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Konzert:Musikalische Reise nach Georgien

Routine unter neuen Bedingungen: Das Georgische Kammerorchester gastiert im Stadtsaal.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Das Kammerorchester aus Ingolstadt gastiert im Stadtsaal

Von Klaus Mohr, Fürstenfeldbruck

So langsam werden Konzerte wieder zur Routine, wenn auch unter veränderten Bedingungen. Für die Musiker wie für die Zuhörer ist die monatelange Zwangspause aufgrund der Coronapandemie eine Herausforderung: Für viele Musikfreunde wird deutlich, dass die Begegnung mit Kunst und insbesondere Musik für sie ein essenzielles Lebenselixier bildet. Die Musiker leiden nicht nur unter den finanziellen Ausfällen, sondern mehr noch unter der fehlenden Kommunikation mit dem Publikum. So ist Dankbarkeit auf beiden Seiten das Gefühl, das man derzeit als erstes in einem Konzert wahrnehmen kann. Das war auch im Stadtsaal so, bei dem das Georgische Kammerorchester Ingolstadt unter Leitung von Ruben Gazarian den ursprünglich für Mai 2020 vorgesehenen Auftritt nachholte.

Dieses Kammerorchester hat noch immer hörbar eine osteuropäische Seele, die nach außen dadurch zum Ausdruck kommt, dass Bratschen, Celli und Kontrabässe stark besetzt sind. Durch die Dominanz der Tiefe wird der Gesamtklang voller und das Timbre sonorer. Wie derzeit oft, so erklang auch dieses Konzert zwei Mal, wobei die Besucher dadurch den erforderlichen Abstand zwischen den Plätzen wahren konnten.

Das ursprünglich vorgesehene Programm war abgeändert und zudem verkürzt, was sich als stimmig erwies. Immer wieder sprach der Dirigent in seinen Anmoderationen über das "Standardrepertoire" für Streichorchester und ordnete die Serenade in e-Moll op. 20 von Edward Elgar und die Fünf Stücke für Streichorchester op. 44 Nr. 4 von Paul Hindemith diesem zu. Daneben ist den Musikern die Verbindung zu ihrer alten Heimat Georgien ein wichtiges Anliegen: Von Wascha Asaraschwili erklang die Suite für Kammerorchester "Bilder des alten Tiflis", von Sulchan Zinzadse die "Miniaturen für Streichorchester". Gemeinsam war allen vier Werken, dass Sie ein hohes Maß an Zuversicht ausstrahlten, was bei aller Unterschiedlichkeit wie eine kraftvolle Klammer wirkte.

Eröffnet wurde das Konzert mit der Elgar-Serenade. Im Kopfsatz Allegro vermittelten die Musiker geschickt zwischen den prägnanten rhythmischen Motiven in den Unterstimmen und dem sanglichen Fluss der Violinen. Den Zusatz "piacevole" (gefällig) setzten die Musiker mit ganz zarter Leichtigkeit um. Der Larghetto-Satz lebte vom zauberhaften Pianoklang, in dem sich die sehnsuchtsvolle Kantilene der Oberstimme, korrespondiert durch das Gegengewicht der Bassgruppe, einfühlsam entfalten konnte.

Vielfältige Impulse prägten schließlich das Final-Allegro. Die Hindemith-Stücke suchen und vermitteln Struktur in besonderer Weise: Im Hinblick auf die Harmonik sind die Grenzen weit geöffnet, mit Blick auf die Satztechniken sind oft barocke Vorbilder mit ihrer Konsequenz und Strenge zu erkennen. Aus beiden Elementen formten die Musiker mit hoher Sensibilität charakteristische Stücke: Ausdrucksstarke Ruhe prägte das erste, deklamatorische Kraft das zweite und kontrapunktische Dichte das dritte der fünf Stücke.

Die Suite von Asaraschwili war quasi "Kino für die Ohren", hier lief vielfach Filmmusik ab, zu der die Bilder im Kopf der Zuhörer entstanden. Das war aus der Musik heraus einfach, wurde aber durch zusätzliche Hinweise des Dirigenten noch fokussiert. Auch wenn manches Detail fast karikierend überzeichnet schien, beispielsweise im Stück "Leierkasten", so handelte es sich in jedem einzelnen Satz um gut gemachte Musik, die zu hören Freude bereitete. Die süffige Opulenz der Klänge, die ausgelassene Stimmung im orientalischen Bad oder der Seelenschmerz des Wandermusikanten sorgten für eine ausgelassen-fröhliche Stimmung.

© SZ vom 14.09.2020

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