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Fürstenfeldbruck/München:Hammerattacke auf Ruhestörer

Vor dem Landgericht muss sich ein 55 Jahre alter Fürstenfeldbrucker wegen versuchten Totschlags verantworten

Ein "normaler Abend" sei es gewesen, sagt Hertha G. (Name geändert). Normal hieß für die Angestellte, die mit ihren Kindern und ihrem Mann in einem Mehrfamilienhaus in Fürstenfeldbruck lebte, dass der Sohn ihres Nachbarn in der Wohnung über ihr wiedermal Freunde eingeladen hatte und Party machte, so auch am 3. August vorigen Jahres, einem Samstag. Hertha G., ihr Mann Wolfgang, ihre Tochter sowie deren Freund saßen zusammen in ihrer Wohnung im ersten Obergeschoss. "Die haben schon wieder angefangen", sagten sie zueinander, als es über ihnen laut wurde. "Wir haben uns erst lustig gemacht, dass der Lärm schon wieder losgeht", sagt Hertha G. bei ihrer Vernehmung vor dem Schwurgericht am Landgericht München II. Rechts neben ihr sitzt ihr Mann auf der Anklagebank. Ihm wird versuchter Totschlag zur Last gelegt.

Gegen ein Uhr am frühen Morgen des 4. August 2019 riss ein "diffuser Lärm" die Angestellte aus dem Schlaf. "Ich bin senkrecht aus dem Bett gesprungen", sagt Hertha G. Sie habe nach ihrem Mann gerufen. Wolfgang? Keine Antwort. Es sei ihr komisch vorgekommen, dass er nicht da war. Dann sei sie auf den Flur gelaufen und "habe ich eine böse Überraschung gesehen". Alles voller Blut. Sogar an den Wänden. Ihren Mann habe sie nicht gesehen, lediglich gehört, unten am Hauseingang. Er habe schwer geatmet. Sie habe gedacht, er hätte einen Herzanfall und wäre aus dem Haus gelaufen. Hertha G. ging hinunter. Ihr Mann war weg. Draußen sei es ruhig gewesen. "Kein Mensch in der Nähe, der geschaut hat." Hertha G. lief zurück in die Wohnung, weckte den Freund ihrer Tochter und bat ihn, nach ihrem Mann zu sehen. Als er nach einiger Zeit zurückkam, erzählte er, dass Wolfgang G. in der Saarstraße von der Polizei festgenommen worden sei.

Der Streifenwagenbesatzung waren drei Jugendliche entgegengelaufen. "Hey, hey, guckt mal", hätten sie gerufen und auf Wolfgang G. gedeutet, so einer der beiden Beamten vor Gericht. Einer der Teenager, die der 55-Jährige mit seinem Auto verfolgte, war der Sohn seines Nachbarn aus der Wohnung im zweiten Stock sowie zwei von dessen Freunden.

Die Jugendlichen seien "zu laut gewesen", habe der Angeklagte zu ihm gesagt, so der Polizeibeamte; und dass er mit einem Hammer auf sie eingeschlagen habe, als sie die Treppe hochgelaufen seien. Die Teenager kamen von einer nahe gelegenen Tankstelle, wo sie sich Energydrinks in Plastikflaschen gekauft hatten. Wolfgang G. habe auf ihn einen "irrationalen Eindruck" gemacht, sagt der Polizist. Er habe alles so dargestellt, als wäre es normal "die Ruhe wiederherzustellen, indem man jemanden mit einem Hammer ins Gesicht schlägt".

Wolfgang G. hatte zum Auftakt des Prozesses erklärt, er habe in Notwehr gehandelt. Als die drei Freunde die Treppe hinaufkamen, habe er sich bedroht gefühlt. Einer soll eine Flasche in der erhobenen Hand gehalten haben. Bereits vor der Tat fühlte sich G. durch seine Nachbarn in den Wohnungen über und unter ihm gestört, berichtet seine Frau. Warum er die Jugendlichen mit einem Hammer attackierte und auf sie einschlug, kann sie sich nicht erklären. Vielleicht aus "irgendeiner Verzweiflung", meint die Mutter zweier Kinder und fügt hinzu, dass dies die Tat "natürlich nicht" rechtfertige. Wenn ihr Mann genervt sei, "ist er ganz ruhig, er ist der Typ, der besonnen und ruhig bleibt". Auch ihr sei der Lärm auf die Nerven gegangen, räumt Hertha G. ein.

"Getrampel, Geschepper, Zigarettenrauch, Gardine hin- und herziehen" - und das tagtäglich. Einmal sollen die Jugendlichen auf dem Balkon über ihrer Wohnung nachts einen "Rülpswettbewerb" veranstaltet haben. Als sie sie aufgefordert habe, aufzuhören, hätten sie gefragt: "Warum denn?", so die 60-Jährige. "Ich kann nicht erwarten, dass ich gar nichts höre, darum geht es aber nicht", sagt Hertha G. Sie glaubt vielmehr, ihre Nachbarn hätten es auf eine "gewisse Provokation" abgesehen. Nach der Tat ihres Mannes wurde ihr die Wohnung gekündigt. Ein "riesiger wirtschaftlicher Schaden" sei ihr dadurch entstanden, auch "emotional und familiär", so Hertha G. Warum sie und ihr Mann wegen des Lärms nie die Polizei gerufen habe, fragt Richter Thomas Bott. Hertha G. entgegnet: "Das frage ich mich jetzt auch." Ein Urteil in dem Prozess soll am Donnerstag verkündet werden.

© SZ vom 02.04.2020 / sal

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