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Fürstenfeldbruck:"Das ist ein großes Geschäft gewesen"

Kunigunde Kreppholt hat ihr Berufsleben lang im Krämerladen der Schambergers als Verkäuferin gearbeitet. Im Interview erinnert sie sich an diese Zeit

Von Franziska Schmitt

Der Krämerladen der Schambergers in Mammendorf hat seit Ende 2001 geschlossen. Kunigunde Kreppholt (93) hat dort bis zum Schluss als Verkäuferin gearbeitet. Mittlerweile hat sie das Haus verlassen, in dem sie ein Wohnrecht hat. Sie wohnt im Seniorenheim in Jesenwang. Ein Besuch war aufgrund der Corona-Regeln nicht möglich, doch am Telefon hat sie Fragen beantwortet.

Wie sind Sie dazu gekommen im Krämerladen zu arbeiten?

Kunigunde Kreppholt: Gleich nach der Schule bin ich dort hingekommen. Wie alt bin ich da gewesen - 14 oder 15 Jahre alt. Meine Mutter ist immer nach Mammendorf zum Einkaufen gegangen. Wir haben ein bisschen weiter weg gewohnt in Steinbach, bei Moorenweis. Dort haben wir einen Bauernhof gehabt. Den gibt es auch immer noch. Die Frau Schamberger hat dann mal gesagt: "Da nehme ich mir eine von den Mädchen." Wir waren sieben Mädchen und ein Bub. Man hat damals nicht nach München oder so gekonnt. So bin ich fast 60 Jahre in Mammendorf Verkäuferin geblieben. Ich habe meine Lehrzeit und Prüfungen dort gemacht. Während der Zeit habe ich mit den Schambergers und ihrer Tochter im Haus zusammengewohnt. Die Christine Schamberger ist fünf Jahre älter gewesen wie ich.

Was konnte man in dem Laden kaufen?

Es ist ein großes Geschäft gewesen. Wir haben alles gehabt, was man so brauchte, nicht nur so Null-Acht-Fünfzehn-Sachen. Wir haben Lebensmittel gehabt und dann noch ein bissel Eisenwaren. Fertige Kleider für die Mädchen gab's nicht, aber Stoffe. Da konnte man sich was raussuchen.

Wie sah Ihr Alltag im Krämerladen aus? Mittagspause hat man schon zwei Stunden gehabt, von zwölf bis 14 Uhr. Morgens um sechs Uhr ging's los. Um 7.30 Uhr hat man dann aufgemacht. Dazwischen wurde gefrühstückt und Zeitung gelesen. Danach hat man die ersten Semmeln verkauft. Alle sind zum Einkaufen gekommen. Kinder sind auch oft mit ihren Eltern mitgegangen und haben ein Bonbon bekommen. Um sechs Uhr abends haben wir zugesperrt. Dann hab ich noch ein bissel aufgeräumt und noch mal durchgeputzt. Auch die Kasse hat man richten müssen für den nächsten Morgen in der Früh. Wir sind ja drei junge Damen gewesen im Verkauf und drum sind wir gemeinsam fortgegangen. Ob in Mammendorf oder in den anderen Dörfern. Überall, wo was gewesen ist, sind wir hin. Sonntags haben wir zu gehabt. Dann bin ich mit dem Radl nach Hause gefahren und abends wieder zurück.

Sie haben einen großen Teil Ihres Lebens im Krämerladen verbracht. Hat Ihnen die Tätigkeit als Verkäuferin Spaß gemacht?

Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Wir hatten schon ein sehr gutes Verhältnis auf der Arbeit. Freilich ist das auch mal anstrengend gewesen. Du musst dies tun und dies, hieß es. Dann wurden Farben und alles geliefert. Das Verräumen musste ich dann erledigen. Mich hat es immer gefreut, wenn jemand gekommen ist. Das ist es ja, was es ausgemacht hat. Ich habe mich längere Zeit mit den Menschen unterhalten können. Und sie haben mir die ganze Lebensstory erzählt. Man hat oft was gehört und es dann weitergesagt.

Schambergerhaus Mammendorf

Einkaufsmittelpunkt in Mammendorf: Kunigunde Kreppholt (links) und Christine Schamberger vor dem Schambergerhaus.

(Foto: Privat)

Dann haben Sie bestimmt einiges im Laden erlebt. Was war das Lustigste, was Ihnen da passiert ist?

