bedeckt München 18°
vgwortpixel

Geschichte:Beifall bleibt zu unterlassen

Tobias Reichard erforscht den Jüdischen Kulturbund in Bayern, der Konzerte unter strenger Kontrolle der Nazis ermöglichte

Ihre Musik ist längst verstummt. Ihre Räume sind ausgebrannt oder zerbombt. An ihre Namen kann sich kaum einer erinnern. Dabei waren die jüdischen Musiker in Bayern noch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sehr aktiv und gut vernetzt. Tobias Reichard, 33, hat sich daran gemacht, ihre Geschichte auszugraben. Der Musikwissenschaftler blickt vom Fenster seines Büros aus direkt auf die hintere Fassade des ehemaligen NSDAP-Führerbaus, dessen mittlerweile brüchige Mauern die Hochschule für Musik und Theater in München beherbergen. Links davon leuchten die hellen Steinplatten des Max-Mannheimer-Platzes vor dem weißen Klotz des NS-Dokuzentrums. So viel Geschichte und Aufarbeitung auf engstem Raum - kein Ort scheint geeigneter, um über den Jüdischen Kulturbund in Bayern zu forschen. Tobias Reichard findet es gut, dass die Hochschule diesen Ort "besetzt" hat, sagt er. So könne die Erinnerung wachgehalten werden.

Was die Erinnerung an die jüdischen Künstler und Musiker angeht, die nach der Machtergreifung Hitlers 1933 Berufsverbot erhielten, ist es allerdings nicht ganz so einfach. Die Anstrengungen der Nazis, Juden aus der deutschen Kultur zu tilgen, wirken bis heute nach. Kaum jemandem wird beispielsweise der Name Erich Eisner etwas sagen, auch nicht dessen Künstlername Erich Erck, den er sich zugelegt hatte, vermutlich, so Reichard, weil er als Zeitgenosse Kurt Eisners ebenfalls in München lebte, jedoch nichts - außer seinem Glauben - mit ihm zu tun hatte. Erich Erck also kam als kleiner Junge mit seiner Familie aus Prag nach München, studierte um den ersten Weltkrieg herum Philosophie an der LMU und arbeitete danach als Assistent des Pianisten, Dirigenten und Komponisten Bruno Walter, der zu der Zeit als Generalmusikdirektor der königlichen Hofoper in München engagiert war. 1931 übernahm Erck als musikalischer Leiter das Jüdische Kammerorchester in München. Es wurde ursprünglich von Laien gegründet, jedoch von den Nazis bereits 1934 umgewidmet - zum offiziellen Orchester des Jüdischen Kulturbunds in Bayern. Erck, der die Gründung selbst angestoßen hatte, bleibt der Leiter, bis zur Auflösung im Jahr 1938 nach den Pogromen.

Das Eröffnungskonzert fand in der Hauptsynagoge statt. Repro: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 1934

Von März 1934 bis November 1938 existierte der Jüdische Kulturbund in Bayern, eine gar nicht mal so lange Zeit, in der die jüdischen Künstler aber sehr aktiv waren, wie Reichard herausgefunden hat. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des neu gegründeten Ben-Haim-Forschungszentrums an der Hochschule hat er den Kulturbund zu seinem ersten Projekt erklärt. Die Erinnerung daran soll wieder Teil der "regionalen Geschichtsschreibung" werden, sagt Reichard. Ihm schwebt zum Beispiel auch eine Art Reenactment von damaligen Konzerten mit Studierenden der Hochschule vor. Wenn möglich in denselben Spielstätten. Das wird allerdings schwierig: Die etablierten Aufführungshäuser standen von 1933 an für Juden nicht mehr zur Verfügung. Sie mussten ausweichen. Viele Konzerte fanden in Turnhallen oder privat angemieteten Sälen statt, von denen nach dem Krieg nur wenige übrig geblieben ist. Viele auch in Synagogen, wie das Eröffnungskonzert am 4. März 1934, in der Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße, die die Nazis bereits vor den Pogromen zerstörten. Gespielt wurde, unter der Leitung von Erck: Händel, mit zwei Konzerten, und eine Kantate von Bach. Auch die Solistin Irma Stern war auf der Bühne - sofern man die Stätte einer Synagoge so bezeichnen kann. Hier trafen Profanität und Sakralität aufeinander, sagt Reichard. Vielleicht baten deshalb auch die Veranstalter im Vorfeld darum, "in der Synagoge Beifallsbezeugungen zu unterlassen".

Der jüdische Kulturbund war eine Einrichtung, deren "Idee sich zwangsläufig aus dem Gang der Ereignisse des letzten Jahres" ergeben hatte, wie die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung kurz nach der Gründung schreibt, also ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers, nach der sich für die jüdischen Kulturschaffenden schlagartig das Leben änderte. Unter dem Dach des Kulturbundes hatten sie die Möglichkeit, weiterhin am kulturellen Leben teilzuhaben - allen Widerständen zum Trotz. Hier konnten sie sich ein Stück Normalität und Kontinuität bewahren, in einer Welt, die sich sehr schnell um sie herum drastisch veränderte. "Zeitzeugen nennen ihn oft ihre Insel oder Oase", erzählt Reichard.

Tobias Reichard forscht über den Jüdischen Kulturbund in Bayern.

(Foto: Karsten Quaschinsky)

Aber dieser Bund war ein Zwitterwesen: gegründet von jüdischen Musik- und Kulturschaffenden selbst, begrüßt aber auch von den Nazis. Dank dieser Struktur konnten sie ihrem Überwachungs- und Kontrollwahn über die Juden noch leichter nachgehen. Die Veranstaltungen mussten von den Kulturschaffenden angemeldet werden, samt einer akribisch geführten Namensliste der Anwesenden und der genauen Angabe der Musikstücke, die gespielt werden sollten, bis hin zu Liedtexten, die manchmal der Gestapo vorgelegt werden mussten. "Für das NS-Regime war es auch ein Mittel, herauszufinden, was man Juden überhaupt noch zugestehen wollte, und was aus Sicht des Regimes schon ,zu deutsch' war", so Reichard. Teilnehmen durften nur jüdische Gemeindemitglieder, bewerben durfte man die Veranstaltungen nur in der eigenen Gemeindezeitung.

Wie erinnert man sich an den Jüdischen Kulturbund in Bayern? Als Oase künstlerischer Selbstbehauptung oder als Unterdrückungsinstrument der Nazis? Eine eindeutige Antwort werde es darauf nicht geben, sagt Reichard. Eben diese "Doppelfunktion" gelte es aushalten.

© SZ vom 22.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite