München Windstärke zehn

Seit einer Dekade wird in Grünwald "Sturm der Liebe" gedreht. Nun würdigt eine Ausstellung auf dem Bavaria-Filmgelände die Telenovela der ARD. Die Serie nimmt es mit der Logik zwar nicht so genau, ist dafür aber bereits in mehr als 20 Länder verkauft worden

Von Konstantin Kaip, Grünwald

Im Gegensatz zur Seifenoper ist die Telenovela eigentlich ein zeitlich begrenztes Format. In Brasilien, wo diese Gattung des Fernsehspiels erfunden wurde, laufen allein auf dem größten Sender TV Globo drei davon täglich, bis sie nach etwa einem Jahr von neuen Novelas abgelöst werden. Auch "Sturm der Liebe", 2005 bei der Bavaria-Fernsehproduktion GmbH für die ARD in Auftrag gegeben - als Gegenstück zur ZDF-Serie "Bianca" - sollte zunächst nur 100 Folgen lang dauern. Die Nachmittagsserie um Liebe und Intrigen im Landhotel "Fürstenhof" aber wurde zum Erfolgsformat: In diesem Sommer wird die 2305. Folge gedreht, ein Ende ist nicht in Sicht. "Sturm der Liebe" wurde inzwischen in mehr als 20 Länder verkauft und läuft unter anderem in Italien, Polen und Finnland.

Gewürdigt wird die zehnjährige Erfolgsgeschichte mit einer Jubiläumsfolge im Musical-Stil, die soeben abgedreht wurde - und mit einer Ausstellung in der Bavaria-Filmstadt in Geiselgasteig. Bis zum 13. September ist das Bavaria-Foyer dort für die Fans der Serie - die Sendungen haben laut ARD durchschnittlich etwa 2,5 Millionen Zuschauer - eine Art kultischer Ort, in dem sie dem "Fürstenhof" und seinen Protagonisten anhand von Originalkostümen und Requisiten ganz nahe kommen können. Alle anderen haben dort Gelegenheit, sich bei einem Blick hinter die Kulissen dem in Grünwald produzierten Dauersturm der Emotionen anzunähern, den man getrost als Phänomen der Fernsehunterhaltung bezeichnen könnte. Schließlich erzielte "Sturm der Liebe" laut der britischen Digital TV Research im Jahr 2012 Einnahmen von 93,2 Millionen US-Dollar auf dem europäischen Fernsehmarkt und schaffte es als einzige nicht in den USA produzierte Serie in die Top Ten.

Bei der Ausstellungseröffnung feiern Birte Wentzek, Dirk Galuba, Produzentin Bea Schmidt, Joachim Laetsch und Sepp Schauer (v. l.) zehn Jahre "Sturm der Liebe".

(Foto: Claus Schunk)

Gelungen ist das den Machern mit einem Konzept, das der Chefautor Peter Süß so beschreibt: "Die ewige Variation des Gleichen." Die Handlung verläuft stets um ein Traumpaar, das nach langen Irrungen und Wirrungen schließlich zusammenfindet, dabei allerdings von einer bösen Intrigantin gestört wird. Die erste stürmische Liebesgeschichte drehte sich um Laura Mahler und Alexander Saalfeld, derzeit finden Julia Wegener und Niklas Stahl zusammen, und noch in diesem Jahr startet die elfte Staffel mit Luisa Reisinger und Sebastian Wegener. In diesem Sinn ist "Sturm der Liebe" eine Telenovela geblieben. Insgesamt 82 Hauptdarsteller und 247 Nebendarsteller hat es bislang im "Fürstenhof" gegeben.

Nur vier sind als Konstanten von Anfang an dabei: Die Hoteliers Werner und Charlotte Saalfeld (Dirk Galuba und Monika Seefried) und der Chefportier Alfons Sonnbichler, gespielt von Sepp Schauer, mit seiner warmherzigen Gattin Hildegard (Antje Hagen). Während die Sonnbichlers den sturmsicheren moralischen Ruhepol der Geschehnisse um das Luxushotel im fiktiven Örtchen Bichlheim bilden, das die Macher übrigens in den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen verorten, sind die Saalfelds schon seit der zweiten Staffel kein Paar mehr. Werner erliegt immer wieder seiner Schwäche für schöne junge Frauen, die es mit der Treue nicht so genau nehmen, und Charlotte ist inzwischen mit dem Erzfeind ihres Exmannes, dem machtbesessenen Friedrich Stahl, verheiratet.

Edle Roben gibt es zu sehen.

