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SZ-Serie: Wege des Herrn, Folge 8:Extratouren durch den Wald

Der Rasso-Pilgerweg führt von Geltendorf auf etwa 80 Kilometern Länge nach Grafrath. Weil bewusst auf eine ausführlichere Beschilderung verzichtet wurde, kann die Route manchmal etwas länger werden als geplant

Auf einem Pilgerausflug kann so einiges hochkommen. Das lange Gehen zehrt an Kräften und Nerven, in falschem Schuhwerk tun bald Füße und Rücken weh. Mitten in der stillen Natur bleibt viel Zeit zum Nachdenken, und so schön das sein mag, denkt man wohl unausweichlich irgendwann auch darüber nach, dass jetzt doch endlich mal das Ziel näher kommen könnte. Wenn man dann als unerfahrene Pilgerleiterin nach beinahe vier Stunden Wanderzeit verkünden muss, dass es den gerade erst herabgestiegenen Schotterberg jetzt leider wieder zurück nach oben geht, weil man offenbar doch zu früh abgebogen ist, kann es schon mal mit der Mitpilgerin durchgehen. Da wird dann erst geschimpft, dann geschwiegen, und ja, da wären wir nun: Irgendwo im Mauerner Wald zwischen Inning und Grafrath und pilgern die notgedrungen gewählte Alternativroute wortlos vor uns hin.

So geschehen auf der letzten Etappe des Rasso-Pilgerwegs, der von Geltendorf ausgehend um den Ammersee über Schondorf, Dießen und Andechs bis nach Grafrath führt. Gegliedert ist der etwa 80 Kilometer lange Weg in vier Tagestouren. Der letzte Abschnitt, etwa 15 Kilometer lang, beginnt am Herrschinger Bahnhof und führt zum Pilgerziel, der Wallfahrtskirche Sankt Rasso. Von der, bis auf wenige Umbauten und Neuerungen, in ihrer jetzigen Form 1695 eingeweihten Barock-Rokoko-Kirche am Rande des Ampermooses sind es nur ein paar weitere Minuten zum Biergarten des Wirtshauses "Dampfschiff", wo Maria Leitenstern-Gulden bereits bei einem Schoko-Eisbecher wartet. Sie ist die Vorsitzende des Kulturvereins Sankt Rasso, der den Pilgerweg zu Ehren des sagenumwobenen Grafrather Namenspatrons konzipiert hat.

Gegründet wurde der Verein 2002, um zur Wiedereinweihung der renovierten Rasso-Kirche zwei Jahre später ein Historienspiel aufzuführen. "Während der Vorbereitungen kam mir damals der Gedanke, dass man die Orte Grafrath, Dießen und Andechs, die im Leben Rassos eine Rolle gespielt haben, irgendwie miteinander verbinden müsste", erinnert sich die Vorsitzende. Also arbeiteten einige im Pilgern erfahrene Vereinsmitglieder eine Strecke aus. 2010 wurde der fertig ausgeschilderte Weg schließlich mit einer gut besuchten Osterwanderung eingeweiht, seitdem lädt der Verein jedes Frühjahr zum gemeinsamen Gehen eines Teilabschnitts ein.

"Für uns ist das Schöne an dem Weg, dass er hier in der Gegend ist und man ohne große Vorbereitung losgehen kann", sagt Leitenstern-Gulden, die in Unteralting wohnt, dem Ortsteil von Grafrath, an dem man von der Wald-Wildnis zurück in die ländliche Zivilisation kommt. Dort, kurz vor den Bauernhöfen am Ortsrand, erstreckt sich eine Pferdekoppel über einen Berg, der gerade in der Dämmerung eine idyllische Kulisse abgibt. Trotz der Nähe zum Ort kommt einem dort, wie nahezu auf der gesamten Pilgerstrecke, kaum jemand entgegen.

In der Tat hat man auf den Spuren Rassos wandelnd die Gelegenheit, oft stundenlang allein mit sich selbst zu sein. Diese Besonderheit betont auch die Wegexpertin: "Das Schöne an der letzten Etappe ist, dass es ganz ruhig wird, sobald man sich vom See entfernt."

Der Ammersee mit seinen Uferspaziergängern und Wassersportlern ist bloß der Ausgangspunkt der Strecke. Mit der S-Bahn geht es nach Herrsching, zu Fuß dann zum See, bis man nach nur ein paar Minuten die nach Inning führende Straße überquert und in die Stille einbiegt.

Der Weg

Start: Herrsching, S-Bahnhof (vierter und letzter Abschnitt)

Ziel: Grafrath, Kirche Sankt Rasso

Wegstrecke: 15 Kilometer

Gehdauer: Circa vier Stunden

Kinderwagentauglich: Nein

Fahrradtauglich: Nein

Ansehen: Die Grafrather Wallfahrtskirche mit den Reliquien des Heiligen Rasso und ihrer prächtigen Ausgestaltung durch prominente regionale Künstler.

Einkehren: Dampfschiff Grafrath (Graf-Rasso-Straße 40, www.dampfschiff.com, Telefon 08144/1314)

Von nun an gibt es nichts als Weideflächen links und rechts, alles was man hört, ist das Vogelgezwitscher und das Knirschen der eigenen Schritte auf dem Kiesweg. Bald gelangt man in die winzige Siedlung Rausch, auf einer Anhöhe gelegen, mit bewachsenen Fassaden, Wildwuchsgärten und einem kleinen Marienkirchlein. Blickt man sich, wieder am Waldrand, kurz um, kann man an klaren Tagen in der Ferne deutlich die Silhouette des Klosters Andechs sehen. Den dort aufbewahrten Reliquienschatz soll Rasso, der als Ahnherr der Grafen von Andechs gilt, einst begründet haben, als er im 10. Jahrhundert die ersten Christusreliquien von seiner eigenen Pilgerfahrt ins Heilige Land mitbrachte.

