bedeckt München 14°

Starkbierfest:Gute Miene zum bösen Wort

Die Fürstenfeldbrucker Lokalpolitiker bekommen von Fastenprediger Jürgen Kirner die Leviten gelesen, was das Publikum ordentlich amüsiert

Von Karl-Wilhelm Götte, Fürstenfeldbruck

Wie immer ist im rappelvollen kleinen Fürstenfelder Saal beim Salvator-Starkbieranstich mit Politiker-Derblecken alles gut aufgeteilt: Vorne sitzt das Volk und hinten hat die lokale Politprominenz Platz genommen. Nein, natürlich nicht - es ist wie immer genau umgedreht. In der Mitte an den vorderen Tischreihen macht sich die mächtige CSU-Dominanz breit: Oberbürgermeister Erich Raff, Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler und Thomas Karmasin, der "Ewigkeits-Landrat", wie ihn Moderator Harry Stadlmayer süffisant begrüßt. An den Rändern dürfen die Vertreter der SPD mit Landratskandidat Christoph Maier und der Grünen der Veranstaltung beiwohnen. Jan Halbauer, der grüne Landratskandidat sitzt vorne, weiter hinten die Bundestagsabgeordnete Beate Walter-Rosenheimer.

Der Starkbieranstich durch den durch Los ermittelten Freie Wähler-Stadtrat Markus Droth unter Assistenz der verkleideten "Ganterburschen" Raff und Karmasin ist nur Nebensache. Nach der Blasmusik von "DrahDeWadl" und der Wirtshausmusi des Trios "Schleudergang", das sich vor allem mit den Regungen des Unterleibs beschäftigte, wartete der Saal ungeduldig auf den Fastenprediger in Person von Jürgen Kirner. Der Kabarettist kam nach fast zwei Stunden, begleitet vom Defiliermarsch, in der bekannten Mönchskutte durch die Tischreihen ans Pult und begrüßte "die Kronjuwelen des politischen Landes". Zwei Wochen vor den Kommunalwahlen nahm er sich zunächst die Lokalpolitiker vor. "Außer Euren Pflichtaufgaben passiert doch schon seit ewigen Zeiten nix mehr; nein, des stimmt nicht, ihr lasst Ladesäulen für E-Autos in der Frühlingsstraße aufstellen, um sie dann nicht anzuschließen", schmetterte er dem Stadtrat eingangs entgegen. Applaus brandete hinten beim Volk auf, vorne gab es betretendes Schweigen.

Stadtrat Markus Droth übernimmt das Anzapfen.

(Foto: Günther Reger)

ÖDP-Stadträtin Alexa Zierl titulierte Kirner als "Endlosschleifengesprächspartnerin". Obwohl selber CSU-Mitglied, schonte er die eigene Partei keineswegs. "Erich Raff, du musst den Leuten sagen, dass du dich wie Mutti Merkel in Altersteilzeit befindest", hob er an und animierte den OB zur "Platzpflege beim Fußballverein SCF, um die Gerichtskosten abzuarbeiten". Der Erich habe noch keine Lust zum Entenfüttern an der Amper. "Wenn der Herrgott nicht will, gehe gar nichts." Raunen im Saal. Das Anforderungsprofil Kirners für den OB in 2023: "Hohe Leidensfähigkeit, Mobbingresistenz und eine angeborene masochistische Neigung; also, das Kundenpotenzial einer Domina." Dann nimmt er Karmasin aufs Korn: "Trotz fehlendender Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Wohnungsbau, dafür aber mit Gummibärle für jeden Haushalt: Brot und Spiele." Der werde solange Landrat bleiben, "bis sie ihn mit den Füßen voran raustragen". Noch mehr Raunen im Saal. Karmasin lächelt wie immer alles weg.

Christoph Maier bekommt von Kirner Nachhilfeunterricht in politischer Differenzierung: "Nazis schauen anders aus als Karmasin." Die SPD fordert seinen Spott heraus: "Sogar der Eierlikör hat mehr Prozent." Dann erinnert er an das Ewigkeits-Thema Ausbau der S4: "Passiert ist gar nichts und gemeinsame Konzepte gibt es auch nicht." Halbauer gesteht er "ein Anrecht auf ein gute Zukunft und eine saubere Umwelt" zu. Er erinnerte ihn aber auch daran, dass "keine Generation vor Euch, so einen Konsum wie Ihr hatte". Und mehr: "Eure Großeltern sind im Gwand von ihren Geschwistern zur Schule gelaufen."

Große Einigkeit herrschte im Saal, als Kirner bar jeglicher Ironie die alten und neuen Nazis attackierte. "Man traut sich wieder ein Nazi zu sein, ist stolz darauf seine eigene, sich selbst zurechtgebastelte Wahrheit öffentlich lautstark zu vertreten", stellte er fest. Florian Jäger, dem AfD-Kreisvorsitzenden, der Deutschland als "Diktatur im Endstadium" und als "totalitären Staat" bezeichnet, empfahl er sofort seine Zelte in Olching abzubrechen und nach Polen oder Ungarn auszuwandern. Auch FDP-Kandidat Herwig Bahner, der die Wahl von Thomas Kemmerich mit Hilfe der AfD in Thüringen ausdrücklich begrüßte, weil dadurch angeblich der "Ökoterrorismus" abgewehrt wurde, kritisierte er heftig. Für seine leidenschaftlich vorgetragene Forderung, bekam er den längsten Applaus des Abends: "Diese völkische Bewegung gehört endlich vor die Türen der Parlamente gesetzt, in Berlin, in Bayern und auch im Brucker Land - es reicht."

© SZ vom 03.03.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema