Gräfelfing Endlich tun, was Spaß macht

Raufen, Bolzen, Feuermachen: Um auf die Bedürfnisse der Buben in Kindergärten und Horten besser einzugehen, erhöht Gräfelfing die Zahl der männlichen Betreuer. Auch die Väter werden stärker eingebunden

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Zack! Der Schlag saß, das Bein des Gegners ist getroffen, "Punkt für Moritz", sagt der Ringrichter ins Mikrofon. Weiter geht es, noch ein Treffer - "sehr schön", lobt er den gelungenen Angriff. Im Gräfelfinger Kinderhort verwandelt sich der Bewegungsraum zur Kampfarena, die "Bataca-Champions 2016" werden ausgetragen. Mit Klebeband ist die Arena auf dem Boden markiert, immer zwei Kinder stehen im Ring und schwingen ihre roten Schläger aus Schaumstoff wie Fechtsäbel. "Noch 30 Sekunden", kündigt der Ringrichter das Ende der Runde an. Die barfüßigen Kämpfer geben alles, stöhnen bei jedem Schlag wie Tennisspieler.

Das Kampfspiel "Bataca" folgt strengen Regeln: Vor dem Kampf verbeugen, nach jedem Schlag wieder auseinandergehen, nicht auf den Kopf schlagen, das gibt einen Strafpunkt. Wenn nicht gekämpft wird, liegen die weichen Waffen sicher verstaut unter dem Tisch des Ringrichters. Der Ringrichter heißt Karl Moser, hat einen Vollbart, einen gezwirbelten Zopf und ist Erzieher im Kinderhort. Das ist auch 2016 noch außergewöhnlich - "Männer als Erzieher sind immer noch eine Randerscheinung", sagt Moser.

In Gräfelfing aber rücken Männer immer mehr in Richtung Mitte: Das Betreuungsteam in den kommunalen Einrichtungen wird gezielt um männliche Kollegen erweitert. Erst im September sind drei neue hinzugekommen, jetzt gibt es in zwei Kinderhorten und drei Gemeindekindergärten sechs Männer neben 38 Frauen - eine Männerquote von 14 Prozent, weit über dem übrigen Landkreis München.

Mitverantwortlich dafür ist Ulrich Seyfferth. Der Geschäftsleiter der Gemeinde hat im vergangenen Jahr ein Jungen-Pädagogik-Projekt initiiert. Sein Anliegen ist es, die Jungs mehr Jungs sein zu lassen, ihren Bedürfnissen mehr Raum zu geben. Also: Raufen, Bolzen, Handwerken statt Ausschneiden, Malen und Pferd-Spielen, wie es viele der Mädchen gerne oft stundenlang tun. "Den Jungs fehlt oft der männliche Anteil in der Erziehung", sagt Ulrich Seyfferth, der weibliche Part wird dadurch zu dominant. Denn Buben werden überwiegend von Frauen erzogen, in der Krippe, im Kindergarten, im Hort, in der Grundschule. Männliche Erzieher sollen für mehr Gleichgewicht sorgen.

Immer feste druff: Der fair ausgetragene Wettkampf namens Bataka gehört zu dem neuen Konzept des Gräfelfinger Kinderhortes.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wie gut die Idee bei den Kindern ankommt - bei Buben und Mädchen wohlgemerkt - zeigt sich jeden Morgen im Kindergarten "Sonnenblume" an der Rottenbucher Straße. "Die fliegen alle auf mich", sagt Manuel Stuhldreer, seit September dabei, und meint das im wahrsten Sinne des Worte: Die Kinder rasen auf ihn zu, springen an ihm hoch, umarmen ihn, rangeln mit ihm. Auch Erzieher Ronny Liebig ist neu im Kindergarten. "Das ist eine Attraktion für die Kinder", sagt Kindergartenleiterin Ingrid Canep, "die Männer haben einfach mehr Kraft, nehmen einen mal auf die Schulter, toben, raufen."

Erst vor Kurzem haben sich die sechs Erzieher getroffen, um sich im Rahmen des Pädagogikprojektes neue Aktionen auszudenken, Eine Idee ist, eine Waschmaschine zu zerlegen und die Trommel als Feuerschale zu nutzen. Möglich wäre auch, ein Schiff zu bauen. "Männer machen gerne Projekte", hat Canepa festgestellt. Erzieher Karsten Wagener öffnet jeden Freitag die Holzwerkstatt für die Kinder im Hort und backt Brot mit ihnen, Karl Moser spielt Fußball und Bataca, die Kollegen Manu Stuhldreer und Ronny Liebig im Kindergarten zieht es immer wieder raus aus der Enge des Kindergartens auf den öffentlichen Spielplatz. In der Garage wollen sie eine Werkstatt einrichten und außerdem Selbstverteidigung anbieten. All das können Frauen auch, sagen die Kolleginnen, aber Männer machen es anders - auf ihre Art eben. Ins Betreuungsteam bringen die Erzieher Leichtigkeit, findet Hortleiterin Iris Beiling. Sie sehen manche Dinge gelassener, nicht so kompliziert, heißt es immer wieder. Unter dem Strich profitieren Mädchen wie Jungen von der Angebotsvielfalt, meint die Hortleiterin - und sie erleben beide Sichtweisen, die weibliche und die männliche.

Zu dem Projekt gehört es auch, die Väter der Kinder stärker in die Erziehung einzubinden. Bei den Elternabenden sind sie aller Erfahrung nach bei weitem nicht so oft zu sehen wie die Mütter. Seyfferth und Moser veranstalten deshalb spezielle Väterabende, zu denen die Väter der Jungs und Mädchen aller Einrichtungen eingeladen sind, bei denen dann gemeinsam ein Bier getrunken und über Erziehungsfragen gesprochen wird - über den Umgang mit Medien oder mit den Hausaufgaben; thematisiert wird auch, wie man mit Druck im Leben umgehen kann. Und dieses Angebot kommt gut an.

Gern gesehen: Auch für die Mädchen ist Karl Moser ein wichtiger Erziehungspartner.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Im Bewegungsraum im Kinderhort gehen die Bataca-Champions in die letzte Runde. Die Anschaffung der roten Schaumstoff-Waffen ist auch eine Facette innerhalb des Projektes, das die Buben aus dem Betreuungsschatten holen soll. Die Frauen waren erst nicht begeistert, gibt Moser zu. Bei körperlicher Auseinandersetzung neigen sie eher dazu, Einhalt zu gebieten, während die Männer gelassener zuschauen. Aber es ist etwas, was Jungen brauchen: Kräfte messen, körperliche Grenzen spüren. Das Schöne ist, dass das neue Programm auch für Mädchen eine Bereicherung ist. "Sie leben eine Seite aus, die sie vorher nicht kannten", sagt Moser. Sie schnitzen nämlich auch gerne, spielen Fußball - und kämpfen.

Und das auch noch ziemlich gut. "Ein Hoch auf uns" ertönt die Siegeshymne aus dem Lautsprecher, die Bataca-Championship 2016 jedenfalls hat eines der Mädchen gewonnen.