Pflegenotstand:Ohne Personal keine Betten

Die Zahl der Dienst habenden Mitarbeiter bestimmt auch im Klinikum Fürstenfeldbruck, wie viele Plätze etwa die Intensivstation bereit halten kann. Doch die Akquise von Pflegekräften wird immer schwieriger

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Pflegenotstand. Ein Wort, das es schon viele Jahre gibt. Und doch ändert sich nichts. Im Gegenteil. Engpässe beim Pflegepersonal in Krankenhäusern sind mittlerweile zum entscheidenden Faktor dafür geworden, wie viele Patienten aufgenommen werden können. Das bestätigt auch das Klinikum Fürstenfeldbruck. "Die Anzahl der anwesenden Mitarbeiter bestimmt, wie viele Patienten auf der Station liegen können, besonders auf der Intensivstation", sagt Klinikchef Alfons Groitl, als er am Donnerstagnachmittag im Brucker Kreistag einen aktuellen Lagebericht über die Kreisklinik abgibt.

Die Intensivstation steht seit Corona besonders im Blickpunkt. Am Freitag waren am Klinikum Fürstenfeldbruck laut Intensivregister, das die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und das Robert-Koch-Institut (RKI) im Frühjahr 2020 aufgebaut haben, elf Intensivbetten gemeldet und alle elf belegt. Drei Patienten davon sind Covid-19-Patienten, alle drei werden beatmet. Sie belegen 27 Prozent der in Fürstenfeldbruck zur Verfügung stehenden Intensivbettenkapazität. Das ist deutlich mehr als der deutsche Durchschnitt, in den Bundesländern liegt die Quote zwischen zwei (Schleswig-Holstein) und 11,2 Prozent (Bremen). Das habe "vielleicht auch damit zu tun, dass wir es als unsere Aufgabe betrachten, die Menschen aus dem Landkreis, die zu uns kommen, auch aufzunehmen", sagt Florian Weis, ärztlicher Direktor der Klinik und Chefarzt von Anästhesie und Intensivmedizin. Manche Häuser, fügt er noch an, duckten sich weg. Im Intensivbereich hat sich die Personalsituation in Fürstenfeldbruck gegenüber den Vorjahren gebessert. Die Station verfügt in diesem Jahr über 32,4 examinierte Vollzeitkräfte. Doch die sogenannte Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung regelt, wie viele Betten tatsächlich vorgehalten werden können. Entscheidend dafür ist die Menge der Mitarbeiter, die im Dienst sind. "Das ist zwar gut gemeint", sagt Pflegedirektor Wilhelm Huber, "verschärft aber die Bettensituation". Im Raum München sind die Intensivstationen Groitl zufolge "nahezu täglich voll". Dann passierten Situationen wie jene, die er den Kreisräten beschreibt: Dass sich in einem Fall im ganzen Großraum München/Augsburg kein Bett für ein Kind fand und dieses erst in Neuburg an der Donau unterkam.

FÜRSTENFELDBRUCK:  Intensivstation im Klinikum Fürstenfeldbruck

In Corona-Zeiten ein viel beachteter Ort: ein Zimmer der Intensivstation in der Kreisklinik

(Foto: Leonhard Simon)

Was also tun? Huber berichtet von Kliniken im Münchner Raum, die mit 9000 Euro Begrüßungsgeld um Mitarbeiter werben würden, damit aber nur "einem anderen Haus das Personal wegnehmen". An der Gesamtsituation ändere sich dadurch nichts, "und wir in Fürstenfeldbruck werden das Problem nicht lösen können". Seit dem Vorjahr erhalten die Mitarbeiter der Kreisklinik und der Klinik-Töchter eine Großraumzulage, übernommen hatte sie der Landkreis.

Groitl macht deutlich, wie sehr die Corona-Pandemie auch in die Struktur der Krankenhäuser eingegriffen hat. Zeitweise musste auf Geheiß der Politik die Aufnahme auf akute Notfälle beschränkt werden, geplante Eingriffe mussten verschoben werden. Insgesamt konnte die Kreisklinik 2020 mit 15 565 Patienten deutlich weniger Patienten stationär behandeln als sonst. 2021 werden sich die Zahlen vermutlich wieder auf das Vorkrisen-Niveau einpendeln, so bei 18 000.

