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Energiewende:Solarbranche unter Schock

Händler von Photovoltaikanlagen und Verein Ziel 21 kritisieren die drastische Senkung der Einspeisevergütung. Fällt die Förderung weg, so Experten, droht eine riesige Pleitewelle.

Vertreter der lokalen Energiewende und der Solarbranche kritisieren Pläne der Bundesregierung, die Förderung der Solarenergie weiter zu kürzen. Die garantierte Vergütung für die Einspeisung von Strom soll einmalig stark und dann Monat für Monat schrumpfen. Binnen vier Jahren soll sich die Förderung für Dachanlagen halbieren, bei Anlagen auf größeren Flächen gar um zwei Drittel schrumpfen.

Kurzfristige Einschnitte um 30 Prozent würden viele Firmen in die Pleite führen, warnen Experten im Landkreis. Hans Aigner vom Verein Ziel 21, der selbst Solaranlagen projektiert, spricht sogar von einem Angriff auf die dezentrale, umweltfreundliche Energieversorgung. "Wir sind im Schockzustand", bekräftigt Bernd Reisinger, Chef von Reisinger Sonnenstrom in Egenhofen. Er geht davon aus, "dass 50 Prozent der Solarindustrie innerhalb von 14 Tagen kaputt geht" und rechnet mit einem Rückgang der Aufträge um mindestens 30 Prozent.

Die in Sulzemoos ansässige Phoenix Solar AG wolle als Reaktion ihr Engagement im Ausland weiter verstärken, so Firmenchef Andreas Hänel. Rund 60 Prozent des Umsatzes erzielt das auf Planung, Bau und Betrieb von Photovoltaik-Großkraftwerken spezialisierte Unternehmen in Asien und den USA.

Die Förderung der Solarenergie dürfe nur "allmählich und berechenbar, aber nicht radikal und kurzfristig" abgebaut werden, fordert Max Keil (UBP), Energiereferent im Kreistag. Ganz ähnlich äußert sich der Puchheimer Energieberater Hanno Lang-Berens: "Früher gab es eine Überförderung, aber jetzt wird zu stark gebremst." Reisinger hat im November noch Anlagen bestellt und fürchtet, nun darauf sitzen zu bleiben. Keil ist als Landwirt an einem Freiflächen-Projekt bei Puchheim-Ort beteiligt, das "auf Eis liegt", seit die Regierung 2010 die Förderung gestrichen hat. Gleiches gilt für zwei Projekte in Alling.

In Maisach, Mammendorf und Puchheim-Bahnhof wurden seitdem noch Anlagen gebaut, weil in der Nähe von Bahnlinien eine Ausnahmeregelung gilt, die eine Förderung erlaubt. Die Anlagen sind aber kleiner geraten als geplant, weil sie sonst außerhalb des vorgeschriebenen Bereiches gelegen hätten. Über eine geplante Freiflächenanlage an der S 4 bei Kottgeisering wird im Dorf gestritten, weil "die Konkurrenz um Flächen" laut Keil stärker geworden sei.

Der Tag rückt näher, an dem wir solche Anlagen zu Marktpreisen verwirklichen können", so Keil. Das sei aber kein Grund zur Freude, "weil dabei die gesamte heimische Solarbranche vor die Hunde geht". Derzeit gibt es ein Überangebot auf dem Weltmarkt, manche Hersteller bieten nach Worten Aigners zu Dumpingpreisen an.

Aigner und Keil werfen Wirtschaftsminister Rösler (FDP) und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) vor, entweder inkompetent zu sein oder die Solarindustrie zugunsten jener Konzerne torpedieren zu wollen, die Offshore-Windräder bauen und betreiben. "Das ist wohl ein Geschenk für Wahlkampfspenden", glaubt Aigner. Die Zerstörung einer ganzen Branche mit 200 000 Arbeitsplätzen sollte eigentlich nicht im Sinne eines Wirtschaftsministers sein. Auch Lang-Berens warnt vor den Folgen, wenn ein ganzer Markt abgewürgt werde: "Man darf die Photovoltaikbranche nicht kaputtsparen" - stattdessen gelte es, Stromspeichertechnologien zu entwickeln.

Die Förderung von Solaranlagen war bereits 2011 und zum 1. Januar 2012 um je 15 Prozent gekürzt worden. Sinkt sie im März um zusätzliche 30 Prozent und von Mai an Monat für Monat um weitere 0,15 Cent je Kilowattstunde, koste Solarstrom in vier Jahren 6,75 Cent, von regionalen Windrädern neun Cent und der Strom vom Windrad in der Nordsee 15 Cent, rechnet Aigner vor. "Solarenergie ist jetzt günstiger als Offshore-Windkraftanlagen.

Ginge es ums Geld, müsste die Regierung stärker auf Solarenergie setzen.", pflichtet Hänel bei. Die Bundesregierung müsse Solarenergie fördern, "wenn sie es ernst meint mit der Energiewende" Das sei der dynamischste Sektor der erneuerbaren Energien. Die Leistung der Photovoltaik-Anlagen, die 2010 und 2011 installiert wurden, entspreche der eines Atomkraftwerks. Bis 2020 sollen 16 Prozent des Stroms in Bayern von der Sonne kommen, hatte die Staatsregierung nach dem Gau von Fukushima erklärt. Hänel appelliert an Bundestag und Bundesrat, die Pläne zu stoppen. (Kommentar)