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Gräfelfing:Bilanz mit Licht und Schatten

Beratung auf dem Gehsteig: Elisabeth Schneider-Eicke trifft sich regelmäßig vor der Asylunterkunft mit Sayed M.

(Foto: Robert Haas)

Seit den Neunzigerjahren unterstützt der Helferkreis Asyl geflüchtete Menschen. Aktuell kümmert er sich vor allem um syrische Familien, wobei die Wohnungssuche eines der größten Probleme darstellt

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Treffpunkt Gehsteig: wenn Elisabeth Schneider-Eicke und Sayed M. Wichtiges zu besprechen haben, verabreden sie sich auf dem Gehsteig vor der Flüchtlingsunterkunft in Gräfelfing. Wegen der Corona-Pandemie war die Unterkunft eine Weile geschlossen für Besucher, jetzt ist sie wieder geöffnet, aber den Treffpunkt Gehsteig haben sie beibehalten, um die Ansteckungsgefahr gering zu halten. Elisabeth Schneider-Eicke ist Koordinatorin des Helferkreises Asyl Gräfelfing. Sie unterstützt Sayed M., wenn es um Bürokratisches geht. "Er spricht sehr gut deutsch", sagt Schneider-Eicke, aber vielleicht verstehe er am Telefon doch nicht alles.

Als 2015 vor allem syrische Flüchtlinge nach Deutschland strömten, fanden sich quasi über Nacht ehrenamtliche Helfer in vielen Orten - und so auch in den Würmtalgemeinden Gräfelfing, Planegg und Krailling - zusammen, um die Ankommenden zu unterstützen. Der Helferkreis Asyl Würmtal - pro Gemeinde gibt es eine unabhängig arbeitende Helfergruppe - konnte damals auf bestehende Strukturen aus den 1990er Jahren aufbauen, als viele Flüchtlinge während der Balkankriege nach Deutschland kamen und in der Folge der Helferkreis gegründet wurde.

Heute, mehr als fünf Jahre nach der Ankunft der syrischen Flüchtlinge, ist der Helferkreis immer noch aktiv. In der Gräfelfinger Gruppe sind an die 30 Ehrenamtliche engagiert. "Die Arbeit hat sich im Laufe der Jahre verändert", sagt Schneider-Eicke - aber sie ist nach wie vor gefragt. Etwa 160 Menschen leben in der Unterkunft an der Großhaderner Straße, großteils syrische Familien, gut die Hälfte sind Kinder. Die meisten sind inzwischen anerkannte Geflüchtete, in der Unterkunft leben sie gleichwohl immer noch, denn Wohnungen sind rar und teuer.

Das ist auch das Thema Nummer eins in der Unterkunft. Während vor fünf Jahren der Aufenthaltsstatus das Dringendste war, so ist es jetzt eine eigene Wohnung. Die Familien dürfen so lange in der Unterkunft bleiben, bis sie etwas gefunden haben, doch bei manchen zieht sich die Suche über Jahre. Hin und wieder gebe es auch Erfolgsmeldungen, sagt Schneider-Eicke. Erst kürzlich seien fünf Familien im Würmtal in eigenen Wohnungen untergekommen. Die Helfer assistieren beim Ausfüllen von Anträgen, und gehen, wenn nötig, mit zur Wohnungsbesichtigung. Auch das Sozialnetz Würmtal-Insel in Planegg unterstützt bei der Wohnungssuche. Aber insgesamt sei das Thema eher "aussichtlos und frustrierend", sagt Uli Essig. Er ist Sprecher aller drei Würmtal-Helfergruppen.

Manche Familien oder Paare können aber auch noch gar nicht ausziehen. Sayed M. aus Afghanistan lebt seit August 2015 in der Unterkunft, er arbeitet als Fliesenleger. Sein Asylantrag wurde anerkannt, der seiner Ehefrau jedoch immer noch nicht. In solchen Fällen greift das Patenschafts-System des Helferkreises: die Ehrenamtlichen haben eine feste Familie, der sie unter die Arme greifen, wenn nötig. "Da sind echte Beziehungen entstanden", sagt Schneider-Eicke. Sie selbst lässt sich von Sayed M. auf dem Gehsteig berichten, was sein Anwalt gesagt hat und ruft dann für ihn beim Ausländeramt an.

Die Suche nach einem Job ist ein weiteres Schwerpunktthema des Helferkreises. Handwerksberufe sind gesucht, manchmal auch Hilfsjobs. Bei der Jobsuche hilft das Landratsamt. Die Frauen arbeiten hingegen kaum, "das ist auch eine Frage der Kultur", sagt Schneider-Eicke. Viele trauten sich nichts zu. Schließlich sind viele Helfer in allen drei Würmtal-Gruppen in der Hausaufgabenbetreuung aktiv, sagt Uli Essig. Viele junge Leute in der Ausbildung bräuchten in der Berufsschule Unterstützung, die jüngeren Kinder benötigten gerade während der Corona-Pandemie Hilfe. "Es ist essenziell, dass sie in die Schule gehen", sagt Essig. Wenn Klassen in Quarantäne gehen müssen oder wenn am Ende wieder, wie im Frühjahr, die Schulen schließen müssten, sei das für die Kinder ein Rückschlag. "Sie fallen dann ab, das ist deutlich erkennbar." Längst gebe es nicht in jedem Haushalt einen Computer mit passender Software.

Die Arbeit des Helferkreises sei "eine Erfolgsgeschichte mit Rückschlägen", fasst Schneider-Eicke rückblickend zusammen. Nicht immer lief alles reibungslos, gerade anfangs gab es kulturelle Hürden zu nehmen. So konnten etwa nicht alle Familien verstehen, warum regelmäßige Schulbesuche und Hausaufgabenbetreuung wichtig sind. Heute arbeitet ein Großteil der Männer in Handwerksberufen, die Frauen besuchen Deutsch- und Integrationskurse, die Kinder sind alle in Kindergärten, Schulen und Mittagsbetreuung untergebracht. Drei Mädchen haben im Vorjahr den Realschul-Abschluss geschafft, eine von ihnen besucht jetzt die Fachoberschule, eine andere ist inzwischen Studentin. "Unsere Familien sind zu 80 Prozent angekommen", sagt Schneider-Eicke. Das heißt, sie sind ins System integriert, in die Gesellschaft jedoch längst nicht. Die Kinder sprechen fließend Deutsch, auch untereinander. Aber deutsche Freunde haben sie deshalb noch längst nicht. "Die meisten leben für sich und pflegen Beziehungen untereinander," sagt Essig. Wirklich in die Gesellschaft integriert zu sein, dauere Generationen.

Auch wenn viele Familien die Hilfe der Ehrenamtlichen nicht mehr häufig benötigen und in Krailling und Planegg die Zahl der aktiven Helfer deutlich kleiner geworden ist, will Essig die Strukturen "am Köcheln halten, eventuell kommen ja mal wieder mehr Menschen." In Gräfelfing sind gerade erst fünf junge Männer aus dem Kongo angekommen sowie zwei Frauen und ein älteres Ehepaar aus Afghanistan.

© SZ vom 21.11.2020
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