(Foto: Claus Schunk)

In der Ausstellung, die die Szenenbildnerin Claudia Walter konzipiert hat, sind die vier Pioniere als lebensgroße Pappaufsteller zu sehen, am Eingang begrüßt einen das Livree des Chefportiers aus den ersten Folgen. Der Rundgang ist nach den Genres aufgeteilt, die die Serie bedient: Drama, Liebe, Action, Unterhaltung und Komödie. Neben Monitoren, auf denen entscheidende Szenen jeweils als Zusammenschnitt zu sehen sind, werden exemplarische Requisiten und Kostüme präsentiert. Zu sehen sind unter anderem drei prachtvolle Brautkleider ehemaliger Traumfrauen und der Sarg, in dem Miriam von Heidenberg beerdigt wurde. Sie war die erste Frau von Robert Saalfeld, ihre Mutter Barbara, "unsere Kult-Intrigantin", wie die Pressesprecherin der Produktion Lena Kettner sagt, heiratete dann zweimal seinen Vater, den Hotelier Werner Saalfeld. Laut einer Fanseite im Internet hat die von Nicola Tiggeler gespielte Barbara von Heidenberg im Serienverlauf schon sechs Morde begangen , einmal das Gedächtnis verloren, ist aber auch nach einem Sturz von der Klippe und einem Flugzeugunglück auf rätselhafte Weise wiedergekehrt.

Besondere Wehmut bei den Ausstellungsbesuchern wird nach Meinung von Kettner der barocke Altar des Pfarrers Martin Wingassen auslösen, der ein Publikumsliebling war. Weil Schauspieler David Paryla allerdings nach zwei Jahren andere berufliche Herausforderungen suchte, geschah dem Geistlichen in der Serie das Unvermeidliche: Der junge Pfarrer verliebte sich in eine Klosterschwester und brannte zusammen mit ihr nach Afrika durch.

Nach zehn Jahren und zirka 65 000 Szenen gibt es wenig, was in dem oberbayerischen Hotel noch nicht passiert ist. Zur Bilanz gehören 34 Hochzeiten und 20 Scheidungen, 33 Todesfälle (14 davon durch Mord) sowie 16 Entführungen. Treue Zuschauer konnten zudem 5900 Kussszenen und 206 Traumsequenzen verfolgen und sich über 35 Gastauftritte von Prominenten wie Thomas Gottschalk, Patrick Lindner und Magdalena Neuner freuen.

Auch Requisiten werden ausgestellt.

(Foto: Claus Schunk)

Chefautor Süß sieht auch nach alldem keine Gefahr für Monotonie. Der stete Wechsel des Ensembles, sagt er, erleichtere seine Arbeit: "Neue Charaktere haben neue Eigenschaften und reagieren ganz anders, auch bei ähnlichen Konflikten." Für die Schauspieler und den Rest des Teams ist "Sturm der Liebe" Akkordarbeit. Gedreht wird immer parallel mit zwei Regisseuren: Einer macht die Außendrehs am Schloss Vagen bei Rosenheim, das dem "Fürstenhof" seine Fassade leiht, und zahlreichen anderen landschaftlich reizvollen Locations in ganz Oberbayern.

Der andere ist für die Innenaufnahmen in den 20 Kulissen des Studios 4/5 auf dem Bavaria-Gelände verantwortlich. So kommen pro Drehtag mehr als 40 Sendeminuten zustande, was rechnerisch in etwa einer Folge entspricht - "Rekord in Deutschland", wie Kettner sagt. "Der Sturm der Liebe bestimmt mein Leben", resümiert Sepp Schauer, der so etwas wie das Gesicht der Serie geworden ist. Dass man ihn auch schon in Italien mit dem Portier Alfons identifiziert, stört ihn nicht. "Bei einem 90-Minüter bekommt deine Rolle, wenn du Glück hast, einen Bruch", sagt der Schauspieler. "Aber über zehn Jahre und mehr als 2000 Folgen kann man seiner Figur so viele Facetten geben wie sonst nirgends."

Ans Aufhören denkt Schauer ebenso wenig wie Peter Süß. Zwar habe er sich mit der Musicalfolge gerade einen Traum erfüllt, sagt der Autor. Aber es gebe noch einiges, das er gerne einmal auf dem "Fürstenhof" geschehen lassen wolle. Zum Beispiel die Leiche, die seit Jahren irgendwo eingemauert ist und dann bei Renovierungsarbeiten zufällig entdeckt wird. Vor allem aber werden er und sein Team den Zuschauern das Hauptprodukt weiter zuverlässig liefern: jede Menge Emotionen. Wie realistisch die Handlung um sie herum ist, interessiert ihn herzlich wenig. Dass die Macher ihre Serie als "modernes Märchen" begreifen, zeigt schon das frühe Konzept von Süß und Produzentin Bea Schmidt, das auch in der Ausstellung ausliegt. "Projekt Aschenputtel" lautete damals ihr Arbeitstitel. "Wir wollen unterhalten", sagt Peter Süß. "Wer Logik will, soll sich eine Dokumentation anschauen."