Gräfelfing Friede im Grünen

Als der Münchner Architekt Richard Riemerschmid den Gräfelfinger Waldfriedhof entwirft, steht für ihn die Rückkehr der Toten in die Natur im Mittelpunkt - längst ist dieser Ort eine Natur-Idylle

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Der Grabstein ist kaum zu sehen. Efeu wuchert, wildes Buschwerk zu beiden Seiten, der Wind hat etliche Ahornsetzlinge ausgesät. Nur wer das Efeu zur Seite schiebt, kann den verwitterten Namen auf dem Grabstein lesen: Richard Riemerschmid. Der 1868 geborene Professor für Architektur und Direktor der Münchner Kunstgewerbeschule hat den Gräfelfinger Waldfriedhof gestaltet und verfügt, dass er dort begraben werden möchte. So geschehen im Jahr 1957 - und mit seinem Grab ist in den vergangenen Jahrzehnten eben das geschehen, was die Absicht bei der Gestaltung des Friedhofes war, der heute unter Denkmalschutz steht: Die Toten sollen in den Schoß der Natur zurückkehren. Riemerschmid hat es mit seinem überwucherten Grabstein fast geschafft.

Der alte Waldfriedhof in Gräfelfing ist weit mehr als ein Ort der Toten; er ist eine idyllische Natur-Oase. Er erzählt ein Stück Ortsgeschichte und die besondere, vom Jugendstil geprägte architektonische Gesamtanlage lohnt einen Besuch. Die Anlage aus dem Jahr 1913 wurde auf einer Kuppe angelegt, von Gräfelfing aus sah man damals vor allem die Kuppel der imposanten Aussegnungshalle. Gräfelfinger Familien kauften sich hier schon zu Lebzeiten Familiengräber, erzählt Friederike Tschochner, frühere Archivarin der Gemeinde Gräfelfing auf einem Spaziergang über den Friedhof. Jeder wollte die ewige Ruhe finden.

In der Friedhofsanlage spiegelt sich das soziale Gefüge des einstigen Dorfes wieder. Von der Aussegnungshalle aus teilt der breite Hauptweg, an dessen Ende das Hochkreuz die Anlage überragt, den alten Teil des Friedhofes in zwei Hälften. Rechter Hand liegen in kleinen, von Buchenhecken umsäumten, geschützten Karrées die "Honoratioren des Bauerndorfes", wie Tschochner sie nennt. Links sind die sogenannten "Wechselgräber" - kleinere Gräber, die schneller wieder aufgegeben wurden. Die alteingesessenen und wohlhabenderen Bauernfamilien kauften sich in der rechten Hälfte ein, bis heute sind die Gräber erhalten. Tschochner kennt sie alle: die der Familie Weinbuch oder der Familie Klostermeier. Auch der 1914 verstorbene Bürgermeister Max Urban ruht hier. Dazu gesellen sich Architekten der Gräfelfinger Villenkolonie wie Theobald Trenkle oder Ludwig Stadler, auf dessen Grabstein "Schöpfer und Gestalter von Neu-Gräfelfing" steht - heute ist die Villenkolonie das alte Gräfelfing. Es sind zum Teil imposante Grabdenkmäler, die romantisch verwittern, Rosenbüsche blühen üppig, riesige Eichen und Zypressen spenden Schatten.

So hatte es sich Riemerschmid gedacht: Es sollte keine eindeutigen Grabumrandungen geben, alles sollte ineinander wachsen. Geschwungene Linien, weiche, fließende Übergänge zwischen Gräbern und Wegen, das hatte er im Sinn. Nicht alle hielten sich an diese Idee und zirkelten im Laufe der vielen Jahrzehnte ihre Grabgrenzen deutlich ab. Die Gemeinde nimmt es inzwischen hin, in der Friedhofssatzung von 2011 ist das einstige Verbot einer Umrandung aufgehoben. Von einer Riemerschmid-Idee lässt die Gemeinde jedoch nicht ab: Rechts und links vom Hauptgang dürfen die Grabsteine nur liegen, nach außen hin, Richtung alte Friedhofsmauer, müssen sie stehen. Eine Schale, in der die Toten ruhen.

Am Kopf des Friedhofes steht die ebenfalls denkmalgeschützte Aussegnungshalle mit dem Arkadengang. Ein Blick nach oben lohnt sich, rät Tschochner, denn als die Halle vor rund zehn Jahren restauriert worden ist, legte man Teile der feinen Schablonenmalerei im Arkadengang frei. Fehlende Stücke wurden nach altem Vorbild nachgemalt. Auch die neuen Stuck-Ornamente in der großen Kuppel sind nach alten Vorlagen angefertigt. Rechter Hand schließt sich der Urnenturm mit Glocke an, der restauriert wird. Auf Wunsch finden noch heute Trauerfeiern in der alten Aussegnungshalle statt - im Freien, aber geborgen unter dem großen Kuppeldach.

Der Friedhof wurde Stück um Stück in alle Richtungen erweitert. Wer mag, sucht die Gräber einiger Berühmtheiten, die im alten und neuen Teil des Friedhofs bestattet sind: Schriftsteller Paul Eipper, die Schauspieler Olga Tschechowa, Fritz Rasp, Horst Tappert oder Pierre Brice, der Sänger Ferry Gruber und der Trickfilmregisseur Ferdinand Diehl. Auch der 1950 verstorbene koreanische Schriftsteller Mirok Li ruht in Gräfelfing.

Als der Friedhof 1913 fertig war, muss alles noch ziemlich kahl gewesen sein. Erst heute, 100 Jahre später, ist er genau jene eingewachsene, grüne Oase, die Richard Riemerschmid einst vor Augen hatte.