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Schweinezucht:Zwischen Deckabteil und Freilandhaltung

Johannes Müller ist begeisterter Ferkelerzeuger. In seinem Stall in Egenhofen leben 250 Mutterschweine. Einige Jungtiere mästet er selbst auf einer großen Weide

Von Ingrid Hügenell, Egenhofen

Wer in den Schweinestall von Johannes Müller möchte, muss zuerst in einem Vorraum unter die Dusche, einschließlich Haarwäsche. Besucher dürfen 24 Stunden vorher keinen Kontakt zu anderen Schweinen gehabt haben. Sie bekommen einen Overall und Gummistiefel, erst dann können sie zu den 250 Mutterschweinen und ihren Ferkeln. Dieses Vorgehen kennt der 33-Jährige von Praktika bei Schweinezüchtern in Norddeutschland, in Bayern sei es noch kaum gebräuchlich, sagt Müller. Durch die strengen Hygienemaßnahmen könne er Antibiotika-Gaben weitgehend vermeiden, und auch das teure Impfen der Ferkel. Müller führt im Egenhofener Ortsteil Aufkirchen einen konventionellen Hof mit Ferkelerzeugung, Aufzucht und Mast in Weidehaltung. 250 Mutterschweine hält er, jedes Jahr erzeugt er etwa 7000 Ferkel.

Müller wollte unbedingt Landwirt werden, und es war immer die Tierhaltung, die ihn faszinierte. "Ackerbau ist nicht so mein Thema", sagt er. Die Schweinezucht dafür umso mehr. Und so hat Müller nach zahlreichen Praktika und einem sechsmonatigen Aufenthalt auf einem Hof in Kanada erst einen Schweinestall und dann ein modernes Wohnhaus gebaut.

Hausschweine sind anfällig für Krankheiten. Deshalb wirkt der Stall abgeschottet, man kann nicht einfach hineingehen. Ein Zaun um das Grundstück soll verhindern, dass Wildschweine auf das Gelände kommen und die Zuchttiere anstecken. Einige Zeit hat Müller versucht, seine Arbeit über Facebook transparent zu machen. Das habe aber zu so vielen Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen geführt, dass er es wieder gelassen habe, berichtet er. Ärger kennt Müller. Vor dem Bau des Stalls gab es im Dorf sogar eine Bürgerinitiative, aus Sorge, die Schweinehaltung könnte recht stinken. Das tut sie nicht. Erst wenn man die Vorräume des Stalls mit der Hygieneschleuse betritt, nimmt man einen leichten, aber nicht unangenehmen Geruch war nach Schweinen und, ein bisschen süßlich, nach Futter. Im Gebäude selber liegen an einem langen Gang links und rechts die einzelnen Abteile. Das Radio läuft, Bayern 1, Oldies, Evergreens und Nachrichten. So könnten sich die Schweine an menschliche Stimmen gewöhnen, sagt Müller. Weil Schweine sehr neugierig, immer wachsam und so intelligent wie Hunde sind, gibt es große Aufregung, wenn man die Tür zu einem Abteil im Stall öffnet. Im Deckabteil sind Schweine, die gerade belegt, also künstlich befruchtet wurden, in Kastenständen eingesperrt. Sie können und sollen sich nicht viel bewegen und vor allem keine Rangkämpfe austragen, damit sie wirklich trächtig werden.

Jeder Kastenstand ist 75 Zentimeter breit und 2,40 Meter lang, etwas länger als vorgeschrieben. Müller lässt seine eben gedeckten Schweine zwei Tage darin, erlaubt wären bis zu 35. Die trächtigen Tiere kommen ins Warteabteil, wo jede Sau vier Quadratmeter Platz hat, erlaubt wären nur 2,3 Quadratmeter. Müller hat lieber großzügiger gebaut. Die Schweine stehen auf Spaltenböden. Tierschützer kritisieren das und die Enge der Haltung, die den Tieren die Möglichkeit nehme, sich artgerecht zu verhalten.

Lieber würde Landwirt Johannes Müller alle seine Tiere im Freilauf halten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Wenn die Mutterschweine nach 115 Tagen Tragezeit werfen, kommen sie in eine 4,5 Quadratmeter große Bucht im "Abferkel-Abteil". Dort ist jede Sau in einem Ferkelschutzkorb so fixiert, dass sie sich nicht umdrehen kann. Sie kann sich nur auf die Seite legen, damit die Ferkel trinken können. So soll verhindert werden, dass die Mütter ihre Jungen erdrücken. Die Ferkel können sich frei bewegen. Sie haben eine "Ferkelnest" genannte, beheizte Bodenplatte und eine Wasser- und Milchtränke.

