Gemeinschaftsgarten Geplatzte Vitaminbomben

Dass die Fläche für das Gartenprojekt "O'pflanzt is" am Olympiapark nur zeitlich begrenzt nutzbar sein würde, war den Vereinsmitgliedern seit Längerem klar. Mit einer so kurzfristigen Kündigung hatte aber niemand gerechnet

Von Ellen Draxel, Neuhausen

"O'pflanzt is", das Gemeinschaftsgarten-Projekt an der Ecke Emma-Ihrer-/Schwere-Reiter-Straße, muss bis Ende des Jahres sein Gelände räumen. Der Freistaat Bayern, dem das 3300 Quadratmeter große Areal gehört, will dort Wohnungen für Staatsbedienstete errichten. Dass die Fläche nur temporär nutzbar sein würde, war dem Verein schon 2012 klar, als die Mitglieder die ersten Beete mit Zucchini-, Mangold-, Tomaten- und Paprikasamen bestückten. Mit einer so kurzfristigen Kündigung aber hat niemand gerechnet.

"Wir sind total schockiert", sagt die Vereinsvorsitzende Almut Schenk. Im August hatten die Vermieter dem Vereinsvorstand noch versichert, es gebe momentan keine Termine, und "O'pflanzt is" dürfe so lange bleiben, bis die Baumaßnahmen beginnen würden. "Wir waren zuversichtlich, das Gelände noch mindestens ein Jahr nutzen zu können", meint Schenk. "Dann hätten wir Zeit gehabt, Alternativen zu suchen." So aber trifft die Kündigung den Verein "mitten ins Herz".

Weil der Freistaat an der Emma-Ihrer-Straße Staatsbediensteten-Wohnungen bauen will, muss das Gartenprojekt weichen.

(Foto: O'pflanzt is)

Die ersten Beete fürs kommende Frühjahr haben die Mitglieder bereits bestellt, auch die neuen Heilpflanzenkurse sind schon geplant. Mehr als 30 selbstgebaute Hochbeete mit gut 40 Tomatensorten und verschiedenen alten Kartoffelarten, Zucchini, Rote Beete, Kürbisse, jede Menge Salate und Kräuter haben die Aktiven auf dem Gelände südlich des Olympiaparks in ehrenamtlicher Arbeit in den vergangenen sechs Jahren aufgebaut. 2013 erhielt "O'pflanzt is" unter mehr als hundert Teilnehmern für sein Engagement die Auszeichnung "Die schönste Straße Deutschlands". Aktuell ist der Verein dabei, gemeinsam mit der Deutschen Wildtierstiftung einen Wildbienenlehrpfad zu errichten, um die vielen Wildbienenarten auf dem Areal der Öffentlichkeit vorzustellen.

"O'pflanzt is" ist aber mehr als nur ein Stadtacker. Es ist ein sozio-ökologisches Projekt - mit jährlich mehr als 150 kostenlosen Veranstaltungen, mit Kindergruppen, einer Bienenschule und Führungen rund um die Themen Gärten und Naturschutz. Mit 50 Mitgliedern und vielen Aktiven, von denen die wenigsten eine Ausbildung als Gärtner absolviert haben. Frauen, Männer und Kinder, Ärmere und Reichere, Menschen aus ganz unterschiedlichen Bildungsschichten und Kulturen treffen sich auf dieser kommunikativen, nicht kommerziellen Ruhe-Insel, um der Großstadt-Hektik zu entfliehen und gemeinsam Bio-Vitaminbomben anzubauen und zu ernten. "Wir sind mit dem Prinzessinnen-Garten in Berlin der bekannteste mobile Garten Deutschlands", sagt Pädagogin Schenk. "Wir betreuen Studienarbeiten, beantworten mehrmals wöchentlich Anfragen, haben Kooperationen mit zahlreichen Kindergärten und Schulen." Mit der Kündigung gehe somit eine zentrale grüne Anlaufstelle für alle Generationen im Herzen Münchens verloren.

"Keine Zeit, Alternativen zu suchen": Almut Schenk.

(Foto: Florian Peljak)

Am Dienstagabend hatte der Vereinsvorstand noch einmal ein Gespräch mit der Stadibau, der Gesellschaft für den Staatsbedienstetenwohnungsbau in Bayern. Resümee: Die Termine stehen, um Bodenuntersuchungen auf dem Gelände vorzunehmen. Der tatsächliche Baubeginn ist aber noch ungewiss. Und der Freistaat hat auch keine Alternativfläche anzubieten.

Gefragt ist nun die Politik. Stadträte der Grünen, der ÖDP und der Linken haben die Stadt in einem gemeinsamen Antrag vor wenigen Tagen aufgefordert, den Verein "O'pflanzt is" "tatkräftig und kurzfristig" bei der Suche nach einem Ersatzgrundstück zu unterstützen. Auch mit der CSU und der SPD will Schenk noch sprechen, "schließlich sind wir ein überparteiliches Projekt". Der Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg hat als Standorte bereits den Olympiapark an der Friedenskirche, den Parkplatz der Montessorischule oder eine Ecke des künftigen Kreativparks vorgeschlagen. Erwogen werden sollen aber auch Flächen in anderen Stadtvierteln. Gleichzeitig, so die Rathauspolitiker, solle der Freistaat um Aufschub bei der Freimachung des Geländes gebeten werden - wenigstens für einige Wochen oder Monate. Der Neuhauser BA hat dazu in seiner Sitzung am Dienstagabend einstimmig einen Antrag auf den Weg gebracht, in dem sogar die Rücknahme der Kündigung als Möglichkeit angesprochen wird.

Die Bienenkästen, meint Schenk, könne man "zur Not" irgendwo zwischenlagern. Ebenso die Pflanzen. Wildtiere wie Igel, Bodenlebewesen oder Wildbienen aber, die das Areal nahe dem Leonrodplatz inzwischen erobert haben, wären die Leidtragenden. Bleibt die Frage, ob die Gartentruppe eine längere Pause überhaupt überstehen würde. "So ganz ohne Grundstück, also ohne gemeinsame Grundlage? Schwierig."