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Großprojekte in München:Stadtgesellschaften neigen zur historischen Beschaulichkeit

Alle Stadtgesellschaften neigen zu einer gewissen historischen Beschaulichkeit; nicht umsonst wollen die ach so hippen Berliner ja ihr altes Stadtschloss nagelneu und originalgetreu wieder aufbauen. Die Münchner begnügten sich mit einer Schrannenhalle, die sie dann leider aber mit Stahl- und Glas-Geprotze im zeitgenössischen Investoren-Stil verschandeln mussten.

Den Historismus gibt es hier also durchaus. Aber schon für die Pinakothek der Moderne trifft das Argument von der Beharrungsliebe der Münchner nicht mehr zu. Es trifft auch nicht zu für das Jüdische Zentrum am St.-Jakobs-Platz, das von den Münchnern sehr gut angenommen wird, wie die Besucherzahlen der Synagoge zeigen. Es trifft nicht zu für die Fußballarena in Fröttmaning, auch da gab es ja einen Bürgerentscheid. Und für die Olympiabauten von 1972 traf es sowieso noch nie zu. Es gab damals zwar keine Bürgerbefragung und keinen Bürgerentscheid. Aber der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel sagte seinem Wahlvolk klar und offen, wie sehr Olympia die Stadt verändern werde, und so kam es dann ja auch. Vogel ist damals nicht abgewählt worden, im Gegenteil. Er erhielt 1966, ein gutes halbes Jahr nach Bekanntwerden der Olympia-Pläne, mit 78 Prozent das beste Wahlergebnis, das ein Münchner Oberbürgermeister je erreichte.

Waren die Münchner damals, vor bald 50 Jahren, wirklich so wahnsinnig fortschrittssüchtig, ganz anders als heute?

Eher nicht. Wer heute von München als provinziellem Kaff spricht, hätte sicher seine helle Freude an der bayerischen Landeshauptstadt in den Sechzigerjahren. Trotzdem haben Hans-Jochen Vogel und seine Mitstreiter es geschafft, begeisterte Aufbruchstimmung für den Weg in die Moderne zu erzeugen. Sie haben es allerdings nicht geschafft - auch das war ja einst geplant -, München zur "autogerechten Stadt" umzuformen. Diese Pläne scheiterten 1968 am Bürgerprotest, und Vogel zog seine Lehre daraus: "Ich werde nie wieder einen Plan der Verwaltung unterschreiben, der nicht vorher öffentlich diskutiert wurde."

Verglichen mit Vogels Olympia 1972 war der jetzt gescheiterte Bewerbungsversuch aber bestenfalls eine Vision für Arme, und das ist auch einer der wesentlichen Gründe dafür, warum sie keine Chance hatte. Denn wenn es um Veränderungen geht, stellt der Münchner, wie jeder andere Mensch auch, zwei Fragen: "Wem nützt das?" und "Was habe ich davon?" Bei den Olympischen Winterspielen, bei der dritten Startbahn für den Flughafen und bei der Höhenbegrenzung für Hochhäuser war der praktische Nutzen für den normalen Münchner entweder gar nicht erkennbar oder sehr gering. Klar war hingegen, dass einige wenige sehr stark davon profitiert hätten. Im Unterschied zu den Mittleren-Ring-Tunnels etwa, die zwar ein Segen für die Bauwirtschaft sind, aber natürlich auch für Anwohner und Autofahrer. Das ist - abgesehen von rechtlichen Schwierigkeiten - wohl auch ein Grund, warum die grüne OB-Kandidatin Sabine Nallinger so zurückhaltend reagiert auf die Frage, ob sie in Sachen zweite S-Bahn-Röhre einen Bürgerentscheid plane. Denn da geht es nicht um einen Transrapid, von dem hauptsächlich gestresste Manager etwas haben, die dauernd zum Flughafen müssen, sondern um ein Verkehrsmittel für die breite Masse, die unter dem täglichen Chaos leidet.

Nicht zuletzt geht es vielen aber auch um moralische Grundsatzfragen. Sie erleben Kommunalpolitiker, die den Klimawandel und den Flächenverbrauch beklagen, ihre Wähler zum Mülltrennen auf- und Solidarität einfordern. Wenn es aber darum geht, den Flugverkehr zu begrenzen oder sich einem Internationalen Olympischen Komitee zu unterwerfen, das von einer breiten Öffentlichkeit als korrupt empfunden wird, dann sieht mit einem Mal alles anders aus. Beim Bürgerentscheid sieht der Wähler die Möglichkeit zu korrigieren - und tut das dann auch.

Man könnte das durchaus Mut zur Veränderung nennen, vielleicht sogar Fortschritt. Zumindest aber verrät es ein gewisses Selbstbewusstsein: Die Münchner lassen sich ihre Visionen eben nicht so einfach von oben vorschreiben.

© SZ vom 16.11.2013/segi
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