Bis zu 16 Ferkel bekommt eine Sau pro Wurf. Sie säugen vier Wochen bei der Mutter, dann wiegen sie etwa acht Kilogramm. Weitere 45 Tage behält Müller sie im Aufzuchtstall, wo sie herumlaufen können und auch Spielzeug haben, bis er sie an den Mäster abgibt. Die Sauen werden schon fünf Tage nach dem Absetzen der Jungen wieder belegt, also erneut befruchtet. So bekommt in Müllers Betrieb jede Sau im Jahr bei statistisch 2,3 Würfen 29 Ferkel. Die Sauen leben im Schnitt viereinhalb Jahre, dann werden sie durch neue Mutterschweine ersetzt, die Müller aus Dänemark bezieht. Befruchtet werden sie mit Sperma von rothaarigen Duroc- oder schwarzgescheckten Pietrain-Ebern, was die Fleischqualität erhöhen soll.

Müller probiert auch andere Haltungsformen aus. Im Außenbereich hat er eine Hütte errichtet, in der ein Mutterschwein mit zehn Ferkeln lebt, die dort auch geboren wurden. Anfangs seien es 15 gewesen, fünf der kleinen Tiere seien gestorben, wohl von der Mutter erdrückt. Ein Mutterschwein wiegt etwa 350 Kilogramm, die neugeborenen Ferkelchen etwa 1,3 Kilogramm. Die Freilauf-Abferkelung soll ausgeweitet werden, zehn Sauen und ihre Ferkel will Müller künftig so halten, die Nachfrage nach diesem Fleisch sei da. Die Jungtiere kommen, nachdem sie von der Mutter getrennt wurden, für sechs Monate auf die Weide, bevor sie geschlachtet werden.

Vier Wochen säugt die Muttersau ihre Ferkel in der 4,5 Quadratmeter großen Bucht. Die blaue Platte ist das beheizte Ferkelnest.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Auf dem fünf Hektar großen Feld bei Maisach leben seit Ostern die ersten Tiere, 92 sind es momentan, 150 sollen es werden. Sie können nach Herzenslust wühlen, mit alten Fußbällen spielen, und sie haben auch eine Suhle, in der sie baden und sich abkühlen können. Kleine Hütten schützen sie vor Wettereinflüssen, vor allem vor Hitze. Weil rechnerisch auf jedes Schwein 330 Quadratmeter kommen, verletzen sich die Tiere nicht gegenseitig - sie können sich bei Streitigkeiten gut aus dem Weg gehen. Deshalb werden ihnen auch nicht die Ringelschwänze kupiert. Das Fleisch verkauft Müller in Zehn-Kilo-Paketen ab Hof, für zwölf Euro pro Kilogramm. Auch bei der Metzgerei Drexl in Egenhofen ist es zu haben. So will er ein zweites Standbein aufbauen und unabhängiger vom Weltmarkt werden.

Am liebsten würde Müller alle seine Schweine so halten. "Wir Landwirte wären die letzten, die sich sträuben, anders zu wirtschaften, aber es geht nicht", sagt er. Denn der Lebensmittelhandel und die Verbraucher seien nicht bereit, die dann nötigen höheren Preise zu bezahlen. Aber die Bauern müssen ihre Investitionen abbezahlen. Müllers Stall hat vor zehn Jahren einen siebenstelligen Betrag gekostet, erst in weiteren zehn Jahren wird er abgeschrieben sein. Aufhören könnte er also nicht, selbst wenn er es wollte.

Wie viel Geld der Landwirt pro Ferkel vom Mäster bekommt, bestimmt er nicht selbst. Die Preise schwanken enorm. Momentan würden 80 Euro pro 30-Kilo-Ferkel bezahlt, vor einigen Monaten seien es nur 40 Euro gewesen, sagt Müller. Der Preis sei gestiegen, weil in China die Schweinepest grassiere, es weniger Angebot gebe, aber immer mehr Schweinefleisch nachgefragt werde. Wegen der Preise füttert Müller seine Tiere unter anderem mit Gen-Soja. Nicht gentechnisch verändertes Soja, das er lieber verwenden würde, sei viel teurer, sagt Müller, er müsste die Ferkel teurer verkaufen. Die entsprechende Nachfrage der Verbraucher gebe es aber noch nicht.

© SZ vom 20.07.2019
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