Konzert:Linie des klaren Tons

FÜRSTENFELDBRUCK: Fürstenfeldbrucker Klaviersommer: Abschlußkonzert

Durchgängig nobel geht Haiou Zhang die Interpretationen an, er versteht sich als Sachwalter der ihm anvertrauten Kompositionen.

(Foto: Leonhard Simon)

Klavierabend von Haiou Zhang beschließt "Fürstenfelder Klaviersommer"

Von Klaus Mohr, Fürstenfeldbruck

Zum Sommer gehören nicht nur Sonne und warme Temperaturen, sondern auch kräftige Gewitter mit Blitz und Donner. Genau dieser Fall trat ein beim letzten Abend des diesjährigen "Fürstenfelder Klaviersommers" am Samstag. Die Besucher waren diesmal froh um das schützende Dach des Stadtsaals. Der Pianist des Abends, der aus Hannover angereiste Chinese Haiou Zhang, war für die eigentlich vorgesehene Anna Tsybuleva eingesprungen, die nun schon im zweiten Jahr aufgrund von Corona nicht aus Russland hatte einreisen können.

Es wäre unredlich, hier von Ersatz zu sprechen, vielmehr handelte es sich um eine veritable Alternative. Haiou Zhang trat im Frack auf, versehen mit rotem Einstecktuch, und trug schwarze Lackschuhe. Dieses Outfit ist inzwischen selten geworden, sieht man von den Mitgliedern in großen Symphonieorchestern ab.

Es korrespondierte im konkreten Fall aber gut mit den Interpretationsmaximen, die der Pianist im Spiel zeigte: Seine Herangehensweise war durchgängig nobel, er gönnte sich nur minimale Pausen zwischen den Stücken und verstand sich als Sachwalter der ihm anvertrauten Kompositionen. Dass sein Programm ausschließlich Werke von Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven enthielt, unterstrich seine Haltung. Er stellte zwischen den Kompositionen mannigfaltige Querverbindungen her.

Am Anfang stand das Largo aus der Triosonate Nr. 5 BWV 529 für Orgel von Bach in der Bearbeitung für Klavier von Samuil Feinberg. Das Stück lebt von der ausdrucksstarken, ja geradezu innigen Melodie. Dieses Merkmal ist auf dem Klavier wesentlich differenzierter darstellbar als auf der Orgel und zieht nach sich, dass barocke Strenge durch romantisches Gefühl ergänzt wird.

Bei Triosonaten handelt es sich um Stücke, die die beiden Manuale und das Pedal in Gleichberechtigung sehen. Das stellt die linke Hand des Pianisten vor besondere Herausforderungen, muss sie doch die Funktion des Orgelpedals hier zusätzlich übernehmen. Durch den Einsatz des Klavierpedals gelingt es, die Basstöne länger durchhalten zu können. Die dadurch entstehende Klangfülle verstärkt den romantischen Gestus sozusagen von unten her. Haiou Zhang verband hier geschickt barocke Klarheit mit romantischer Empfindung und der Darstellung auf dem modernen Konzertflügel.

Zwei der drei späten Klaviersonaten Beethovens, nämlich die in E-Dur op. 109 und die in c-Moll op. 111, erklangen vor und nach der Pause. Sie zeigten den Pianisten einerseits als brillanten Techniker, der den immensen Schwierigkeiten hervorragend gewachsen war. Andererseits setzte er seine Linie des klaren Tons fort, den er durch den relativ steilen Winkel der Finger zur Taste und damit direkt auf den Fingerkuppen erreichte. Sein von Bach bekanntes, differenziertes Pedalspiel führte auch hier zu einem klangvollen und manchmal schemenhaft verwischten Klangeindruck. In beiden Sonaten entwarf Haiou Zhang ein spannungsvolles Szenario der Melodiebögen, die er formal sicher fasste. Dabei changierte er sicher zwischen Stimmungen und Charakteren. Barocke Polyphonie, klassische Ausgewogenheit und romantischer Impetus vereinigten sich zu einer neuen Einheit. Jeweils gegen Ende sublimierte sich die motivische Substanz in bebenden Trillerfiguren, was die kraftvolle Lebensbejahung schrittweise in transzendente Jenseitigkeit überführte.

Großen Beifall und Getrampel gab es am Ende für den hochkonzentrierten Vortrag von Haiou Zhang. Dieser kehrte mit der Zugabe, dem schlichten Präludium in C-Dur aus dem ersten Teil von Bachs "Wohltemperiertem Klavier", an den Anfang zurück.

© SZ vom 26.07.2021
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