Gräfelfing Am Anfang war Schaf

Kunst sollte von möglichst vielen Menschen verstanden werden, ist Walter Kuhns Überzeugung.

(Foto: Florian Peljak)

Seine Holz-Herde auf dem Olympiaberg machte Walter Kuhn bekannt. Nun stellt er Menschen-Figuren aus

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Manche ringen ihr ganzes Künstlerleben darum, von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Bei Walter Kuhn hat man das Gefühl, das Künstlerdasein kann auch ganz einfach sein. Kaum macht er etwas, schauen alle hin. Vielleicht liegt das daran, dass seine Kunst so einfach ist, dass sie jeder versteht. Vielleicht aber auch daran, dass er die Kunst zu den Menschen bringt. Er platziert sie mitten in ihren Alltag. So kam Kuhn von den Kühen zu den Schafen und schließlich zu den Menschen, so wie jetzt in Gräfelfing. An diesem Samstag, 24. Juni, werden auf der Kunstplattform vor dem Rathaus seine drei Menschen-Skulpturen enthüllt. Die Vernissage beginnt um 11 Uhr. Und eines ist gewiss: jeder, der an dem Kunstwerk vorbeigeht, wird etwas damit anfangen können.

Schafe haben Walter Kuhn zu Bekanntheit verholfen. 2015 stellte er unter dem Titel "Urbane Transhumanz" eine Herde lebensgroßer Schafskulpturen auf den Olympiaberg, rote, weiße, schwarze, sie waren aus wenigen Millimeter starken Holzplatten gesägt. Alle sahen hin, die Spaziergänger, auch das Fernsehen und die Presse. Kuhn war damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Flüchtlinge strömten ins Land, die Schafe, die in den Mittelmeerländern auf ausgetretenen Pfaden durch die Berge wandern, standen sinnbildlich für die Routen der Menschen nach Europa. Dass es neben weißen auch schwarze und rote Schafe gab, erklärt sich von selbst. So einfach kann Kunst sein. Den Erlös aus dem Verkauf der Schafe spendete er größtenteils der interkulturellen Stiftung "Kolibri" in München, die sich für die Integration von Migranten einsetzt.

Kuhn will die Kunst aus der elitären Ecke holen, "ent-elitarisieren" nennt er das an einem heißen Nachmittag vor dem Gräfelfinger Rathaus, während er seine neueste Arbeit auf der Kunstplattform aufbaut. Es ist ihm ein Anliegen, dass Kunst auch von jenen verstanden wird, die sonst nicht in Ausstellungen gehen. In der Einfachheit steckt die Wirkung. Diesmal stellt er Menschen aus: ein und dieselbe Figur in unterschiedlichen Größen, ganz schematisch sind die Umrisse festgehalten. Sie sind aus fünf Millimeter starkem Eisenblech gearbeitet; der Gräfelfinger Kunstkreis, der die Wechselausstellungen auf der Kunstplattform organisiert, hat die Kosten übernommen. Drei Figuren stehen auf der Plattform, sechs weitere reihen sich an der Rathausmauer auf.

Die Figuren wirken, als gingen sie einen Schritt auf den Betrachter zu, die Arme zu einer Willkommensgeste ausgebreitet. Die große Figur steht im Hintergrund, die beiden kleineren davor - wie eine Mutter, die schützend die Arme um ihre Kinder legen will. Man denkt gleich wieder an die Flüchtlinge, die willkommen geheißen werden sollen. Doch diesmal zieht Kuhn den Kreis weiter. Er ruft zum Zusammenhalten auf - so heißt der Titel der Kunstinstallation -, er appelliert an die Solidarität zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, Groß und Klein, Schwarz, Weiß und Bunt. Auch diesmal soll der Erlös aus dem Verkauf der Figuren, die es auch in kleinerer Version gibt, der Stiftung Kolibri zugutekommen. Der Kunstkreis vergibt sie außerdem als Magnetversion, gegen Spenden, die dem Gräfelfinger Inklusionsverein "Traumwerker" zufließen.

Kuhn und die Kunst sind erst seit seiner Pensionierung so richtig zusammengekommen. Als Geograf und Urbanist lehrte er bis 2011 an der Technischen und der Ludwig-Maximilians-Universität, die Gräfelfinger Bürgermeisterin Uta Wüst war eine seiner Studentinnen, wie beide an dem Nachmittag vor dem Rathaus feststellen. Kuhn, Jahrgang 1946, malte früher schon, fing aber verstärkt damit an, als er nach seiner Pensionierung regelmäßig für viele Wochen im Jahr in ein altes Haus im französischen Massif Central umsiedelte. Dort organisierte er in dem kleinen, gottverlassenen Dorf bald eine große Kunstausstellung, die ein Riesenerfolg wurde. Kuhn gewann noch andere Künstler, die sich extra für die Schau alle mit demselben Thema beschäftigen: Kühe. Das Thema war naheliegend, Kühe grasen dort vor jedem Haus. Damals sägte er erstmals 40 Kühe aus Holzplatten aus und verteilte sie im Dorf. Walter Kuhn ist 71 Jahre alt, und seine zweite Karriere als Künstler nimmt gerade so richtig Fahrt auf. Bis 24. Oktober sind seine Figuren in Gräfelfing zu sehen. Dann wird er aber längst an seinem nächsten Projekt arbeiten. Dazu verrät er nur so viel: Es wird groß, in München und im Stil von Christo sein.