Giesing Über den Tellerrand

Hummus und Bier, Afro-Rap und Jazz - bei der dritten Auflage des Giesinger Straßenfestes zeigt sich die Vielfalt im Viertel. An 23 Spielorten treten unter dem Motto "Ois Giasing" mehr als 60 Bands auf, es gibt zahlreiche Mitmachaktionen und Stadtteilführungen

Von Lea Weinmann, Giesing

Es riecht nach Ochsenfetzen, nach Waffeln und Bier. Der wummernde Bass an der Weinbauernstraße, wo Rapperin Taiga Trece performt, dröhnt den Besuchern in den Ohren. Zwei Straßen weiter wird der Bass schwächer, dafür ertönt der blecherne Klang von Trompeten, flankiert von einem Kontrabass-Jazzauftritt in der Kistlerstraße. Hier liegt der Geruch von asiatischem Essen in der Luft. An den Stand mit vietnamesischen Spezialitäten schließt die Craft-Beer-Meile an, ein paar hundert Meter entfernt singt der Chor in der Heilig-Kreuz-Kirche zur Orgel, während gleichzeitig Flamenco und Salsa auf dem Ella-Lingens-Platz getanzt wird.

Wer den Programmplan von "Ois Giasing" an diesem sonnigen Samstag vollständig aufschlägt, braucht lange Arme und ein bisschen Zeit, um den Überblick zu gewinnen: 23 Spielorte, mehr als 60 Bands und Darbietungen, unzählige Infostände, Essensangebote, Mitmachaktionen und Stadtteilführungen, über ganz Giesing verteilt. Alles an einem Tag zu sehen, ist nicht möglich. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass jede Musikrichtung und jede Aktion gefällt. "Man muss nicht alles verstehen, aber zuhören", kommentiert die Bezirksausschuss-Vorsitzende Carmen Dullinger-Oßwald (Grüne) bei der offiziellen Eröffnung des Stadtteilfests in der Oberen Grasstraße, wo vor einem Jahr das Uhrmacherhäusl abgerissen wurde. Vielfalt haben sich die Veranstalter auf die Fahnen geschrieben, "kreativ, musikalisch und kulinarisch". Dass dieses "Motto stimmt", wie Dullinger-Oßwald behauptet, zeigt sich in Giesing im Großen und im Kleinen, mal laut und mal leise, und immer anders.

Für Kinder war beim Straßenfest "Ois Giasing" beiderseits der Tegernseer Landstraße einiges geboten.

(Foto: Robert Haas)

Tirath Raj Thakur zum Beispiel: Er sitzt neben der Bühne im proppenvollen Giesinger Grünspitz und flicht mit flinken Fingern Seile aus Gras. Besucher können zuschauen und es auch selbst probieren. Er komme aus dem Himalaya, erzählt er, dort gebe es eben nicht so viel, aber irgendwie müsse man seine Tiere ja festbinden. Seine Schwiegermutter hat ihn zum Fest mitgebracht, sie ist Künstlerin und Imkerin, verkauft am Tisch nebenan ihren Honig.

Auf der Bühne ruft Moderatorin Khadija Diedhiou ins Mikro, animiert das Publikum und begrüßt die nächste Band. Progressiven Afro-Rap, New Exotica, Weird Folk, Sphärischer Elektropop - die Musikrichtungen, die sie auf dem als Grünspitz etablierten Eckgrundstück ansagt, könnten exotischer kaum sein. Gemeinsam ist den Künstlern, dass "sie alle eine Message haben", meint sie und tanzt kurz darauf wieder mit ihren wippenden Dreadlocks zur Musik.

Buntes Treiben auch im "Riffraff-Roadblock" an der Weinbauernstraße, wo Kinder die Mauer des Gemeindehauses der evangelischen Lutherkirche mit Graffiti besprayen. In allen Farben leuchtet die Mauer nach kurzer Zeit, zeigt kleine Schmetterlinge, Fantasiegestalten, Herzen. Daneben wird multikulturell gekocht. Menschen mit und ohne Fluchthintergrund bereiten im Innenhof des Gemeindezentrums gemeinsam arabische Linsensuppe zu, Taboulé-Salat und Hummus. Der Verein "Über den Tellerrand" will so seinen Beitrag zur Integration leisten. "Das Fest passt super zu unserem Gedanken von Vielfalt", sagt die Vereinsvorsitzende Jasmin Seipp.

Message, Beitrag leisten, ein bisschen Politik - all das schwingt am Samstag überall in Giesing mit. Tuncay Acar, Vorsitzender des Vereins Real München, der "Ois Giasing" veranstaltet, findet am Uhrmacherhäusl noch deutlichere Worte. Als Gastarbeiterkind empfinde er es als "Beleidigung und Drohung", wenn jemand von Migration als der Mutter aller Probleme spreche: "Wir tun hier das, was eigentlich der Job eines Innenministers wäre", sagt er bei der offiziellen Eröffnung und kritisiert damit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) scharf. Angesichts der aktuellen Ereignisse in Deutschland sei er "froh", dass es zur Gründung dieses Vereins gekommen ist: "Es geht darum, dass alle sich beteiligen - egal, wo sie herkommen."