Haidhausen Hinter den Schatten

Der junge Iraner Reza Kazemi zeigt im HEI Schwarz-Weiß-Fotografien von intensiver poetischer Kraft. Bei der Vernissage kann der Student aus Shiraz nur via Skype dabei sein

Von Jutta Czeguhn

Die Fotografien von Reza Kazemi hängen an den Wänden im HEI-Café - ohne Glas in dunklen Passepartouts und schwarzen Rahmen.

(Foto: Robert Haas)

Ein älterer Mann schleppt einen Holzquader herein und lässt ihn ächzend auf einen der zierlichen Tische sinken. Dort liegt er dann wie in einem traditionellen Kaffeehaus, sagen wir, ein Herrenhut. Im Werkstattcafé im HEI, dem Haus für Eigenarbeit in Haidhausen, darf alles geschehen, und zwar gleichzeitig. Leute machen schöpferische Pausen oder warten mit einem Eimer Lavagranulat darauf, dass ihnen ein Fachberater den entscheidenden Tipp gibt, Rudi Niklaus nimmt hinter dem Empfangstresen gelassen Kursbuchungen entgegen, wenn er nicht gerade den Filter der Kaffeemaschine repariert. Geht die Glastür zur Werkstatt auf, wird es für einen Moment so laut, als stünde man neben der Kreissäge. Birgit Rösner hat ein sehr zufriedenes Lächeln im Gesicht. Keinen besseren Ort könne sie sich vorstellen für Rezas Fotografien.

Reza, das ist Mohammad Reza Kazemi, 19 Jahre alt, Kunst- und Musikstudent. Er lebt gute 5000 Kilometer entfernt vom HEI in Shiraz, das die Iraner die "Stadt der Blumen und Nachtigallen" nennen. Dort hat ihn Birgit Rösner, die Künstlerin aus Trudering, im Herbst 2017 kennengelernt, als sie das Land gemeinsam mit einer persischen Freundin bereiste. In deren weitverzweigten Familien- und Freundeskreis wurden sie und ihr Mann weitergereicht. In Shiraz, bei einem von Gastfreundschaft überbordenden Abendessen, saß dann dieser Student neben ihr, er war der einzige im Raum, der englisch sprach. Reza, der aus einer Familie stammt, in der Kunst und Kultur eine große Rolle spielen, Reza, den seine Großmutter wegen seiner langen Haare "den Beatle" nennt, der Musik spielt, Rock 'n' Roll, Blues und iranische Klassik. Das alles erfährt Rösner, und irgendwann zeigt dieser Reza ihr dann seine Fotoarbeiten auf dem Smartphone. "Die Poesie seines Blickwinkels, die Wirkung des Lichts in diesen Bildern haben mich wahnsinnig fasziniert", sagt Rösner. Diese Fotos, denkt sie sofort, sollten mehr Leute sehen. Und Reza ist begeistert, denn er wünscht sich, dass Menschen aus anderen Ländern und Kulturen etwas über die Kunst und die Künstler in Iran erfahren.

"Licht und Schatten sind Hauptelemente in den meisten meiner Fotos", so Reza Kazemi.

(Foto: Robert Haas)

Wieder daheim in München, beginnt Birgit Rösner, die Ausstellung im HEI zu organisieren. Die Schwarz-Weiß-Arbeiten mit dem sanften Sepia-Ton kommen schließlich als Paketsendung. Es sind knapp zwanzig. An den unruhigen Wänden im HEI-Café hängen sie nun ohne Glas in dunklen Passepartouts und schwarzen Rahmen. Sie sind wie zurückhaltende Gäste, die Momente der Stille in diesen lebendigen Raum bringen. Zur Eröffnung seiner Schau durfte Kazemi nicht anreisen, er hatte kein Visum bekommen. Die Alleskönner vom HEI aber haben es möglich gemacht, dass er via Skype trotzdem dabei war und die Besucher begrüßen konnte.

Vieles kann den Fotografen Reza Kazemi inspirieren. "Manchmal ist es ein Musikstück, der Vers eines Gedichts, ein Gemälde oder sogar eine Straßenszene" sagt der 19-jährige Kunststudent aus Shiraz, der erst vor einem Jahr aktiv mit dem Fotografieren begonnen hat, über seine Motive.

(Foto: Robert Haas)

Reza Kazemi hat seiner Schau den Titel "Eastern Shadows" gegeben. "Licht und Schatten sind Hauptelemente in den meisten meiner Fotos", wird er später per E-Mail erklären. Der Schatten erzähle sehr viel über ein Objekt, wenn es selbst gar nicht deutlich sichtbar sei. Wie die Frauen, die in Kazemis Bildern schemenhafte und doch sehr intensive Auftritte haben. Den Männern kann er sich unmittelbarer, im Stil der Streetphotography, nähern; da gibt es Fensterputzer, die sich wie Alpinisten von Gebäuden abseilen, Gläubige, die sich im Trauermonat Muharram zu Ritualen auf den Straßen sammeln, alte Männer mit müden Augen. Nicht von ungefähr nennt der Student Henri Cartier-Bresson, Sebastião Salgado oder seinen Landsmann Reza Deghati als Vorbilder.

Etliche seiner Fotos hat Reza Kazemi, der auch oft Konzerte fotografiert, wie Bühnenbilder arrangiert: in anonymen, ortlosen Räumen, schafft er dichte Atmosphären, die irgendwie auch eine Musikalität in sich tragen. Denn Musik ist Kazemis andere Leidenschaft. Bei der Vernissage hat der junge Mann in Shiraz irgendwann zur Gitarre gegriffen und seinen Gästen im HEi aus der Ferne - berührend schön - zwei Lieder seiner Heimat gespielt.

Birgit Rösner hat Reza Kazemi nach München geholt.

(Foto: Robert Haas)

"Eastern Shadows", Reza Kazemi, HEI, Werkstatt-Café, Wörthstraße 42, bis 11. September, Dienstag bis Freitag, 15 bis 21 Uhr, Samstag, 12 bis 18 Uhr.