(Kreppholt lacht) Wir sind ja drei Mädchen im Laden gewesen. Immer sind ein Haufen Buben reingekommen. Da war was los... (Kreppholt wird wieder etwas ernster.) Die Mütter haben immer zu den Buben gesagt: "Was willst du mit der Verkäuferin?" Also bin ich alleine geblieben.

Was war Ihre liebste Tätigkeit?

Das Einkaufen hat mir am besten gefallen. Das war schön. Die ersten Jahre noch nicht, aber nachher halt bin ich mit Christine Schamberger einkaufen gegangen. Zusammen sind wir immer zu den Modeausstellungen bis nach Ulm oder auch Passau gefahren. Dort haben wir das ausgesucht, was wir noch fürs Geschäft gebraucht haben. Da hat man dann Pullover und Westen und so was gekauft. Halt moderne Sachen, deswegen sind wir ja hingefahren.

Sie haben erzählt, dass Sie auch Stoffe im Laden verkauft haben. Haben Sie denn auch selber vor Ort genäht?

Selber haben wir nicht genäht, nein. Dafür gab's die Näherin im Dorf. Bei uns hat man den Stoff gekauft. Drei oder vier Meter braucht man für ein Kleid, und die haben sich die Mädchen bei uns raussuchen können. "Mutter jetzt mog i des. Mutter kauf mir des," hat's geheißen. Dann wurde die Näherin gerufen. Es wurde einfach so gemacht, wie's die Mädchen gewollt haben. Wie wir Mädchen gewesen sind, haben wir ein Schulgewand und dann noch 'ne Schürze getragen. So sind wir dann in die Schule gegangen. Als ich Verkäuferin gewesen bin, habe ich mir auch immer Kleider machen lassen. Zwei Dirndl habe ich immer noch. Sehr schön hat die Näherin das damals gemacht. Eines ist grün und eines ist rot, mit kariertem und geblümten Stoffen.

Fast 60 Jahre sind eine lange Zeit. Haben sich Laden und Sortiment verändert?

Während des Krieges gab es Lebensmittelmarken. Die Leute haben die Marken selber gehabt und sind dann mit denen zu uns gekommen. "So und so viel Zucker", hieß es. Dann wurde ein Kilogramm Zucker von den Lebensmittelmarken runter geschnitten und man hat dafür den Zucker bekommen. Man hat nur das bekommen, was man an Lebensmittelmarken gehabt hat. Das hat man sich, gut aufteilen müssen. In dieser Zeit mussten wir jeden Montag nach Bruck fahren und die Marken abliefern. Mit den Eisenwaren - damit haben wir nachher aufgehört. Als die Baumärkte und alles kam. Das haben wir dann schon gewusst und das hat man auch gespürt. Die jungen Leute müssen immer umeinander suchen. Fahren hier und dort hin.

Schamberger Haus

Kunigunde Kreppholt hat sich durch ihre Arbeit im Krämerladen ein lebenslanges Wohnrecht im Schambergerhaus erworben. Die 93 Jahre alte Seniorin wohnt aber seit einigen Jahren im Altenheim in Jesenwang.

(Foto: Privat)

Warum haben Sie im Laden aufgehört?

Die Frau Schamberger hat gemeint, sie macht weiter. Wie sie dann gestorben war, ist es was ganz anderes geworden. Die Frau Schamberger war ja nicht verheiratet und ein Verwandter hat es geerbt. Der Laden geschlossen. Ich bin noch ein paar Jahre im Hause Schamberger wohnen geblieben. Dann bin ich krank geworden und lange im Krankenhaus gewesen. Meine Hände und Füße gehen nicht mehr. Sonst wäre ich noch dort. Die Besitzerin hat es verkauft an die Gemeinde. Wie das vor sich gegangen ist, weiß ich auch nicht. Es war noch einiges von den Stoffen da, als ich gegangen bin. Ich weiß nicht, wo das alles hingekommen ist. Es ist alles so schnell gegangen.

Der Historische Verein Mammendorf (HVM) nutzt das Haus als Archiv und kümmert sich um die alten Ladenbestände. Ortshistoriker Josef Braun (82) schaut, dass regelmäßig gelüftet wird. Außerdem besteht die Überlegung, daraus ein Kulturcafé zu machen. Was halten Sie davon?

Der Braun ist schon ein praktischer Kerl. Das muss ich schon sagen. Ein Café - das kann man schon machen. Es ist schließlich ein schönes, großes Haus mit den drei Giebeln. Ich muss sagen, ich war auch schon lange nicht mehr dort.

© SZ vom 17.11.2020

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