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Forstwirtschaft:Kampf um die Bucheckern

Mit dem Waldbesitz der Zisterzienser-Mönche in Kloster Fürstenfeld hat sich Klaus Wollenberg beschäftigt. In einem Aufsatz für die Zeitschrift "Amperland" erklärt er nicht nur die unterschiedlichen Formen von Nutzung und Ausbeutung des Forstes, sondern auch, warum es ständig zu Streitereien kam

Angesichts der Zerstörungen, die durch das gigantische Verfeuern von Kohle, Öl und Gas angerichtet werden, kann man sich kaum vorstellen, dass fossile Energieträger in Europa einmal eine Umweltkatastrophe verhindert haben. Bis die Industrialisierung in Schwung kam, war Holz der wichtigste Rohstoff und Energielieferant des Menschen. Dazu kam die Überweidung der Wälder durch Pferde, Schweine und Rinder. Das Ökosystem Wald stand vor dem Kollaps, als die Dampfmaschine erfunden wurde.

Der Brucker Wirtschaftshistoriker Klaus Wollenberg schreibt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Amperland über den Waldbesitz von Kloster Fürstenfeld. Zur Einordnung der Aktivitäten der Zisterzienser schildert er anschaulich die Ausbeutung des Waldes sowie staatliche Versuche, das Problem in den Griff zu bekommen, etwa mithilfe der Bayerischen Forstordnung von 1568, in der die Waldweide eingeschränkt und weitere Rodungen untersagt wurden. Der Buchenbestand wurde zu Heizzwecken dennoch weiter reduziert, und im Gebiet der Forstmeisterei München, die sich vom Westen der Stadt bis zur Amper erstreckte, weideten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts allein mehr als 10 000 Rinder pro Jahr. Um den Wald stand es schlecht, jedenfalls sofern er adeligen Grundbesitzern und den Fürsten gehörte, bilanziert Wollenberg.

Nationalpark Jasmund

Würde der Mensch nicht eingreifen, würden im Landkreis Urwälder aus Buchen entstehen, sagen die Förster. Doch wie in den Jahrhunderten zuvor, wird eine teils intensive Forstwirtschaft betrieben.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Eine Ausnahme waren die Wälder des Klosters. Sie wurden besser beaufsichtigt und vor allem von wesentlich weniger Menschen genutzt, schreibt Wollenberg in seinem hochinformativen Beitrag. Der Wald um den Jexhof, der Rothschwaiger Forst und der Fürstenfelder Wald zwischen Grafrath und Landsberied zeugen bis heute davon. Dort ist die Vielfalt der Baumarten und der Anteil an Laubbäumen höher.

Zur Zeit der Säkularisation 1803 besaßen die Mönche etwa 5300 Hektar Wald, schätzt Wollenberg. Das würde mehr als zwölf Prozent der Fläche des Landeskreises entsprechen. Weit über 12 000 Ster Holz sollen um 1802 dort geschlagen worden sein, angeblich nachhaltig, also ohne bleibende Schäden. Der Besitz war in zehn Reviere aufgeteilt, die zwischen Herrsching und Friedberg verteilt waren, die Flächen sind heute zum größten Teil Staatswald. Ein Teil wurde an Bauern abgetreten als Ausgleich für die alten Rechte auf Bau- oder Brennholz, Streu und Weide.

Solche Nutzungsrechte waren früher stets Anlass für Ärger. Der Fürstenfelder Abt und die Brucker Bürger stritten um Eicheln und Bucheckern für die Schweinemast. Die Marktbewohner durften ihre Tiere in den Klosterwald treiben, mussten dafür aber ein "Deckelgeld" entrichten. Eine große Belastung war, dass das Hauskloster der Wittelsbacher den fürstlichen Hof quasi als Dauergast für die Jagd durchfüttern musste, schreibt Wollenberg. Mancher Abt frönte selber dieser Leidenschaft, wie Martin Hazi mit dem Spitznamen "Jägermartl", dem wegen verschwenderischer Amtsführung 1778 die Verwaltung der Güter entzogen wurde. Auch die Mönche erwiesen sich eben nicht immer als perfekte Waldschützer. Ein weiteres Problem scheinen die Wilderer in Kottgeisering und Wildenroth gewesen zu sein.

Klaus Wollenberg hat sich an OB Erich Raff gewandt.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In Ergänzung zu Wollenberg weisen die Kunsthistorikerinnen Angelika Mundorff und Eva von Seckendorff Mundorff darauf hin, dass die Abschaffung der Nutzungsrechte die Not vieler Menschen verschärfte. Sie übertraten deshalb die Verbote, sammelten weiter Holz und Reisig oder weideten ihre Tiere unter den Bäumen. Allein 1830 sollen deshalb mehr als 50 000 Gefängnisstrafen in Deutschland verhängt worden sein, auch gegen Schulkinder.

Das eigentliche Thema ihres Beitrages ist allerdings der Wald als Symbol und dessen Darstellung in der Malerei. Die beiden haben als Leiterinnen des Hauses im vergangenen Jahr die Ausstellung "Identitäten: Waldbilder" im Museum Fürstenfeldbruck gestaltet. Sie erinnern daran, dass der Wald bis in die Neuzeit eher als ein Ort des Schreckens galt, in dem wilde Tiere, Geister und Räuber hausten. Zur Zeit der Aufklärung verklärte der französische Philosoph Jean Jacques Rousseau den Wald als Sehnsuchtsort jenseits gesellschaftlicher Konventionen.

In Deutschland wurde der Wald im Kampf gegen Napoleon zur nationalen Projektionsfläche. Diese vermeintlichen "Befreiungskriege", in denen das Lützowsche Freikorps erstmals die schwarz-rot-goldene Fahne schwenkte, richteten sich mit unverkennbar völkisch-antisemitischem Furor gegen alles Unteutsche, gegen Welsche und Juden, während die Deutschen zum edlen Waldvolk stilisiert wurden. Von dort führt eine Traditionslinie über die Heimatschutzbewegung zur NS-Propaganda, die den geldgierigen Juden als Waldvernichter attackierte.

Tatsächlich wurde während der faschistischen Herrschaft in Deutschland sehr viel Wald vernichtet, vor allem im Zuge der Kriegsvorbereitung, um die Holzgewinnung zu steigern. Im Landkreis wurde dem Bau des Fliegerhorstes eine große Fläche geopfert.

Amperland. Heimatkundliche Vierteljahresschrift für die Kreise Dachau, Freising und Fürstenfeldbruck, Heft 4, 2018, fünf Euro. Die Hefte können im Buchhandel bestellt werden