SZ-Serie: Ortsgedächtnis:Wie Olching fast zur visionären Stadt geworden ist

Lesezeit: 4 min

SZ-Serie: Ortsgedächtnis: Angelika Steer leitet das Archiv in Olching, zuvor war sie für das Kulturzentrum Kom verantwortlich.

Angelika Steer leitet das Archiv in Olching, zuvor war sie für das Kulturzentrum Kom verantwortlich.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ein Blick ins Archiv der Kommune verrät unter anderem, dass das Volksfest einst als Sozialprogramm für Geflüchtete ins Leben gerufen wurde und welcher Plan von 1911 das Gesicht des Ortes hätte bis heute verändern können.

Von Gerhard Eisenkolb, Olching

Wer meint, das vor wenigen Tagen zu Ende gegangene Volksfest sei nur zur Belustigung ins Leben gerufen worden, der irrt sich. Das Fest wurde vor 71 Jahren erstmals begangen, weil die Gemeinde in der Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg den etwa 2000 in ehemaligen Wehrmachts- und Flüchtlingsbaracken notdürftig hausenden Neuolchingern helfen wollte. Es fehlte am Geld für den Sozialen Wohnungsbau. Deshalb organisierte die Gemeinde 1951 auf der Amperinsel erstmals ein Volksvergnügen mit einem Glückshafen, dessen Erlös dem Wohnungsbau dienen sollte. Mit einem solchen Hinweis zeigt Angelika Steer, die hauptamtliche Archivarin der Stadt, auf, wie eng Gegenwart und Vergangenheit verflochten sind. Dazu genügt ihr ein Blick ins Volksfestprogramm von 1951.

SZ-Serie: Ortsgedächtnis: Zum Archiv der Stadt gehören auch viele Fotos, wie diese Aufnahme einer Flüchtlingsbaracke am Amperkanal aus der Nachkriegszeit.

Zum Archiv der Stadt gehören auch viele Fotos, wie diese Aufnahme einer Flüchtlingsbaracke am Amperkanal aus der Nachkriegszeit.

(Foto: Archiv Olching)

Und es gibt Festtraditionen, die, ebenso wie der Glückshafen, seither in veränderter Form weitergeführt werden. Was 1951 noch zwei große Pferderennen mit Sulky-Fahrern waren, sind inzwischen die Rennen der Speedwayfahrer. Die anfänglichen Turnvorführungen ersetzen Boxkämpfe im Bierzelt.

SZ-Serie: Ortsgedächtnis: Die erste Gemeindechronik hat Lorenz Fritz im Jahr 1868 begonnen.

Die erste Gemeindechronik hat Lorenz Fritz im Jahr 1868 begonnen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Von solchen Vergnügungen konnte der erste Ortschronist, der Schuhmacher und Kleinbauer oder Gütler Lorenz Fritz, der ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein hatte, nicht mal träumen. Fritz war Obmann der Feldgeschworenen und notierte von 1868 an dreißig Jahre lang als kritischer Beobachter in Schönschrift das Geschehen in seinem Wohnort. Die Aufzeichnungen mit dem Titel "Ereignisbuch aller Begebenheiten in der Gemeinde Olching" wurden etwa 90 Jahre nach den letzten Einträgen zufällig beim Abbruch eines Hauses gefunden. Das Buch wird seither im Archiv im Rathaus verwahrt.

Den Zuzug mittelloser Eisenbahnarbeiter, die ihr Leben mit der Haltung von Kaninchen und Ziegen sowie dem bestritten, was in ihren Gärten wuchs, verband der Schuster mit wirtschaftlichen Problemen für die Gemeinde. Als positiv für die Ortsentwicklung kommentierte er dagegen die Regulierung des Starzlbachs oder 1880 die Errichtung der Papierfabrik.

Für die heutige Archivarin Steer sind Geschichten von und über Menschen wie Fritz ein zentraler Teil der Heimatgeschichte. Sie will solches Wissen für spätere Generationen und als Grundlage für Veröffentlichungen bewahren. Dazu passt, dass sie vor fünf Jahren etwas Einzigartiges gründete: einen Archivstammtisch. Dessen Kern besteht aus etwa 25 Personen. Die Teilnehmer treffen sich einmal im Monat zu kleinen Vorträgen mit Austausch im Kulturzentrum Kom, das Steer leitete, bis sie das Archiv übernahm. Termin des nächsten Treffs ist Dienstag, 19. Juli, 19 Uhr.

SZ-Serie: Ortsgedächtnis: Eine historische Postkarte wirbt für das ehemalige "Strand-Café" an der Amper.

Eine historische Postkarte wirbt für das ehemalige "Strand-Café" an der Amper.

(Foto: Archiv Olching/oh)

Steer wuchs in den Sechzigerjahren in Olching auf, sie lebt noch immer hier und erzählt, dass es in ihrer Kindheit in der Hauptstraße noch Misthaufen gab. Steer erlebte über fast zwei Generationen mit, wie sich ihr Wohnort veränderte. Trotzdem bezeichnet sie den Stammtisch als essentiell für die Archivarbeit. Manche der Fragen, auf die sie beispielsweise beim Sortieren der Karteikästen mit Fotoabzügen, Dias, Postkarten wie die vom ehemaligen Amperbad, Fotoalben und etwa 40 000 Negativen des von der Stadt erworbenen Scherer-Privatarchivs stößt, kann sie in diesem Kreis klären. Dies ist notwendig, da Scherer zwar ein eifriger Sammler und Fotograf war, aber seine Fotos nicht beschriftete. Zudem wissen die Stammtischgäste vieles, wozu sich im Archiv nichts zu findet.

