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Häusliche Gewalt:Der eigene Mann ist oft die größte Gefahr für seine Frau

Häusliche Gewalt, 2010

Es fängt mit Beleidigungen an, dann folgen Bedrohungen und schließlich körperliche Gewalt: Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, brauchen oft lange, bis sie sich Hilfe suchen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • In München gab es im vergangenen Jahr rund 3200 Fälle häuslicher Gewalt.
  • Jeder vierte Mord wurde 2015 vom Partner des Opfers begangen.
  • In der Stadt gibt es ein breites Netzwerk, das Frauen im Fall von häuslicher Gewalt hilft.

Von Christoph Koopmann

Sie wurde von ihrem Lebensgefährten unterdrückt, geschlagen, getreten. Knapp vier Jahre lang erduldete Sabrina Lauer, die ihren Namen nicht öffentlich nennen will, dieses Schicksal. Erst dann wandte sie sich an die Polizei, weil sie es nicht mehr ertrug. Über das "Münchner Unterstützungs-Modell gegen häusliche Gewalt" (MUM), einem Kooperationsprojekt zwischen der Münchner Polizei und sechs Frauenhilfe-Organisationen, wurde sie nicht nur von amtlicher Seite unterstützt, sondern auch von privaten Beratungsnetzwerken professionell betreut.

Im vergangenen Jahr zählte die Polizei in München rund 3200 Fälle häuslicher Gewalt - fast zehn pro Tag. Das sind zwar rund 300 weniger als noch 2014, was aber vor allem an der schwankenden Dunkelziffer liegt. Die Definition "häusliche Gewalt" schließt schon abfällige Bemerkungen gegenüber dem Partner ein, das Spektrum reicht bis hin zu Vergewaltigung und Tötung. Das Fatale dabei: "In den meisten Fällen bleibt es nicht bei einer Straftat", erklärt Polizeihauptkommissarin Andrea Klein. Auf Beleidigungen folgen oft Bedrohungen und schließlich körperliche Gewalt.

So ist auch zu erklären, dass die Zahl einzelner Delikte mit 4839 deutlich höher ist, als Fälle häuslicher Gewalt gezählt wurden. Jeweils fast 700 Mal wurden die Opfer in München beleidigt oder bedroht, 2557 Mal körperlich verletzt. 108 Mal stalkten die Täter ihre Partner. Missbraucht oder gar vergewaltigt wurden die Opfer in 63 Fällen. Jeder vierte Mord in München wurde 2015 vom Partner des Opfers begangen. Bei allem sind meist Männer die Täter.

Um deren Opfer kümmert sich Kommissarin Klein. Sie ist bei der Polizeidirektion München die "Beauftragte für Kriminalitätsopfer" im Kommissariat 105, das sich unter anderem um die Prävention häuslicher Gewalt kümmert. Ihre Hauptaufgabe: Ansprechpartnerin sein für Frauen, die von ihrem Partner misshandelt wurden, sie über ihre Rechte aufklären und die weiteren Schritte abstimmen.

Diese Hilfe brauchte Sabrina Lauer im Jahr 2014. Ihr Partner hatte der damals 31-jährigen studierten Kulturwissenschaftlerin in einem Wutanfall ins Gesicht geschlagen, hatte an ihren Haaren gezerrt und ihr Tritte verpasst. Warum, lässt sich schwer sagen. Aus purer Angst vor seinen Ausbrüchen schloss sich Lauer mit den gemeinsamen Kindern - damals eineinhalb und drei Jahre alt - im Kinderzimmer ein und rief die Polizei. Als wenig später vier Beamte eintrafen, fanden sie die Wohnung verwüstet vor, der Mann hatte randaliert.

Zwei Streifen rücken bei häuslicher Gewalt an

Dass bei Fällen häuslicher Gewalt stets mindestens zwei Streifen anrücken, ist Standard, erläutert Hauptkommissarin Kleim. In eine fremde Wohnung zu gehen, berge immer ein Risiko. Hier war die Sachlage nach kurzen Vernehmungen von Sabrina Lauer und ihrem Lebensgefährten schnell klar: Er war ausgerastet, sie traf keine Schuld. Umgehend wurde der Mann der Wohnung verwiesen. Auch ein solcher ausgedehnter "Platzverweis" ist bei einseitiger häuslicher Gewalt die Regel, er gilt zunächst für zehn Tage. Außerdem wurde dem gewalttätigen Lebensgefährten der Kontakt zu Lauer untersagt, ebenfalls für zehn Tage.

