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SZ-Adventskalender:Gebremst durch das Virus

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Asylhelferin Marlies Eller.

(Foto: Privat)

Puchheimer Asylhelfer berichten von den Nöten der Berufsschüler

Von Andreas Ostermeier, Puchheim

Die Pandemie behindert die Integration. Mit der Isolation büßen Flüchtlinge an Sprachvermögen ein, denn dieses ist ans Sprechen gebunden. "Das Deutsch geht verloren", sagt Marlies Eller von den Puchheimer Asylhelfern. Aber nicht nur die Sprachkompetenzen leiden, sondern auch die Motivation. So haben es Flüchtlinge - wie auch Einheimische - schwerer als sonst, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Denn viele Betriebe warten ab, wie sich Pandemie und Wirtschaftslage auf ihr Geschäft auswirken. Und auch der Kontakt zu den Betreuern ist schwieriger geworden. Oftmals wird nur per Smartphone kommuniziert. Eller erzählt von einem jungen Mann, der gerade eine Ausbildung zum Koch macht. Zum Arbeiten kann er nicht gehen, denn das Restaurant ist wegen Corona geschlossen, und auch der Unterricht in der Berufsschule findet seit Mittwoch nicht mehr statt. Verfolgen könnte er die Stunden nur per Computer. Der aber fehlt ihm.

Eller wünscht sich daher Laptops für ihn und einige andere Flüchtlinge. Denn die technische Ausstattung, um dem Berufsschulunterricht folgen und Deutsch lernen zu können, ist bei einigen der jungen Männer aus Somalia, die die Puchheimer betreuen, nicht vorhanden. Oder die Geräte tun es nur noch mäßig. So wie bei dem 21-Jährigen, der im Obdachlosenheim wohnt und einen Mittelschulabschluss anstrebt, oder bei dem Somali, der die Realschule besucht. Der habe nur noch einen alten Computer, sagt Eller. Computer, auch wenn sie es noch tun, seien sowieso schwierig zu händeln, denn wer sich das Zimmer in einer Unterkunft mit anderen teilen muss, findet dort meist keinen Platz, an dem der PC-Bildschirm stehen kann.

Eller und andere Helferinnen und Helfer kümmern sich seit Jahren um Migranten, die eine Schule besuchen oder eine Lehre machen. Die Hausaufgabenbetreuung findet nicht in der Gruppe, sondern persönlich statt, das heißt, jeder der jungen Männer hat eine Person, die ihn beim Lernen unterstützt. Das fördert den Lernerfolg und hat Vorteile, wenn ein Flüchtling motiviert werden muss, seine Ausbildung fortzusetzen. Und das ist durchaus immer wieder nötig, denn die Asylbewerber erleben viele Rückschläge, beispielsweise wenn ihr Antrag abgelehnt oder sie Monate oder Jahre auf eine Anhörung warten müssen. Außerdem wird an den Schulen viel von den Jugendlichen gefordert. Deshalb gibt es Frustration und es entsteht der Wunsch, sich doch einfach eine Hilfstätigkeit zu suchen, für die kein Abschluss nötig ist.

Betreuerinnen wie Eller wollen den Geflüchteten aber nicht zum raschen Geldverdienen verhelfen, sondern sie unterstützen, damit sie einen Schulabschluss machen und einen Ausbildungsplatz bekommen. Und damit sind sie in vielen Fällen erfolgreich, denn die jungen Männer finden oft Ausbildungsstellen und werden von ihren Ausbildern geschätzt. Schwierig wird das Finden eines Ausbildungsplatzes und die Motivation der Flüchtlinge, wenn der Aufenthalt über längere Zeit rechtlich ungeklärt bleibt - oder eben wenn eine Pandemie zuschlägt.

© SZ vom 12.12.2020
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