SZ-Serie: Ortsgedächtnis: Wäre der Baulinienplan von 1911 von Karl Grandy und Johann Haid umgesetzt worden, hätte Olching heute weniger Verkehrsprobleme.

Wäre der Baulinienplan von 1911 von Karl Grandy und Johann Haid umgesetzt worden, hätte Olching heute weniger Verkehrsprobleme.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Eigentlich ist die Archivarin Kunsthistorikerin mit einem Faible für moderne Kunst. Aber sie kann sich auch für Dinge wie den fast wandteppichgroßen Olchinger Baulinienplan von 1911 begeistern, ein Gemeinschaftswerk des Architekten Karl Grandy und des Ingenieurs Johann Haid. Wäre deren visionäre Planung umgesetzt worden, hätte die Stadt schon vor annähernd hundert Jahren die heutige Siedlungsgröße erreicht. Für den Weitblick der Planer sprechen drei große und zwei kleine Bahnübergänge. Mit diesen Übergängen wäre es nie zu den Verkehrsproblemen mit Staus auf der Hauptstraße gekommen. Der Plan sah auch großzügige Grünanlagen, in allen Wohnvierteln breite Straßen und eine zweite, doppelt so große Kirche wie Sankt Peter und Paul vor.

Der neuste Zugang ist der Nachlass des SPD-Politikers Albert Roßhaupter

Stolz ist Steer auf die neueste Erwerbung: den Nachlass von Albert Roßhaupter. Der von den Nazis verfolgte SPD-Politiker lebte von 1933 bis zu seinem Tod in Olching. Roßhaupter war nach der Novemberrevolution 1918 in München Staatsminister für militärische Angelegenheiten im Kabinett Eisner. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wieder Minister und zudem stellvertretender Ministerpräsident. 1946 saß er in der Verfassunggebenden Landesversammlung. Da der Sozialdemokrat 1948/1949 dem Parlamentarischen Rat angehörte, der das Grundgesetz verfasste, erhielt die Stadt mit dessen Nachlass auch eine der 300 Grundgesetz-Faksimileausgaben mit der Unterschrift aller, die an dem Text mitarbeiteten. Zu den von einem Neffen Albert Roßhaupters der Gemeinde überlassenen Dokumenten gehört auch der Schutzhaftbefehl zur Einweisung des Politikers ins Konzentrationslager. Begründet wird die Schutzhaft mit dem Fund von Schriftstücken bei einer Hausdurchsuchung. Diese seien für ausländische Zeitungen bestimmt gewesen, um gegen Deutschland zu arbeiten.

SZ-Serie: Ortsgedächtnis: Seit 1982 wird das Archiv von Rathausmitarbeitern betreut und systematisch ausgebaut.

Seit 1982 wird das Archiv von Rathausmitarbeitern betreut und systematisch ausgebaut.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Da 1944 bei der Bombardierung von Olching Archivalien vernichtet wurden, ist der Bestand lückenhaft. Beim Jahrhunderthochwasser 1965 ging ein weiterer Teil der Altregistratur verloren. Das in einem Kellerraum etwas stiefmütterlich untergebrachte Archiv wird erst seit 1982 von Rathausmitarbeitern betreut und seither systematisch auf- und ausgebaut. Auf diese Weise kam ein Gemäldearchiv hinzu, dessen Grundstock zwei Sammlungen bilden. Das sind die in den Neunziger Jahren von Juliane Becker und im Jahr 2000 von Brigitte Ebermann gestiftete Hermann-Böcker-Sammlung des für seine Aquarelle und Landschaftsbilder aus dem Dachauer Moos überregional geschätzten "Moosmalers" sowie die Alto-Fertl-Sammlung. Dazu kommen 230 Werke örtlicher Künstler und solcher aus den Partnerstädten.

Renate Eggert, eine Vorgängerin von Steer, war jahrelang damit beschäftigt, die Archivalien zu ordnen und zu registrieren. Zudem fing sie damit an, die Gemeindeunterlagen um Zusatzsammlungen wie Dokumente von Vereinen, Kirchen, Schulen, Kultur- und Stadtveranstaltungen zu ergänzen. Diese Sammlung umfasst inzwischen 29 Bereiche, darunter ein vor zwei Jahren erworbenes Luftbildarchiv mit mehr als 1300 Aufnahmen von Olching.

Das älteste im Rathaus verwahrte Dokument ist ein Akt zur Grundherrschaft des Klosters Ettal über die Hofmark Esting von 1613. Die älteste Unterlage zum Ortsteil Geiselbullach von 1810 befasst sich mit den Besitzverhältnissen des Edelsitzes Geiselbullach, in der ältesten Unterlage zu Olching von 1835 geht es um den Schulbau. Die meisten Bürgeranfragen dienen persönlichen Anliegen wie Auskünfte zu den Vorfahren und dazu, in welchem Haus diese wohnten, so Steer.

Angelika Steer hat keine festen Bürozeiten, in denen sie Auskünfte zum Archiv erteilt. Der Archivraum ist für Besucher nicht zugänglich. Interessenten werden gebeten, mit der Archivarin per E-Mail (archiv@olching.de) oder telefonisch unter 08142/200 1153 einen Termin zu vereinbaren. Dann können gesuchte Unterlagen, sofern vorhanden, eingesehen werden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB