogenanntes Fablab. So heißen die offenen Werkstätten, in denen ganz normale Leute aus der Nachbarschaft mit computergesteuertem Industriegerät herumwerkeln. Die Gründer sind Menschen wie Kopp: enthusiastische Techies, die anpacken wollen. Richtige Macher eben - oder "Maker", wie sie sich selbst nennen. Sie sind Teil einer jungen und global vernetzten Subkultur, die sich als Avantgarde der digitalen Revolution versteht. Auf der ganzen Welt schießen derzeit die Fablabs aus dem Boden. Etwa 50 gibt es schon in ganz Deutschland, drei davon in München.

Im großen Raum sitzt eine Gruppe ergrauter Herren, die erstmals zu einem Workshop in den Erfindergarden gekommen sind. Die meisten von ihnen sind Hobbyheimwerker, die sonst an kaputten Brotschneidemaschinen oder Grammophonen herumschrauben. Sie hören mit hochgezogenen Augenbrauen zwei jungen Frauen zu, die sie in die geheimnisvolle Welt des digitalen Handwerks einweihen.

Astrid Lorenzen hält ihnen einen kaputten Handmixer aus den Achtzigerjahren vor die Nase. "Dafür finden Sie doch bestimmt keine Ersatzteile mehr", sagt sie in die Runde. Die Herren nicken heftig und fühlen sich verstanden. Das Zahnrad hat sich verbraucht. Im 3D-Drucker entsteht gerade ein neues. "Dass wir immer alles wegschmeißen, statt es zu reparieren, ist ein riesiges ökologisches Problem", sagt sie. Doch mit digitaler Technik könne man vieles wieder zum Laufen bringen. Umweltschutz 4.0 sozusagen.

Geduldig erklärt sie den Herren, wie man das Zahnrad zunächst am PC modelliert: CAD, Slicer, G-Codes. Verwirrte Blicke. Manche Teile gibt es auch als Vorlage im Internet. Das Zahnrad allerdings nicht. Die Industriedesignerin musste es genau ausmessen, die Zähnchen abzählen und am Computer durch Zylinder, Kreise und geometrische Figuren nachstellen. "Das Modellieren kann auch mal drei Stunden dauern, je nachdem, wie kompliziert das Teil ist", erklärt Lorenzen. Anschließend übersetzt das Programm die Informationen in die Sprache des 3D-Druckers. Wie von Geisterhand lässt dieser dann in millimeterdünnen Schichten das Bauteil entstehen, das sogar stabiler ist als das Original.

Aus dem kleinen Raum hinter einer Schiebetür dringt das laute Lachen einiger Jugendlicher. Sie sind mit anderen Dingen beschäftigt und hätten beim Workshop sicher nichts Neues erfahren. Einer zockt, zwei kebbeln, der vierte schaut gebannt auf den Code auf seinem Bildschirm.

Thomas Runge steht daneben. Schon seit zwei Jahren kommt der 16-Jährige in den Erfindergarden. "Am Anfang fand ich es komisch", erzählt er. "Ich spiele Geige und hab" daher nie viel vor dem PC gehockt. Aber dann hab' ich hier den Laser und die Fräse entdeckt." Schnell hat er die Programmiersprache Python gelernt und konnte sich bald selbst an die Arbeit machen. "Im Internet habe ich gesehen, wie sich ein Chinese mit einem 3D-Drucker eine Geige gebaut hat. Das hab' ich auch gemacht." Außer den Saiten habe er fast alle Einzelteile aus Plastik gedruckt und zusammengebastelt. "Das Blöde ist nur, sie klingt so kalt. Nach Plastik eben", sagt Runge und lacht. Aber Spaß gemacht habe es allemal.

Etwa 15 Jugendliche kommen regelmäßig mittwochs und freitags in den Erfindergarden. "So etwas gab es bei mir selbst an der Uni nicht", sagt Kopp, der Maschinenbau studiert hat. "Ich wollte einen Raum schaffen, in dem junge Menschen etwas lernen und sich an neuester Technologie austoben können." Ein 15-Jähriger gibt Grundschulkindern Workshops in spielerischem Programmieren. Und von den Rentnern nebenan wird sicherlich auch einer wiederkommen, um sich hier ein Ersatzteil für seine Brotmaschine zu drucken. "Aber sie sollen ihr Wissen auch weitergeben", das ist ihm wichtig.

Mitgliedschaften für Kinder und Jugendliche gibt es ab 35 Euro, Familien zahlen ab 65 Euro im Monat. Davon bezahlt Kopp die Miete und die Rohstoffe. Und die Maschinen werden mittlerweile immer günstiger. Ein 3D-Drucker ist schon ab 150 Euro zu bekommen, ein Lasercutter ab 1500 Euro. Die übrigen Kosten holt er über Veranstaltungen für Firmen rein: Weihnachtsfeiern, Betriebsausflüge oder Workshops, und auch die fünf Plätze an dem großen Tisch vermietet er tagsüber an Selbständige. Kopp nennt das "Robin-Hood-Modell" - von denen mehr einnehmen, die es haben. Eine Mischkalkulation, die das Bildungsangebot für die Jugendlichen mitfinanziert und von staatlicher Förderung weitgehend unabhängig bleiben soll.

So ist der Erfindergarden nicht nur Bastelstube und Produktschmiede, sondern auch Jugendzentrum, Volkshochschule, Nachbarschaftstreff und Verein in einem. Und am Ende soll sogar etwas gerettet werden: Zwar keine Prinzessin, aber dafür die Umwelt. Fast wie bei Super Mario.