SZ-Adventskalender:Plötzlich bricht alles zusammen

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SZ-Adventskalender: Wichtige Dinge, wie etwa Anrufe, um ein Problem zu lösen, fallen Menschen mit Depression oft doppelt schwer.

Wichtige Dinge, wie etwa Anrufe, um ein Problem zu lösen, fallen Menschen mit Depression oft doppelt schwer.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Eine Depression reißt eine Frau aus Fürstenfeldbruck aus Alltag und Job. Weil das Krankengeld nicht reicht, droht ihr dann auch noch die Obdachlosigkeit.

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Dass ein Leben manchmal ganz schnell und unerwartet aus den Fugen geraten kann, musste Christine M. vor einem Jahr am eigenen Leib erfahren. Jahrzehntelang ist es eigentlich ganz gut gelaufen im Leben der 54-Jährigen, sie hatte einen Job, Kinder und eine Wohnung. Doch alles, was bis dahin selbstverständlich war, brach auf einmal zusammen, als bei ihr eine Depression festgestellt wurde. Sie musste ihren Job, in dem sie 20 Jahre gearbeitet hatte, aufgeben, die Kinder waren mittlerweile ausgezogen. Und weil das Geld immer knapper wurde, konnte sie ihre Miete nicht mehr bezahlen. Es drohte die Obdachlosigkeit, die sie nur mit Hilfe der Fachstelle Wohnen abwenden konnte. Trotzdem kann sie sich heute noch kaum etwas leisten. Der Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung möchte sie deshalb bei der Anschaffung neuer Winterkleidung unterstützen.

Weniger als 1000 Euro Krankengeld habe sie damals bekommen, bei einer Miete von 620 Euro. "Das ist natürlich nicht leicht". Dazu kam das tiefe Loch, in das sie durch die Depression gefallen ist. "Bei so einer Krankheit fallen einem selbst einfache Dinge schwer." Wichtige Telefonate beispielsweise, die nötig wären, um die Situation zu entschärfen. "Stattdessen stellt man sich immer die gleichen Fragen: Wie stehe ich denn jetzt da, was bin ich überhaupt wert, warum schaffst du das nicht?". Ein Bekannter habe ihr geraten, sich an die Caritas zu wenden. "Allen andere würde ich immer sofort sagen, geh besser früher dahin, aber selbst schafft man es dann nicht". Bei der Fachstelle habe sie aber nette Unterstützung bekommen. "Die haben mir geholfen, wo sie konnten. Sie nehmen einem beispielsweise die Anrufe ab, was mich sehr entlastet hat."

Auch die Vermieterin sei froh gewesen, als die Fachstelle sich meldete, um sich der Angelegenheit anzunehmen. "Ich habe eine tolle Vermieterin, sie hat viel Geduld gezeigt. Deswegen darf jetzt nichts mehr schieflaufen", sagt die 54-Jährige und betont, dass man zwar Hilfe bekomme, selbst aber auch mitarbeiten müsse, damit es funktioniert. "Wenn die schon meinen Vermieter anrufen, dann muss ich mich auch an meine Anrufe bei der Fachstelle halten". Schon deshalb, damit es in ein paar Monaten nicht wieder zu den gleichen Problemen kommt.

"Noch vor einem Jahr hätte ich das so nicht geschafft"

M. erzählt im Gespräch ausführlich ihre Geschichte, kann dabei manchmal sogar lachen. "Das ist aber nicht selbstverständlich. Noch vor einem Jahr hätte ich das so nicht geschafft." Aktuell sei sie dabei, eine Umschulung zur Alltagsbegleiterin zu machen. Sich um Menschen kümmern zu können, sei ihr schon immer wichtig gewesen. Das sei überhaupt etwas, was in der Gesellschaft immer mehr verloren gehe: der Zusammenhalt, das Füreinanderdasein. Dass Hilfsbereitschaft einen Preis haben kann, musste die 54-Jährige dabei selbst erleben. Vor drei Jahren hat sie den Hund einer verstorbenen Nachbarin aufgenommen. Dessen Versorgung macht die finanzielle Situation freilich nicht leichter.

M. hofft, dass sie bald mit einem Praktikumsplatz in der Alltagsbegleitung wieder den Einstieg ins Berufsleben schafft. In einer Tagesstätte vielleicht oder in einem Mehrgenerationenhaus. "Mein Traum ist eine Gesellschaft, in der sich die Menschen unter die Arme greifen", sagt sie und will mit gutem Beispiel vorangehen. Gerade weil sie selbst erfahren hat, wie schnell man sehr tief fallen kann und wie wichtig es dann ist, jemanden an seiner Seite zu haben, der einem den Rücken stärkt, solange es nötig ist. Auf ihrem Weg zur Alltagsbegleiterin habe sie aber auch andere Beispiele erlebt, die zeigen, wie schnell man unverschuldet abstürzen kann. "Das kann auch Leute treffen, die lange daran beteiligt waren, Wohlstand zu schaffen. Ich habe einen Bankmitarbeiter erlebt, der im Alter Demenz bekommen hat." Vielleicht, so sagt sie, wäre es nicht verkehrt, wenn die Gesellschaft auch älteren Menschen zuhören würde. "Die können gute Geschichten erzählen aus ihrer Welt, die vielleicht auch eine einfachere war, als sie es heute ist."

Denn in der modernen Gesellschaft sei es schwer, wenn man nicht mehr so funktioniert wie gewünscht. "Durch die Anonymität bist du mit deinen Problemen alleine. Man erzählt, was die Gesellschaft hören will, und deswegen weiß keiner, was bei den anderen hinter der Fassade los ist. Ich kann nur allen raten, den Schritt zu wagen und auszusprechen, wenn sie Hilfe brauchen."

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