Der folgende Waldweg ist eine beliebte Route für Reiter, doch auch das verraten auf dieser wenig frequentierten Strecke nur die Hinterlassenschaften der Pferde. Vorbei an Obstplantagen geht es bald in das Dorf Schlagenhofen und schließlich, nach einer ausgiebigen Waldwanderung, über eine knarrende, schmale Holzbrücke nach Inning.

Lotsen lassen muss man sich auf dieser Wanderung von dem vom Kulturverein herausgegebenen Pilgerführer, der 2017 in der zweiten Auflage erschienen ist. Erwerben kann man diesen direkt beim Verein, im Buchhandel oder bei der Gemeinde Grafrath - und das sollte man auch tun. Weil die Wegweiser, hellblaue Rasso-Kreuze, gerade auf dem letzten Streckenabschnitt sehr rar sind, ist es ohne ihn quasi unmöglich, den richtigen Weg zu finden. "Wir wollten nicht noch mehr Hinweisschilder an den Wegen anbringen, davon gibt es sowieso schon zu viele ", sagt Leitenstern-Gulden.

So ein bisschen Abenteuer schwingt auf diesem Pilgerweg also durchaus mit, auch später, wenn es nach einer kurzen Kaffeepause raus aus Inning und wieder rein in den Wald geht, in dem die Landkreisgrenze zwischen Starnberg und Fürstenfeldbruck verläuft. Doch immerhin soll auch Rasso, eine historisch schwer zu fassende Figur, der vermutlich als Graf für die Ammersee-Region eingesetzt war und vom Volk, trotz bis heute nicht erfolgter Heiligsprechung, als Heiliger verehrt wurde, als Pilger und Reliquiensammler oft ins Ungewisse unterwegs gewesen sein.

Das mit der Historizität von Rasso ist ja so eine Sache. "Meiner Meinung nach war er ein existenter und besonderer Mensch", sagt Leitenstern-Gulden. Die vielen kursierenden Legenden und Theorien - von der Speerwurf-Sage bis zu der Überlegung, dass die heutige Rasso-Figur eine Vermischung zweier historischer Personen sein könnte - machen eine exakte biografische und chronologische Einordnung des Grafen allerdings schwer.

Rassos Gebeine, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder temporär umgebettet und einmal sogar von Grabräubern gestohlen wurden, liegen in der ihm geweihten Kirche. Wer nach erfolgreichem Pilgern an dem heutigen Bau ankommt, kann sie, in prächtiges Geschmeide gehüllt, in einem gläsernen Sarg über dem Altar sehen. Einst waren sie unter der spätgotischen Grabplatte im Kirchenboden beigesetzt, doch zur Einweihung des Neubaus Ende des 17. Jahrhunderts wurden sie in einem feierlichen Akt auf den Hochaltar erhoben. Dieser wurde in der heutigen weiß-goldenen Pracht später von dem Künstler Johann Baptist Straub nach einem Entwurf von Franz Ignaz Günther gefertigt und enthält unter anderem Engels- und Heiligenfiguren, das Wappen des Geschlechts der Andechs-Meranier und die Inschrift "Rasso Dux Bavariae".

Betrachten muss man die Grafrather Kirchen-Kunstwerke allerdings aus der Ferne. Der Hauptraum der Kirche ist in der Regel mit einem Gittertor verschlossen. Seinen Pilgerstempel holt man sich aber ohnehin im Vorraum ab. Dort kann man sich auch ins Pilgerbuch eintragen. Die Menschen, die sich darin bereits verewigt haben, sprechen Rasso ihren Dank aus, zum Beispiel für eine Pilgerfahrt "ohne Blessuren", oder bitten ihn um Hilfe in der Not. "Ich glaube, dass Rasso ein großes Herz für die Menschen hatte", sagt Leitenstern-Gulden.

Die Graffiti früherer Pilger, die Wandkritzeleien, die bei der letzten Renovierung freigelegt und stellenweise nicht wieder übermalt wurden, reichen zurück bis 1698. Sie sind Zeugnisse der jahrhundertealten Rasso-Wallfahrt. Menschen aus ganz Bayern zogen in Scharen nach Grafrath, um in Präsenz der Rasso-Reliquien um Heilung von zum Beispiel Stein- oder Bruchleiden zu bitten. Die Wunderheilungen, die Rasso zwischen 1444 und 1728 bewirkt haben soll, sind in den drei noch erhaltenen Mirakelbüchern vermerkt, die im angegliederten Franziskanerkloster aufbewahrt werden. Gut 13 000 solcher Meldungen sind es insgesamt, sagt Leitenstern-Gulden. Ihr Mann gehört zu dem dreiköpfigen Team, das die Schriften vor einiger Zeit auswertete. Schon lange denkt man im Verein darüber nach, die Mirakelbücher zu veröffentlichen. Wann ein solches Großprojekt jedoch angegangen werden könnte, ist derzeit noch unklar.

Was also nun selbst ins Pilgerbuch schreiben? So ganz ohne Komplikationen war der Weg ja nicht. Doch irgendwann führt auch die unfreiwillig im letzten Waldstück gewählte Alternativroute zurück auf den richtigen Weg. Irgendwo im Wald vor Grafrath, bevor es über Unteralting zur Wallfahrtskirche geht, steht das Wort "Frieden" mit blauer Farbe auf einen Baum geschrieben. Vielleicht fasst das die Erfahrung dieses Pilgernachmittags ja ganz gut zusammen. Denn trotz kurzer Schmoll- und Schweigephase wurde noch vor Erreichen des Biergartens auch zwischen diesen beiden Pilgerinnen wieder Frieden geschlossen.