Die Befürchtungen, in die roten Zahlen zu geraten, bewahrheiteten sich schließlich nicht. 2020 schloss die Klinik mit "einer schwarzen Null" ab, wie Groitl sagt. Es stand sogar ein ganz kleiner Gewinn von 344 000 Euro zu Buche. Auch, weil die Klinik, wie kaufmännischer Leiter Marcus Schlund den Kreisräten auf Nachfrage mitteilte, im vorigen Jahr 6,1 Millionen Euro aus dem von der Politik aufgelegten Rettungsschirm erhielt. Die Förderung endete im Juni 2021. Auch für das laufende Jahr kalkuliert die Klinik erst einmal vorsichtig ein Minus von etwas mehr als einer halben Million Euro ein. Viel Geld sei in Hygienemaßnahmen und Corona-Tests geflossen und durch die hohe Nachfrage seien die Materialkosten "in kürzester Zeit in Dimensionen gestiegen, die man vorher nicht kannte", sagt Groitl. Nicht kalkulierbar sei das bevorstehende vierte Quartal, in dem oftmals viele Menschen für geplante Eingriffe ins Krankenhaus gingen. Auch wisse man nicht, ob nach dem vorigen Winter mit seinen Kontaktbeschränkungen nun verstärkt wieder andere Krankheiten aufkämen oder wie sich kaltes Winterwetter etwa auf Unfall- und Sturzverletzungen auswirke, ergänzt Groitl im Gespräch mit der SZ.

641 Vollzeitkräfte

beschäftigt das Kommunalunternehmen Kreisklinik mitsamt Seniorenheim Jesenwang und Servicegesellschaften. Die Zahl verteilt sich auf gut tausend Köpfe, weil viele Beschäftigte Teilzeit arbeiten. In der Stationspflege arbeiten 234 Vollzeitkräfte, in der Funktionspflege (OP, Notaufnahme, Endoskopie, Kardiologie) sind es 83. Zudem tun 123 Ärzte (wiederum in Vollzeit umgerechnet) Dienst im Brucker Klinikum. 59 Menschen werden derzeit ausgebildet, was neun Prozent aller Vollzeitkräfte entspricht.

Doch mehrfach kommt im Kreistag die prekäre Situation mit fehlendem Pflegepersonal zur Sprache. "Wir stemmen uns mit allen Mitteln gegen den Trend", sagt Pflegedirektor Huber und auch, dass das "dauerhaft nicht wirken wird". Schon jetzt investiere die Klinik viel in die Ausbildung junger Pflegekräfte. 31 Frauen und Männer werden derzeit zum Pflegefachmann oder zur Pflegefachfrau ausgebildet, aber erstmals habe man jetzt nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen können. Was die Ausbildung eigener Kräfte nicht leisten kann, versucht man durch die Akquise von Pflegekräften im Ausland, vor allem in Osteuropa, zu erreichen. Fünf ausländische Pflegekräfte haben seit Januar ihre Berufsanerkennung erreicht, fünf weitere stehen kurz davor. Bisweilen aber steht auch die Bürokratie dazwischen. Visaverfahren würden zu lange dauern, beklagt Huber. Mit Folgen wie diesen: Eine Pflegekraft, die sich Deutsch auf B 2-Niveau angeeignet hat, aber anderthalb Jahre auf ein Visum warten müsse, würde im Sprachniveau wieder absinken.

Zugespitzt hatte sich die Personalsituation auch dadurch, dass Kinder in der Corona-Pandemie von der Schule nach Hause geschickt wurden und werden. "Dann müssen unsere Mitarbeiter auch zu Hause bleiben", weiß Groitl. Das sei für diese belastender gewesen als die Arbeit selbst, betont auch Pflegedirektor Huber. Mittlerweile sei deshalb zu beobachten, dass beim Pflegepersonal auch die Empathie sinke, wenn es auf der Intensivstation mit ungeimpften beatmeten Patienten zu tun habe. Huber fasst es so zusammen: "Da schwindet das Verständnis."

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