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Urlaub ist für ihn ein Fremdwort:Selbst am Hochzeitstag auf der Bühne

Helmut Schranner

Helmut Schranner ist Vollblutmusiker und stets auf der Suche nach den Schätzen der Volksmusik.

(Foto: lukasbarth.com)

Helmut Schranner ist ein Vollblutmusiker, Auftritte stehen für ihn an erster Stelle. Mit einem mobilen Studio will er den Schatz der Volksmusik erhalten

Urlaub ist für Helmut Schranner (53) ein Fremdwort, denn es gibt viel zu viel zu tun - zu Hause, auf dem elterlichen Betrieb, wo er sich selbst ein Haus für seine vierköpfige Familie gebaut hat, im Tonstudio, wo er alte Musik aus der Holledau einspielt und aufnimmt, bei Auftritten mit den Holledauer Musikanten oder wenn er seine Schüler unterrichtet. Kürzlich nahm er sich jedoch drei Tage Zeit und fuhr mit einem alten Lanz-Schlepper zu Freunden nach Südtirol und wieder zurück, mit 38 Stundenkilometern. Nur bei diesem Tempo, sagt er, könne man die Landschaft richtig genießen.

SZ: Ist der nördliche Landkreis Freising ein besonders fruchtbares Pflaster für Musiker und die Volksmusik?

Schranner: Offensichtlich, denn es gibt die Bigband, das ist der ehemalige Spielmannszug in Nandlstadt, die Blaskapelle in Au, die Dellnhauser Musikanten, unsere Holledauer Musikanten und die Musikschule Papageno in Nandlstadt - ein reichhaltiges Angebot und viele Talente. Aus diesem Pool schöpften wir auch für unser Musical "Sister Act", das 2015 mehrmals für eine ausverkaufte Hopfenhalle sorgte.

Sie wuchsen auf einem kleinen Bauernhof auf, wie kamen Sie zur Musik?

Mein Vater war Tambourmajor in Hörgertshausen und ich war schon als kleines Kind bei den Umzügen mit dabei. Als dann in meiner Schule Klavierunterricht angeboten wurde, begann ich mit acht Jahren zu spielen. Allerdings hatte ich meine eigenen Vorstellungen und brachte mir lieber selbst "By the Rivers of Babylon" bei, als nach den Vorgaben des Lehrers zu üben.

Ihr Herz schlug aber auch für die Trommel?

Ja, ich ging dann mit zehn Jahren als Trommler zum Spielmannszug Nandlstadt, der 1974 sogar Bayerischer Meister wurde. Wir waren 68 Musiker und ich durfte nach einem Auftritt in Furth im Wald beim Drachenstich Franz-Josef Strauß die Hand geben. So lernte ich schon als kleiner Knirps die Volksfestzelte kennen.

Spielten Sie nur Volksmusik?

Nein, ich hörte 1979 beim Spielmannszug auf und gründete mit meinen Schulkameraden und unserem Lehrer Wolfgang Spenger meine erste Band, Blue eyes, und kaufte mir für 300 Mark eine elektrische Orgel. Damals gab es hier in der Gegend vier Lokale, wo jeden Samstag Live-Musik zum Tanzen gespielt wurde - in Airischwand, Volkenschwand, Bruckberg und Edenschwang. Da verdienten wir mit unserer vierköpfigen Band 150 Mark pro Abend.

Für welche Ausbildung hatten Sie sich damals entschieden?

Lernen war damals nicht mein Ding, in der Schule war ich ziemlich faul. Nach dem Hauptschulabschluss machte ich beim Muschler in Freising eine Konditorlehre. Ich fuhr jeden Tag mit meinem Moped von Faistenberg bei Nandlstadt nach Freising, für den Führerschein war ich zu jung. Selbst im Winter bei Minusgraden in der Früh, das war richtig hart. Ich zog aber meine Ausbildung durch und am Nachmittag und Abend fuhren wir zu Auftritten mit unserer Band. Fürs Schlafen blieben nur ein paar Stunden und ich kam öfters zu spät zur Arbeit. Nebenbei baute ich auf dem Hof meiner Eltern sechs Jahre lang Stein für Stein ein eigenes Haus und half in ihrem Betrieb als Bierfahrer aus.

