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Gräfelfing:Der Leidensweg Tausender

Gedenken am Gräfelfinger Mahnmal: Es ist an der jungen Generation, die Erinnerung an die NS-Verbrechen weiterzutragen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Würmtal findet wieder das Gedenken an die Opfer des KZ-Häftlingszuges vor 76 Jahren statt. Überlebende konnten heuer aber nicht anreisen

Von Benjamin Stolz, Gräfelfing

76 Jahre später ließe sich kaum noch erahnen, was auf der Straße vor dem Friedhof von Gräfelfing geschah, stünden da nicht das Mahnmal des Künstlers Hubertus von Pilgrim und eine Ansammlung von Menschen. Bereits zum 23. Mal hat der Verein "Gedenken im Würmtal" vergangenen Samstag in vier Gemeinden eine Andacht für die Opfer des "Dachauer Todesmarsches" abgehalten. Wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa hatte die SS an die 6900 Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau durch das Würmtal in Richtung der österreichischen Alpen getrieben. In Waakirchen befreite die amerikanische Armee knapp eine Woche später die Überlebenden. Mindestens 1000 Menschen starben während oder an den Folgen der Gewaltmärsche durch die Orte südlich von München.

"Was hier getan wurde, kann man nicht vergessen. Wir haben hier noch was zu tun", sagt Friedrich Schreiber, der Gründer des Gedenkvereins. 2020 musste die Erinnerungsfeier online stattfinden. Heuer hat der Vorsitzende Hans-Joachim Stumpf mit einer geschlossenen Veranstaltung und einer begrenzten Teilnehmerzahl einen Kompromiss gefunden. Man konnte sich nach dem Auftakt in Gräfelfing auch kurz vor den Pilgrim-Skulpturen in Planegg, Krailling und Gauting zumindest versammeln. Überlebende aber konnten nicht wie sonst dabei sein, und auch der Gedenkzug zwischen den Gemeinden fiel aus.

Stattdessen haben drei Schüler des Kurt-Huber-Gymnasiums zu Beginn der Gedenkfeier aus der Autobiografie des 2020 gestorbenen Shoa-Überlebenden Solly Ganor gelesen. "Wir waren nicht dabei, trotzdem tragen wir die Verantwortung, dass so etwas nicht mehr passieren kann", sagt der 17-jährige Niklas Hampe. Bürgermeister Peter Köstler mahnt in seiner Ansprache, "den Stab der Erinnerung aufzuheben und weiterzugeben". Nach einem Gebet mit dem ehemaligen Beth-Shalom-Vorsitzenden Jan Mühlstein muss sich die Veranstaltung schon wieder auflösen.

"Hier führte in den letzten Kriegstagen im April 1945 der Leidensweg der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau vorbei ins Ungewisse", steht auf der Tafel unterhalb der Bronzefiguren des Mahnmals. Für viele Angehörige der zweiten Generation nach der Shoa ist dieser Leidensweg noch nicht vorbei. Rita K. hat auf der Gedenkveranstaltung einen Text vorgetragen, in der Zeitung möchte sie ihren Nachnamen allerdings nicht lesen. "Ich wohne im Dorf, da weiß ich nicht, was mich erwartet." Frau K.s Vater überlebte das KZ Groß-Rosen, ihre Großeltern fielen dem NS-Vernichtungsapparat zum Opfer. Für die künftigen Generationen hat sie vor allem ein Anliegen: "Ihr seid nicht schuld, aber ihr müsst aufpassen, dass es nicht noch mal passiert."

© SZ vom 03.05.2021
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