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Haidhausen:Ein echter Lichtanknipser

"Wir sind noch da!", sagt Organisator Peter Euser.

(Foto: Yoav Kedem)

Vielfalt bei den Künstlertagen im Quartier

Von Patrik Stäbler, Haidhausen

Das Wörtchen "Obacht!" - mit Ausrufezeichen hintendran - haben die Macher von "Kultur im Quartier" dem Titel ihrer Haidhauser Künstlertage seit der Premiere im Jahr 2005 vorangestellt. Doch noch nie scheint der Ausruf so passend wie bei der elften Auflage der zweijährlichen Veranstaltung, die heuer vom 2. bis 4. Juli zwischen Ostbahnhof und Maximilianeum über die Bühne geht. Denn diesmal mahnt das "Obacht!" nicht nur zu mehr Aufmerksamkeit für die künstlerische Vielfalt im Stadtteil. Sondern nach dem monatelangen Kulturnotstand, verursacht von einer Pandemie, die viele Kunstschaffende an ihre Grenzen und darüber hinaus gebracht hat, monetär ebenso wie mental - nach alledem also muss man den Ausspruch auch als Weck- und Hilferuf verstehen: Gebt Obacht, sonst droht ein kultureller Aderlass!

Keine Frage, hinter vielen Künstlerinnen und Künstlern liege eine "dunkle Zeit", so formuliert es Peter Euser. Der Fotograf und Lichtkünstler ist als Nachfolger von Eva Sperner erstmals Cheforganisator dieser Kulturbiennale, bei der zwei Dutzend Haidhauser Ateliers ihre Türen fürs Publikum öffnen und mehr als 40 Künstlerinnen und Künstler ihre Werke zeigen. Für viele sei die dreitägige Veranstaltung ein "echter Lichtanknipser", sagt Euser. Schließlich haben sie erstmals seit den langen Lockdown-Monaten wieder die Möglichkeit, ihre Werke einem größeren Publikum zu präsentieren. "Als Künstler fragst du dich ja ohnehin ständig, wozu und für wen du deine Kunst machst", sagt Peter Euser. Umso schwieriger sei die lange Zeit ohne Ausstellungen, mit geschlossenen Ateliers und Museen gewesen. "Man ist komplett abgeschottet, und das ist existenzbedrohend - finanziell, aber auch für die Kreativität."

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Peter Euser in seinem Atelier an der Wörthstraße, direkt am Bordeauxplatz. In all der Zeit hat er miterlebt, wie sich das Stadtviertel verändert hat - und wie es für viele Kulturschaffende immer schwieriger wurde inmitten von Gentrifizierung und Mietirrsinn. Dabei habe doch gerade die Coronakrise vor Augen geführt, "dass das Straßenbild und die Qualität eines Stadtteils stark davon abhängt, ob die Kneipen offen sind, ob die Läden offen sind und ob Kultur stattfinden kann", sagt Euser. Haidhausen habe dabei immer noch "den Nimbus als Viertel, in dem etwas passiert" - auch dank der vielen Künstlerinnen und Künstler, dank der Ateliers, dank der inhabergeführten Läden. Oder wie es Peter Euser ausdrückt: "Jeder Hausbesitzer in Haidhausen kann nur hoffen, dass es uns auch weiterhin hier geben wird."

Wie vielfältig die Kulturlandschaft in dem Stadtteil auch abseits großer Player wie dem Gasteig, der Muffathalle und dem Jazzclub Unterfahrt ist, das will "Obacht! Kultur im Quartier" den Besucherinnen und Besuchern vor Augen führen. In den teilnehmenden Ateliers und Einrichtungen wie dem Üblacker-Häusl oder dem Haidhausen Museum ist zuvorderst Malerei zu sehen, etwa von Newsha Djavadipour-Sigari und Cornelia Eichacker, aber auch Keramik und Schmuck, Zeichnungen und Illustrationen, Holzskulpturen von Jörg Herz, Eisenschnitzereien von Harald Peters und vieles mehr. Die sonst übliche Gemeinschaftsausstellung in der Jugendkirche muss dieses Jahr wegen der Hygieneauflagen zwar entfallen. Doch stehe mit dem Kolpingsaal an der Kirchenstraße weiterhin ein Ausstellungsort zur Verfügung, wo Kunstschaffende ohne eigenes Atelier ihre Werke zeigen können, sagt Peter Euser. Er hatte ursprünglich vorgehabt, auf dem Bordeauxplatz ein Musikzelt aufzustellen - ein Plan, den die Pandemie aber ebenfalls zunichte machte. Dennoch wird es bei "Kultur im Quartier" eine Reihe von Konzerten, Lesungen und Mitmach-Workshops geben. Sie finden nun in den einzelnen Ateliers statt - ebenso wie die jeweiligen Vernissagen.

"Ganz ehrlich, ich war zwischendrin schon kurz davor, alles hinzuschmeißen", sagt Euser über die Vorbereitungen für die Veranstaltung, die aufgrund der ständig wechselnden Corona-Lage einer Achterbahnfahrt geglichen habe. "Außerdem waren wir alle eh schon mürbe, weil wir unseren eigentlichen Beruf so lange nicht ausüben konnten." Doch dann hätten sein Organisationsteam und er trotz aller Widrigkeiten beschlossen, das "Obacht!"-Festival durchzuziehen. "Und jetzt", sagt Peter Euser, "freuen wir uns richtig drauf." Welches Signal die Macher mit ihrer Kulturbiennale aussenden wollen? Bei dieser Frage muss der Haidhauser Künstler nicht lange überlegen. "Wir sind noch da!", sagt der 67-Jährige, wobei er jedes Wort einzeln betont. "Wir brauchen Menschen, die unsere Kunst anschauen - und auch Menschen, die unsere Kunst kaufen."

"Obacht! Kultur im Quartier" findet vom 2. bis 4. Juli in Haidhausen statt - am Freitag und Samstag von 14 bis 21 Uhr, am Sonntag von 14 bis 19 Uhr. Infos zu den teilnehmenden Ateliers und Kunstschaffenden stehen im Internet auf kultur-im-quartier.de.

© SZ vom 19.06.2021
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