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Interview:"Die ersten zwei Tage nach dem Lockdown war ich in einer Schockstarre"

Drei Puchheimer Geschäftsleute sprechen über Einnahmeausfälle, Mehrarbeit und Hilfsprogramme der Politik in der Corona-Krise

Der Lockdown ist vorüber, Geschäfte haben wieder geöffnet. Sonja Weinbuch, Wirtschaftsförderin der Stadt Puchheim, sprach mit Beatrix Ehegartner, Inhaberin des Reisebüros Herrmann-Korths, Julian Hauser, Geschäftsführer von Zeeh Design, und Claudia Schleyer-Voigt, Geschäftsinhaberin des Modepavillons Claudia, über die Erfahrungen mit der Krise und die Erwartungen für die Zukunft. Weinbuch stellte das Interview der SZ zur Verfügung, die es gekürzt wiedergibt.

Sonja Weinbuch: Wie sehr wurden Sie von den Corona-Maßnahmen überrascht?

Beatrix Ehegartner: In dieser Heftigkeit habe ich es nicht kommen sehen, auch die Heimholungsaktion im Auftrag des Außenministeriums kam sehr plötzlich. Alle Reisenden waren bis Ende März zu Hause. Dafür war ich Tag und Nacht über Whatsapp mit unseren Kunden auf der ganzen Welt in Verbindung.

Julian Hauser: Der Lockdown war aufgrund der vielen Stornierungen im Messebetrieb schon relativ früh spürbar. Der Mobile World Congress in Barcelona wurde bereits Mitte Februar storniert. Und so ging es wie im freien Fall weiter: Innerhalb von 14 Tagen wurden 25 bis 30 Projekte storniert, die schon teilweise auf dem Weg zum Messeaufbau waren.

Claudia Schleyer-Voigt: Ein Lockdown hatte sich zwar angekündigt, aber trotzdem hat uns die Härte der Maßnahme und die Konsequenz überrascht. März und April sind in der Modebranche die umsatzstärksten Monate im Jahr, auf deren Ausfall kann man sich nicht vorbereiten. Die ersten zwei Tage nach dem Lockdown war ich in einer Schockstarre. Doch dann suchte ich nach Lösungen, wie ich trotz der Einnahmeausfälle die Ausgaben für die fünf Angestellten sowie für Miete, Versicherungen und Warenlieferungen stemmen kann.

Welche Folgen hat die Corona-Krise für Sie sowie Ihre Mitarbeiter?

Hauser: Das operative Geschäft wurde eingestellt. Seit 1. April bedeutet das unter anderem Kurzarbeit für unsere 76 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit den Mitarbeitern bleiben wir über Telefonkonferenzen in Kontakt. Außerdem lässt die Absage der Messen Kunden fragen, welche Leistungen, die nicht erbracht wurden, trotzdem bezahlt werden müssen. Mein Arbeitstag ist ganz und gar nicht kürzer geworden.

Schleyer-Voigt: Die Corona-Krise ist eine existenzbedrohende Situation für Geschäftsinhaber und deren Mitarbeiter. Die ersten eineinhalb Wochen nach dem Lockdown waren eine Belastung, wie ich sie noch nie hatte. Im April musste ich Kurzarbeit beantragen. Auch gab es extrem berührende Momente. Ein Kunde kaufte beispielsweise einen Riesengutschein, mit dem er ein Jahr einkaufen könnte. Das sind die kleinen Lichtblicke, die diese schwierige Situation auch mit sich bringen kann.

Ehegartner: Meine vier Angestellten und ich haben alle Hände mit Stornierungen und Umbuchungen zu tun, sowohl in Kurzarbeit als auch unentgeltlich. Der Zusammenhalt in unserem Team ist wirklich groß, das hat die Bereitschaft meiner Mitarbeiterinnen gezeigt, von Beginn an unbezahlt weiter zu arbeiten, was mich menschlich sehr berührt hat. Ein Aufsperren des Ladens und die Aufarbeitung sind gleichzeitig nicht möglich. Von einem einzigen Reiseveranstalter bekomme ich circa 100 E-Mails am Tag, um Umbuchungen oder die Erstattung von Kundengeldern abzuwickeln. Reisen wird teurer werden, da es aufgrund der Pleiten durch die Corona-Krise weniger Angebot geben wird.

Wie schätzen Sie das Einkaufsverhalten nach den Lockerungsmaßnahmen ein?

Schleyer-Voigt: Vielen Menschen wurde es viel bewusster, welch wichtige Rolle der Einzelhandel vor Ort spielt. Das spiegelte die Ladenöffnung wider. Wir hatten einen superguten Start. In der ersten Woche standen die Kunden Schlange vor dem Laden.

Wie gehen die Menschen mit der Maskenpflicht um?

Schleyer-Voigt: Die Maske schafft zusätzliche Distanz, die dem Geschäft in der Modebranche nicht förderlich ist. Ohne Mimik ist die Kommunikation deutlich erschwert. Aufgrund der Hygienemaßnahmen würde ich eigentlich mehr Personal benötigen. Neben den angebrachten Desinfektionsständern und dem Desinfizieren nach jedem Kunden werden auch nur zwei von drei Umkleidekabinen geöffnet, um den Abstand zwischen den Kunden zu wahren. Ich arbeite wesentlich mehr und habe zugleich deutlich weniger Umsatz.

Fühlen Sie sich von der Politik genügend unterstützt?

Hauser: Die Hilfsprogramme der Bundesregierung sind in Ordnung. Noch ist kein Darlehen da, aber die Vorbereitung der Unterlagen dafür ist überschaubar. Die neue Liquidität ist für die geplanten Projekte im Jahr 2021 notwendig. Auch für die Mitarbeiter wird etwas getan. Das Kurzarbeitergeld wird ab dem vierten Monat spürbar erhöht. Das ist gerade in längeren Phasen der Kurzarbeit ein wichtiges Instrument, damit sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht aus wirtschaftlichen Gründen einen anderen Arbeitgeber suchen müssen.

Ehegartner: Nein. Der Tourismus allgemein wird zu wenig unterstützt. Die Veranstalter bekommen Millionenkredite und die Reisebüros nichts. Wenn Reisen seitens des Veranstalters storniert werden, dann haben wir Reisebüros keinen Anspruch auf Provisionen.

Schleyer-Voigt: Eigentlich nein. Finanzielle Hilfen sind teilweise angekommen, sind jedoch bei vielen Selbstständigen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Öffnung des kleineren Einzelhandels nach fünf Wochen war ein absolut wichtiges Signal, um wieder eine Perspektive zu haben.

Wie optimistisch schauen Sie in die Zukunft?

Hauser: Es wird noch einige Monate dauern, bis es weitergeht. Für dieses Jahr erwarte ich jedoch keinen weiteren Umsatz. Es ist schwer einzuschätzen, welche langfristigen Veränderungen die Corona-Krise mit sich bringen wird.

Ehegartner: Ich bin trotz allem sehr zuversichtlich für 2021 und hoffe, dass ich die Arbeitsplätze meiner langjährigen Mitarbeiterinnen halten kann. Wir möchten auch weiterhin in Puchheim das einzige private Reisebüro bleiben.

Schleyer-Voigt: Es wird sicherlich noch bis nächstes Jahr dauern, bis sich die Situation im Einzelhandel wieder etwas entspannt. Wir werden sehen, wie sich das Kaufverhalten der Menschen und die Kaufkraft entwickeln. Online-Riesen sind auf alle Fälle jetzt schon Gewinner der Corona-Krise.

© SZ vom 05.06.2020

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