SZ-Kulturpreis Tassilo:Mit kindlicher Begeisterung

SZ-Kulturpreis Tassilo: Faszinierte Zuschauer: "Der Wolf und die sieben Geislein" ist eines der Stücke, das die Hühnerleiter in dieser Spielzeit zeigt.

Faszinierte Zuschauer: "Der Wolf und die sieben Geislein" ist eines der Stücke, das die Hühnerleiter in dieser Spielzeit zeigt.

(Foto: Lilly Schmid/oh)

Der Theaterverein "Hühnerleiter" holt seit 20 Jahren Stücke für Drei- bis Sechsjährige aufs Land nach Maisach. Für sein Engagement ist er nun für den Tassilo-Preis nominiert.

Von Florian J. Haamann, Maisach

Die Hühnerleiter ist kein Verein der lauten Töne und des großen Spektakels - und gerade deshalb eine wohltuend wichtige Institution der kulturellen Nachwuchsarbeit. Und das auch noch auf dem Land, wo ja genau diese Arbeit oft etwas untergeht. So habe sich vor einigen Jahren auch der neue Pfarrer durchaus überrascht gezeigt, als er den Verein kennengelernt hat, erinnert sich die Vorsitzende Lilly Schmid. "So etwas habe ich auf dem Land nicht erwartet", habe er damals gesagt, erzählt Schmid und fängt an zu lachen. Die 51-Jährige lacht viel und gerne, das wird im Gespräch mit ihr schnell deutlich. Es ist ein Lachen voller Begeisterung und Freude darüber, mit dem, was sie und ihre Mitstreiterinnen tun, anderen Freude zu bereiten. Für sein Engagement ist der Verein nun für den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung nominiert.

Seit nun 20 Jahren organisiert der Verein Kindertheatervorstellungen in Maisach, bald steht die 150. Aufführung an. Los gegangen ist es im April 1992 mit der ersten Veranstaltung "Tom&Dudel", ein voller Erfolg mit 300 Besuchern, wie sich in der Chronik nachlesen lässt. Zwei Jahre später, 1994 wurde der Verein mit dem ungewöhnlichen Namen gegründet. Der Vorschlag stammt von Vereinsgründerin Hanne Wölfle, die als Kind absolut begeistert war von Hühnerleitern. "Mich haben Hühnerleitern als Kind sehr beeindruckt - wie die Hühner dort, eins nach dem anderen, hinunter kommen und ihren Auftritt haben", hat sie dazu einst gesagt. Und irgendwie zieht sich dieses Thema bis zur heutigen Vorsitzenden Schmid durch, auch sie hält auf ihrem Grundstück noch einige Hühner.

SZ-Kulturpreis Tassilo: Seit 2014 leitet Lilly Schmid den Kindertheaterverein. Dazu gekommen ist sie über Besuche mit ihren beiden Söhnen.

Seit 2014 leitet Lilly Schmid den Kindertheaterverein. Dazu gekommen ist sie über Besuche mit ihren beiden Söhnen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

"Die Hühnerleiter ist schon was Tolles", sagt sie, nun freilich mit Blick auf den Verein, "weil die Kinder immer total dabei sind. Sie tauschen sich aus, sprechen mit ihren Eltern über das, was sie sehen, und sitzen eben nicht alleine vor dem Fernseher. Außerdem regt gutes Kindertheater die Fantasie so toll an". Dann erzählt sie von einer Stammbesucherin, einer Oma, die regelmäßig mit ihrer Enkelin vorbeikommt. "Wir hatten mal ein Stück, da wurde etwas mit Utensilien aus dem Bad gemacht. Die Oma hat mir dann gesagt, dass sie zu Hause so eine Kiste packen musste, mit Bürsten, Spangen und so weiter, weil die Kleine das Stück einfach weitergespielt hat daheim. Da geht einem schon das Herz auf, wenn man sieht, was das mit den Kindern macht", sagt die 51-Jährige Schmid und verfällt wieder in ihr ansteckend-fröhliches Lachen.

