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Geburten:Eine Geburt kostet immer gleich viel, egal wie lang sie dauert

Wie könnte die Stadt die Situation verbessern?

Mir wäre schon geholfen, wenn ich den Frauen sagen könnte, nächstes Wochenende bin ich nicht da, bei Problemen könnt ihr aber eine Hotline anrufen und eine Vertretungshebamme kommt zu euch.

Sie fahren mit dem Fahrrad zu ihren Hausbesuchen.

Die Anfahrt zu den Hausbesuchen ist für uns Hebammen praktisch unbezahlt. Deswegen lohnt es sich auch nur, wohnortnah Frauen zu betreuen. Das verschärft natürlich das Problem in Bezirken, in denen es wenig Hebammen gibt. Aber wir können es uns einfach nicht leisten, quer durch die Stadt zu fahren. Außerdem wäre ich sonst den ganzen Tag mit Parkplatzsuche beschäftigt.

Wie hoch ist die Pauschale, die Sie von den Krankenkassen für einen Hausbesuch erhalten?

Wir bekommen 37 Euro, egal ob wir die Frauen und Kinder zwei Stunden, oder, wie von den Krankenkassen vorgesehen, 20 Minuten besuchen.

Was hat sich bei der Arbeit verändert in den vergangenen dreißig Jahren?

Es gibt heute eine eklatante Unterversorgung. Aber es gibt auch positive Veränderungen. Wenn wir zusammensitzen, um einen Termin zu vereinbaren, dann holt heute oft auch der Mann den Kalender raus und will mit dabei sein. Das ist neu. Männer helfen heute viel mehr mit. Die zwei Monate Elternzeit haben schon viel gebracht, auch wenn es immer noch nicht viel Elternzeit ist, die von Männern übernommen wird. Aber die Verunsicherung bei den angehenden Eltern nimmt zu.

Woran liegt das?

Es gibt eine Vielzahl neuer Diagnosemöglichkeiten, die aber auch Ängste schüren. Die Ultraschalluntersuchungen werden immer besser. Dadurch werden Anomalien aber auch sichtbarer. Das ist eine diagnostische Mühle, in der die Frauen viel schneller drin sind. Je mehr man untersucht, desto mehr Unruhe bringt man in die Schwangerschaft. Die gute Hoffnung zu bewahren, ist für schwangere Frauen mittlerweile nicht mehr so einfach.

Wenn Sie noch einmal vor der Wahl ständen: Würden Sie wieder den Beruf als Hebamme ergreifen?

Ja, es ist ein sehr schöner Beruf. Man darf an einem ganz besonderen Ereignis teilnehmen und ist nah dran am Leben. Es ist ein medizinischer Beruf, aber er hat mit Gesundheit und nicht mit Krankheit zu tun.

In Deutschland liegt die Kaiserschnittrate bei etwa 30 Prozent.

Das ist auch ein Systemfehler. Warum ist der Kaiserschnitt die teuerste Geburt? Warum rechnen sich Geburten am besten, wenn sie schnell gehen? Die Kliniken werden für eine normale Geburt pauschal bezahlt, egal wie lange sie dauert.

Egal, ob zwei oder zwölf Stunden?

Ja. Und der Stress und Druck wachsen natürlich, wenn die Frauen schon Schlange stehen. Es gibt Studien, die belegen: Je intensiver die Betreuung durch eine Hebamme ist, desto weniger medizinische Maßnahmen im Kreißsaal sind notwendig. Wir bräuchten mehr Personal und mehr Kreißsäle. Ideal wäre eine Eins-zu-Eins-Betreuung unter der Geburt, aber die Krankenhausträger sind nicht dazu bereit, den Personalschlüssel anzuheben, oder die Vergütung zu verbessern. Von den großen Parteien wird zwar große Betroffenheit und Hilfsbereitschaft proklamiert, aber echte Reformen sind nicht in Sicht.

Dieses Jahr tritt eine neue Regelung in Kraft: Freiberufliche Hebammen dürfen nur noch zwei Frauen gleichzeitig bei der Geburt betreuen.

Ja, aber für angestellte Hebammen gilt das nicht. Die Idee ist ja gut, dass Hebammen nicht mehr so viele Frauen gleichzeitig betreuen. Aber warum gilt das nicht für die angestellten Hebammen im Kreißsaal? Es geht nur darum, Geld zu sparen. Und man müsste das auch langfristig planen. Kurzfristig führt das nur zu noch mehr Engpässen in den Kreißsälen. Pflege und Hebammen waren immer ein Frauenthema, und wo Frauen arbeiten, gibt es weniger Geld. Aber Geburtshilfe ist kein Frauenthema: Es geht darum, dass die nächste Generation gesund und sicher auf die Welt kommt.

München Die wichtigsten Trends und Grafiken

Datenanalyse

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Jedes Jahr lassen sich Zehntausende Menschen in der Landeshauptstadt nieder - oder kehren ihr den Rücken. Und auch die einzelnen Bezirke befinden sich im steten Wandel. Ein Blick auf die vergangenen 17 Jahre.   Von Birgit Kruse (Texte) und Benedict Witzenberger (Grafiken)