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Gräfelfing:Probehängen digital

Katja Gramann, Künstlerin Gräfelfing

Selbstvermarktung, sagt Katja Gramann, werde einem in der Kunstszene zuweilen übel genommen.

(Foto: Privat)

In Pandemiezeiten setzt Katja Gramann bei der Vermarktung ihrer Kunst auf neuartige 3D-Lösungen

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Wie lassen sich Kunst und Wand zusammenbringen? Die Frage treibt Katja Gramann aus Gräfelfing schon länger um. Die freischaffende Künstlerin hat beobachtet, dass es für potenzielle Kunden immer eine Hemmschwelle ist, einfach mal im Atelier vorbeizukommen und sich unverbindlich umzuschauen. Die Corona-Pandemie hat dann auch noch Ausstellungen und einen Tag der offenen Tür unmöglich gemacht. Üblicherweise sind das die Termine, die Kunden gerne nutzen, um einen Künstler und sein Werk kennenzulernen. Not macht bekannterweise erfinderisch, und so hat Gramann schließlich eine digitale Lösung für ihr Problem gefunden. Sie heißt "augmented reality", was so viel wie "erweiterte Realität" bedeutet: Über das Handy können Kunden sich ein Bild über das Sofa hängen und so austesten, ob es passen würde - rein virtuell natürlich.

Die Pandemie ist für Kunstschaffende ein schwerer Schlag. Das erlebt Gramann, deren Metier die moderne abstrakte Malerei und Collagen ist, wie viele andere auch. Ausstellungen sind abgesagt, Ateliertage ebenfalls, Malkurse fallen aus und ihre Unterrichtstätigkeit demnächst vermutlich ebenso. Gramann kommt aber auch aus einer Unternehmerfamilie. Das hat sie geprägt, "ich denke vorwärts", sagt sie. Und so hat die Pandemie ihr schließlich den letzten Impuls gegeben, eine digitale Lösung für eine neue Art von Kundenkontakt umzusetzen. Es war der richtige Moment, denn die Pandemie hat in ihren Augen die Bereitschaft der Menschen gesteigert, sich mit digitalen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. "Die Leute sind jetzt digitaler unterwegs."

Gramann hat nach langem Suchen eine Agentur in Jena gefunden, die 25 ihrer Bilder als 3D-Motive digitalisiert hat. "Das war für die auch ein Novum", erzählt sie. In der Kunstszene sei die Nutzung von augmented reality noch nicht sehr verbreitet, vermutet sie. Es war also eine technische Tüftelei, auch für die Agentur. Kunden können sich jetzt auf Gramanns Homepage ein Bild aus ihrer Verkaufsausstellung aussuchen, auf das Icon "AR" daneben klicken und über diese Funktion zunächst den eigenen Raum abscannen - dann wird das gewählte Bild in 3D eingeblendet, der Kunde kann es auf seinem Handydisplay hin und herschieben und an verschiedene Stellen im Raum an die Wand platzieren.

Die digitale Lösung schließe natürlich den Atelierbesuch nicht aus und auch das reale Probehängen eines Bildes zuhause nicht, sagt Gramann. Aber es verkürze den Schritt zur Kontaktaufnahme. Hinzu komme, dass die Entscheidung, ein Bild zu kaufen, meist von einem Paar gemeinsam getroffen werde. Anstatt einen gemeinsamen Termin für einen Atelierbesuch im vollen Kalender freizuschaufeln, könne man Kunst jetzt bequem nach Feierabend probehängen.

Dass ein Bild nicht nur um seiner künstlerischen Qualität Willen, sondern auch nach Kriterien des jeweiligen Einrichtungsstils gewählt wird - damit kann Gramann leben. Alles andere, sagt sie, wäre "realitätsfremd". Das heiße nicht, dass sie sich nach dem Kundengeschmack richte. Sie sei schon öfter von Kunden oder auch Galeristen aufgefordert worden, sich doch festzulegen auf eine Technik, entweder Malerei oder Collagen. Aber das habe sie immer abgelehnt, "ich will frei sein". Sich auf Bestellung an ein Werk zu machen, gelinge auch nicht, "dann würde die Kunst nicht gut werden."

Gramann ist wohl das, was man eine geschickte Selbstvermarkterin nennt. Bevor sie sich hauptberuflich der Kunst gewidmet hat, hat sie lange im Marketing gearbeitet, "das kommt mir jetzt zugute." Und so ist sie auf Youtube unterwegs, wo sie ihre Kunst in kurzen Videobeiträgen erklärt, sie schreibt Newsletter, postet neue Werke - gerade hat sie eine Neonfarbenphase - auf Facebook. Marketing in eigener Sache zu betreiben, werde in der Kunstszene schnell auch mal "übel genommen", gelte als "verwerflich" oder wirke geradezu "abwertend", hat sie erfahren. Struktur und Marketing passten halt nicht zum Künstlerklischee. Für Gramann passt das jedoch durchaus zusammen. Kreativ nach Lösungen zu suchen sei für sie nicht nur auf die Kunst beschränkt, sondern umfasse alle Lebensbereiche.

© SZ vom 19.02.2021
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