2010 steht der Verein kurz vor dem Aus, weil niemand den Vorsitz übernehmen will

Etwas ernster wird sie, wenn sie darüber spricht, wie der Verein 2010 fast aufgelöst werden musste, weil niemand den Vorsitz übernehmen wollte. Der Bürgermeister habe damals persönlich Bürger angesprochen und so eine temporäre Führung gefunden. Erst Schmid ist es dann, die 2014 den Vorsitz wieder langfristig übernimmt und den Verein zukunftssicher macht. "Ich war mit meinen Kindern bei den Vorführungen und da hat meine Vorgängerin immer damit geworben, dass sie eine Nachfolgerin sucht. Da haben zwei Freundinnen und ich gesagt, das wäre doch was für uns. Also haben wir es übernommen. Und ja, es ist wirklich etwas für uns! Die Kinder saugen einfach alles wie ein Schwamm auf und haben so einen Spaß dabei. Und den haben wir auch. Es ist toll zu sehen, wenn man wirklich etwas erreicht", erzählt die Maisacherin in tiefem Dialekt.

SZ-Kulturpreis Tassilo: Besonders schön sei es, dass die Kinder sich nach den Stücken mit ihren Eltern austauschen können, sagt die Vereinsvorsitzende Lilly Schmid.

Besonders schön sei es, dass die Kinder sich nach den Stücken mit ihren Eltern austauschen können, sagt die Vereinsvorsitzende Lilly Schmid.

(Foto: Lilly Schmid/oh)

Der Verein ist nicht groß, hat knapp zwanzig Mitglieder. "Die meisten eher als Fördermitglieder", sagt Schmid, das Organisationsteam bestehe aus sieben Leuten. Sie bezeichnen sich selbst etwa als das "Zahlenhuhn", das "Kreativhuhn" und das "Programmhuhn". Langsam werde es auch Zeit für etwas Nachwuchs, findet Schmid, ein paar junge Eltern wären nicht schlecht. "Wenn die eigenen Kinder größer werden, verliert man ein bisschen den Kontakt zur Zielgruppe, die bei uns von drei bis sechs Jahren ist. Aber Sie wissen ja, Ehrenämter sind immer schwer zu besetzen", sagt die 51-Jährige und betont: "Wir werden aber nicht aufhören, weil es uns so einen großen Spaß macht. Und mei, es läuft gut bei uns, trotzdem wäre es schön, wenn jemand Junges dazu kommt".

Sie bewundere den Idealismus der Kindertheater-Schauspieler, betont Schmid

Sechs bis sieben Auftritte organisiert der Verein pro Spielzeit, aktueller Spielort ist das Sportheim im Maisacher Ortsteil Überacker. Zwei Termine stehen in diesem Jahr noch an, einer im Februar, einer im März, beide sind ausverkauft. Besonders stolz ist Schmid darauf, dass zum Saisonabschluss der bekannte Puppenspieler Michael Hatzius nach Maisach kommt, der mit seinen Figuren unter anderem aus den "Mitternachtsspitzen" beim WDR und seiner eigenen Show "Weltall.Echse.Mensch." bekannt ist.

SZ-Kulturpreis Tassilo: Erwachsene kennen Puppenspieler Michael Hatzius möglicherweise mit seinem Programm "Echsoterik", in Maisach zeigt er nun ein Kinderstück.

Erwachsene kennen Puppenspieler Michael Hatzius möglicherweise mit seinem Programm "Echsoterik", in Maisach zeigt er nun ein Kinderstück.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sie habe großen Respekt vor den Künstlern, die Kindertheater machen, erzählt Schmid. "Man glaubt ja immer, das ist ganz einfach und nur für Kinder. Aber beides stimmt nicht. Da steckt so viel Idealismus dahinter. Meistens kommen sie alleine, machen Ton, Licht, Aufbau und Abbau. Ich bewundere das, es ist ein hartes Geschäft, mit dem man nicht das große Geld macht. Und dann nehmen sie die Kinder so wunderbar mit und verbreiten so eine große Freude. Das ist einfach schön".

Dass sich die 51-Jährige selbst bis heute viel von dieser kindlichen Freude und Begeisterungsfähigkeit behalten hat, trägt sicher viel dazu bei, dass sie die Hühnerleiter so erfolgreich führt. In wenigen Tage werde sie 52, erzählt sich noch. "Wissen Sie, ich bin so eine Kartensammlerin. Eine gefällt mir aber besonders gut, darauf steht: Ich stelle manchmal fest, dass ich mittlerweile in dem Alter bin, von dem ich früher dachte, dass ich dann so richtig erwachsen sein würde. Wie man sich irren kann."

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