bedeckt München 21°

Kommentar:Eine Stadt ist kein Spielplatz

Ob Blade-Night oder Radl-Nacht, für die Mehrheit der Bürger ist das Freiheitsberaubung

Von Tobias Opitz

Eine Stadt ist für alle da - zumindest sehen das jene so, die mit Vernunft, notwendigem Verständnis für das Gemeinwesen und Sinn für die Rücksichtnahme anderen gegenüber durchs Leben gehen. Das gilt gerade an Wochenenden, an denen die Menschen ohne Hektik alles genießen können, was eine Metropole wie München in bunter Vielfalt zu bieten hat. Das aber funktioniert nur dann, wenn sich alle gegenseitig den Raum dafür lassen - und zwar buchstäblich.

Anders als am Sonntag. 15 000 Radfahrer machten sich laut Veranstalter auf, um auf dem eigens für ihr Vergnügen gesperrten Mittleren Ring durch die Gegend zu rollen. Und zur selben Zeit das Leben der anderen und deren Pläne zu durchkreuzen, weil die Hauptschlagader des innerstädtischen Verkehrs mit riesigem Aufwand gesperrt werden muss. Das ist an sich schon überaus fragwürdig und wird dadurch nicht besser, dass sich viele der Radler in Selbstüberschätzung als Botschafter einer besseren Welt verstehen und jede Umdrehung der Pedale gleichsam als moralische Manifestation verstehen. Auch die Freude darüber, einmal durch die Dämmerung der Ringtunnel radeln zu können, zieht nicht so richtig: Schließlich machen Radler das an jedem Herbstabend - zwar unter freiem Himmel, dafür aber manchmal auch gerne ohne Licht.

Ob die Blade-Night der Skater, die Radl-Nacht im Juli, der zumindest international beachtete München-Marathonlauf: Eine Großstadt ist kein Sport- oder Spielplatz für vergleichsweise wenige. Die damit verbundenen Einschränkungen für die Mehrheit der Münchner Bürger dürfen Freiheitsberaubung genannt werden. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Radfahren an sich ist gesund, schont ohne jeden Zweifel die Umwelt und ist für manchen auch einzige, also existenzielle Fortbewegung.

Dennoch ist und bleibt eine liberale Stadt wie München ein Gemeinwesen. Breiten sich wenige zu sehr aus und schränken damit viele ein, ist es nur noch gemein.

© SZ vom 17.10.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite