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Grundschule:Mehr Wahlfreiheit für Eltern

Kinder, die zwischen Anfang Juli und Ende September geboren wurden, können leichter ein Jahr später eingeschult werden. Das erlaubt eine neue Regelung. Vor allem Kindergärten bekommen dadurch Probleme

Von Ingrid Hügenell, Fürstenfeldbruck

In Bayern haben Eltern seit Kurzem mehr Wahlfreiheit, wenn es um die Einschulung geht. Im Schuljahr 2019/20 gilt erstmals der "Einschulungskorridor" für Kinder, die zwischen 1. Juli und 30. September 2013 geboren wurden: Eltern können frei entscheiden, ob sie diese Kinder 2019 oder ein Jahr später in die Schule schicken wollen. Kindergärten, Schulen und Gesundheitsamt beraten sie. Die neue Regelung sei überraschend gekommen, sagt die Fürstenfeldbrucker Schulamtsleiterin Bettina Betz. Sie könnte vielen Eltern im Landkreis entgegen kommen, wirft aber auch Probleme auf.

Denn für die Kindergärten wird dadurch die Kalkulation der freien Plätze schwieriger, wie Martin Rattenberger, Leiter des städtischen Amts für Jugend, Familie, Senioren, Soziales und Schulen in Germering sagt. Sie wissen nun nämlich noch später als bisher, wie viele Kinder tatsächlich in die Schule kommen und wie viele Plätze in den Kitas frei werden.

Denn die Eltern haben bis 3. Mai Zeit für die Entscheidung, ob sie ihr Kind in die Schule schicken. Die Einschreibungen für die Kitas sind in manchen Gemeinden jetzt schon vorbei, in Germering laufen sie gerade. Es gibt noch keine Erfahrungswerte, wie viele Eltern sich für ein weiteres Jahr im Kindergarten entscheiden. "Wir wissen deshalb derzeit noch nicht, wie viele Plätze wir im September vergeben können", sagt Rattenberger.

Er hofft, beim Treffen mit den Rektoren der Grundschulen in der ersten Aprilwoche eine Tendenz zu erfahren. "Eine Unsicherheit hatten wir schon immer", sagt Rattenberger. Denn auch bisher konnten Eltern ihre Kinder zurückstellen lassen. Wenn man im sozialen Bereich arbeite, habe man immer mit Mangel zu kämpfen. "Man muss einfach damit umgehen", sagt der Sozialamtsleiter. Voriges Jahr etwa habe die Stadt einen Container aufgestellt, weil die Plätze in den acht städtischen Kitas sonst nicht ausgereicht hätten.

Schulamtsdirektorin Betz schätzt, dass im Landkreis viele Eltern den Korridor nutzen werden. Denn hier seien auch besonders viele Kinder zurückgestellt worden - durchschnittlich zwanzig Prozent eines Jahrgangs im Vergleich zu zwölf Prozent in ganz Bayern. "Wir befürchten, dass aufgrund ihrer Besorgnis Eltern ein Kind daheim lassen, obwohl es in die Schule gehen könnte", sagt Betz. Sie spricht von "Helikopter-Eltern", die häufig besonders "bildungsambitioniert" seien und glaubten, die Kinder täten sich in der Schule leichter, wenn sie schon ein Jahr älter seien.

"Das kann aber nach hinten losgehen", warnt die Leiterin des Fürstenfeldbrucker Schulamts. Nämlich dann, wenn die Kinder in die Schule wollten, aber nicht dürften. Oder wenn sie bei der späteren Einschulung schon zu viel könnten und sich zunächst nicht anstrengen müssten. "Dann können sie den Anschluss verlieren." Vor etwa 20 Jahren gab es unter Eltern eher den Trend, jüngere Kinder einzuschulen. Das hat sich nach Betz' Erfahrung mit der Einführung des achtstufigen Gymnasiums geändert. Viele Eltern hätten nun Angst, ihr Kind könnte den Anforderungen der Schule nicht gewachsen sein. "Das Verständnis der Schulfähigkeit hat sich aber verändert. Die Schule muss auch kindfähig sein", sagt Betz. "Man denkt, man muss den Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Dabei entwickeln sich Kinder durch Anforderungen weiter."

Betz sieht ein weiteres Problem: Kinder mit hohem Förderbedarf könnten zu spät in die Schule kommen. "Bei echtem Förderbedarf bringt ein Jahr warten nichts", sagt die Schulamtsleiterin. Diese Kinder entwickelten sich in der Förderschule meist besser als in einem weiteren Jahr Kindergarten. Auch Schulärztin Melanie Schmitt vom Gesundheitsamt des Landkreises berichtet von vorsichtigen Eltern. Zurückgestellt würden aber auch relativ viele Kinder, die erst aus dem Ausland zugezogen seien und noch nicht gut genug Deutsch sprächen, sagt sie. Das Gesundheitsamt testet alle Kinder darauf, ob sie dem Schulalltag gewachsen wären. Die Schulen machen eigene Tests. Beides mündet in eine Empfehlung, die für die Eltern aber nicht verbindlich ist.

© SZ vom 26.03.2019

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