Seit 2004, als das MUM-Projekt startete, wird bei jedem Fall häuslicher Gewalt nach dem Polizeieinsatz sofort das K 105 informiert. Bei den meisten Delikten kontaktieren die Beamten so schnell wie möglich eine der privaten Beratungsstellen. "Wenn nachts um drei etwas passiert, habe ich das manchmal schon morgens um acht Uhr auf meinem Schreibtisch", sagt Beraterin Sibylle Stotz vom Verein "Frauen helfen Frauen" (FHF). "So bleibt das Opfer zwischen Tat und Verfahren nicht allein und schutzlos", sagt Stotz. Nur Schwerverbrechen, etwa gefährliche oder schwere Körperverletzung sowie Vergewaltigung, sind von dem Programm ausgenommen.

Frauen werden über Jahre von ihren Partnern erniedrigt

Hier kümmert sich die Polizei selbst um die Beratung und Betreuung der Opfer. Denn diese Taten wiegen zu schwer, um die Opfer an private Organisationen verweisen zu können, außerdem will die Polizei in intensiven Gesprächen mögliche weitere Verbrechen aufdecken. Bei 3200 Fällen häuslicher Gewalt kam so im vergangenen Jahr 1857 Mal eine MUM-Beratung infrage, in 445 Fällen wurde sie von den Opfern auch wahrgenommen. Dabei rufen die Berater kurz nach der Tat beim Opfer an und bieten ihre Hilfe an; die MUM-Verantwortlichen nennen das einen "proaktiven Beratungsansatz".

Auch Sabrina Lauer bekam am Tag nach dem Polizeieinsatz in ihrer Wohnung einen Anruf. Am Hörer war Melanie Bräu, die bei der Münchner Frauenhilfe arbeitet. "In diesem ersten kurzen Gespräch habe ich ihr signalisiert: Wir sind da, wir helfen", erinnert sich Bräu. Vier Tage nach der Tat kam Sabrina Lauer in die offene Sprechstunde der Frauenhilfe.

Dort erklärte ihr Bräu, wie sie weiter vorgehen sollte. "Sie musste zum Amtsgericht, um ein längeres Kontaktverbot für ihren Partner zu erwirken - auch zu den Kindern", sagt Bräu. Denn da gibt es Sonderregelungen, die das Verfahren oft verkomplizieren. Sabrina Lauer hatte insofern Glück, als sie mit ihrem Lebensgefährten nicht verheiratet war und er nie das Sorgerecht beantragt hatte; Anspruch auf Umgang mit den Kindern hatte er also zunächst nicht.

Durch die ausführliche Beratung seitens der Frauenhilfe lief zunächst alles reibungslos, Lauer trennte sich von dem Mann. Erst als das Kontaktverbot um sechs Monate verlängert wurde, stellte er seiner Ex-Freundin nach. Sie rief erneut die Polizei, wie Melanie Bräu sagt. Der Mann akzeptierte schließlich die Trennung. Er nahm auch am sogenannten "Partnerschaftsgewaltprogramm" teil, einer Art Anti-Aggressions-Training.

Doch für Sabrina Lauer ist das Trauma noch lang nicht überwunden. "Während unserer Gespräche stellte sich heraus, dass sie schon vier Jahre lang unter der Gewalt ihres Ex-Partners gelitten hat", erzählt Melanie Bräu. Mit Beginn der ersten Schwangerschaft habe er angefangen, sie zu beleidigen und ihr einzureden, dass sie vollkommen abhängig von ihm sei. Irgendwann fing er an, Lauer zu schubsen und zu schlagen - einmal sogar krankenhausreif. Über Jahre ging das so, ehe sich die Frau der Polizei anvertraute.

Den Schock muss jede Frau selbst verarbeiten

Kein Einzelfall: "Oft sind die Opfer sehr zögerlich, weil sie von ihrem Partner psychisch fertig gemacht werden. Sie haben Angst davor, was er ihnen antun könnte, wenn sie die Polizei rufen", sagt Beraterin Bräu. Außerdem erleben viele Opfer kurz nach der Tat einen sogenannten "Honeymoon" und verzeihen ihrem Partner, sobald er sich entschuldigt. "Oft bilden sich die Frauen ein, dass ihr Partner trotz allem noch zu ihnen passt", sagt Sibylle Stotz.

So hilft das MUM-Projekt den Opfern zwar, alles Nötige nach der Anzeige zu regeln und den Schock zu verarbeiten - weniger Fälle häuslicher Gewalt gibt es deshalb trotzdem nicht. So sagt Stotz: "Der gefährlichste Mensch für eine Frau ist und bleibt leider oft der eigene Mann."

© SZ vom 18.11.2016/vewo
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