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Freizeit in Pasing:Mini-München macht's vor

(Foto: privat)

Für das städtische Ferienprogramm wird nahe dem Pasinger Bahnhof tagsüber eine Straße gesperrt. Die Anwohner dort fordern schon seit Langem Konzepte und Maßnahmen gegen den zunehmenden Verkehr

Von Jutta Czeguhn, Pasing

Von einer der Parkbänke am Wensauerplatz nördlich des Pasinger Bahnhofs konnte man dieser Tage alles gut beobachten: Ein weißes Zelt wurde aufgebaut, die Biergarten-Garnituren angeliefert, ebenso die Absperrgitter. Auch eine kleine Bühne steht mittlerweile auf dem Rasen bereit. An diesem Montag, 27. Juli, wird der Park zur Spielstadt, Mini-München startet, das größte Ferienprogramm der Landeshauptstadt. Einen idealeren Ort dafür kann es eigentlich kaum geben, so ganz bei der S-Bahn und der Pasinger Fabrik. Wären da nicht diese Baulaster und Betonmischer, die hier auf den beiden engen Einbahnstraßen nördlich und südlich des Platzes vorbeidonnern. Viele von ihnen unter Missachtung der Straßenverkehrsordnung. Evelyn Bergmayr, die Gemüsefrau vom Wensauerplatz, beobachtet das täglich. Sie hat mehr als 80 von ihnen bereits angezeigt.

In einer dicken Klarsichtmappe hat Bergmayr ihren Kampf gegen den Schwerlastverkehr dokumentiert. Von ihrem Stand aus hat sie sprichwörtlich den Durchblick; denn ihre Sichtachse reicht weit nach Osten, am Bismarck-Brunnen vorbei durch die Peter-Fischer- bis zur Offenbachstraße, die Laster ohne triftiges Anliegen gar nicht befahren dürfen. Es gilt ein Lkw-Durchfahrtsverbot. Evelyn Bergmayr sieht die Brummis schon, ehe sie von der Offenbach- in die August-Exter-Straße einbiegen, um sich weiter Richtung Westen, vorbei am kleinen Wensauerplatz-Park, zur Pippinger Straße durchzuarbeiten. Nur allzu oft mit mehr als den erlaubten 30 Stundenkilometern. Das "Achtung, Schulweg!" scheint sie nicht zu kümmern.

Bergmayr, die auch hier in der Kolonie zuhause ist, werden weder ihre Kunden noch Nachbarn ein Prozesshansel-Naturell bescheinigen. Doch die Aktenlage zwischen den Plastikdeckeln der Klarsichtmappe macht deutlich, dass hier jemand mit ziemlichem Ernst und Aufwand seine Sache verfolgt. Viele Aktenzeichen vor dem Amtsgericht München, Abteilung Verkehrstrafsachen, sind da zusammengekommen. Bergmayr hat die Laster fotografiert, ihre Kennzeichen notiert und dann ihre Anzeigen an die Pasinger Polizeiinspektion formuliert.

Dass die Verkehrssituation Pasing- Nord verbesserungswürdig ist, empfinden nicht nur die Gemüsefrau und ihre Nachbarn so. Auch die Stadt sieht beharrlich Handlungsbedarf. So beharrlich, dass ein Konzept für eine Neuordnung schon seit Jahren im Werden begriffen ist und immer wieder angekündigt wird. Unlängst wurde im ebenso zuständigen wie ausdauernden Bezirksausschuss sogar einmal eine Art Zehnjähriges "gefeiert" - obwohl es bislang eher gar nichts zu feiern gibt. Eher mit Resignation als mit Empörung wurde also an einen Workshop in der Pasinger Fabrik erinnert, wo Anfang der Zehnerjahre Anwohner und Ortspolitiker Ideen für eine Neuordnung des Verkehrs nördlich des Bahnhofs ausgetauscht hatten - bis dato nur für die Schublade.

Damals stand, noch in einigermaßen weiter Ferne, das Menetekel an der Wand von über 5000 Neubürgern, die einmal ins Quartier an der Paul-Gerhardt-Allee ziehen würden. Heute, mehr als zehn Jahre später, sind einige schon da, aber vor allem die Baulaster als Zeichen, dass ihre Wohnungen unaufhaltsam im Werden sind. Und auch die zusätzlichen Busse, die die vielen Menschen demnächst zur S-Bahn schaufeln werden, verkehren schon.

Stadtteilpolitiker, aber auch Anwohner, die sich zu Interessengemeinschaften oder Initiativen zusammengeschlossen haben, fordern immer wieder Verkehrszählungen und Lärmmessungen. Lässt sich doch mit einer subjektiv gefühlten Zunahme kaum ernsthaft argumentieren. Ein Lärmgutachten, das hat Gesundheitsreferentin Stephanie Jakobs unlängst auf einen Antrag der Rathaus-ÖDP hin mitgeteilt, werde es nicht geben.

An sich aber wurde schon viel gezählt in den Straßen im nördlichen Umfeld des Pasinger Bahnhofs. Zwischen 2013 und 2020 habe es sieben Verkehrszählungen dort gegeben, teilt Ingo Trömer mit, Sprecher des städtischen Planungsreferats. Die Zählungen vor 2013 würden nicht mehr verwendet, heuer habe man noch keine Zählungen vorgenommen. Von Ingo Trömer kommt noch eine weitere - neue - Nachricht: Ende September werde der Stadtrat ein Papier zur Entscheidung vorgelegt bekommen, in dem es um die "Beauftragung der verkehrlichen Untersuchung im nördlichen Umfeld des Pasinger Bahnhofs" gehe. "Parallel dazu treffen wir die notwendigen Vorbereitungen, damit die Beauftragung unverzüglich nach der Entscheidung des Stadtrats erfolgen kann." Trotz der aktuell schwierigen Situation gehe man weiter von einer Fertigstellung der Untersuchungen bis zum Ende des ersten Quartals 2021 aus, so Trömer.

Das Frühjahr 2021 ist noch weit hin, und mit einer Untersuchung alleine sind die Problem noch lange nicht gelöst. Mini-München jedoch steigt jetzt, an diesem Montag. Viele Kinder werden sich auf dem Wensauerplatz tummeln. Conny Beckstein, Leiterin der Kinder- und Jugendkultur-Werkstatt in der Pasinger Fabrik, kann besorgte Eltern beruhigen: "Die südliche Einbahnstraße wird für die nächsten drei Wochen täglich von 9 bis 18 Uhr gesperrt." Von der Ampel weg werde man den Verkehr über die Osel- und die Orthstraße umleiten. Und an der nördlichen Straße am Wensauerplatz, dort also, wo Laster illegal unterwegs sind, einen Zaun zum Schutz der Kinder aufbauen. Beckstein sieht es als Experiment. Es gehe darum, einen brach liegenden öffentlichen Raum wieder zu nutzen. "Und vielleicht ist es ja eine ganz gute Erfahrung für die Anwohner, vielleicht geht dann auch wirklich mal etwas weiter mit der Beruhigung."

© SZ vom 27.07.2020

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