Wer hat Sie musikalisch besonders beeinflusst?

Mit Mitte 20 spielte ich nicht nur in verschiedenen Bands, sondern wir hatten auch den Jazzkreis Nandlstadt gegründet und organisierten Veranstaltungen. Als Hugo Strasser zu seinem 65. Geburtstag ein Konzert in München spielte und alles ausverkauft war, rief ich ihn an, ob er mir helfen könnte, doch dabei zu sein. Er gab mir seine 14 privaten Karten und als wir im Konzertsaal standen, rief er mich auf die Bühne. So begann unsere Freundschaft. Mit Hugo ging ich dann zu Konzerten von Max Greger und Hazy Osterwald.

Warum machten Sie einen Neuanfang als Musiklehrer?

Ich wollte nicht mein Leben lang in der Konditorei schuften. Inzwischen arbeitete ich als Geselle in Wolnzach, und Biertragl schleppen wollte ich auch nicht ewig. Es hat bei mir halt erst spät geklingelt und ich hab kapiert, dass Lernen wichtig ist. Nachdem ich Hugo Strasser kennengelernt hatte, wollte ich ein richtiger Berufsmusiker werden. Deshalb bewarb ich mich an der Berufsfachschule für Musik in Plattling und lernte für die Aufnahmeprüfung Saxofonspielen. Es klappte, ich machte meinen Abschluss in Saxofon und Gesang. Für die Prüfung sang ich einen Part des Papageno aus der Mozartoper "Die Zauberflöte". Papageno heißt jetzt auch unsere Musikschule in Nandlstadt, die meine Frau leitet.

Wurden Sie dann bald sesshaft?

Na ja, als ich in Plattling studierte, spielte und sang ich auch in der Oktoberfest-Kapelle Heinz Müller als Keyboarder und Frontmann. Dabei blieb es 16 Jahre lang. Mit meiner zweiten Gruppe Jerry Pink spielten wir auf Tanzveranstaltungen und Hochzeiten, was dem Publikum gefiel. Mit dieser Gruppe kamen wir sogar bis nach Austin, Texas.

Wie verträgt sich dieses Leben mit einer Familie?

Meine Frau Afra ist auch Musikerin, wir haben uns an der Berufsfachschule kennengelernt und für uns ist klar, dass Auftritte vor allem stehen, dem muss sich alles unterordnen. Auch an unserem Hochzeitstag hatte ich schon oft Engagements. Selbst als mein Vater starb, spielte ich am nächsten Tag auf einer Hochzeit. Unsere beiden Kinder haben früh gelernt, dass ihre Eltern Verpflichtungen haben.

Ihr Engagement hat sich inzwischen mehr auf die Volksmusik verlagert.

Die heimatverbundene Musik kommt gut an, die Zuhörer mögen das. Außerdem wurde ich in den Neunzigerjahren von der Marktkapelle Au angefragt, die ich dann 13 Jahre lang leitete. Neben meinem Job als Musiklehrer arbeite ich als freiberuflicher Aufnahmeleiter beim Bayerischen Rundfunk und habe inzwischen ein mobiles Aufnahmestudio, mit dem bin ich unterwegs, um Volksmusik aufzunehmen und festzuhalten. Das ist ein Schatz, den man erhalten sollte.

Warum sind Sie aus der CSU ausgetreten ?

Ich rede niemandem nach dem Mund, sondern ich sage, was ich denke. Das verträgt sich nicht mit einer Partei. Mich politisch zu engagieren, war mein größter Fehler.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich möchte mich mit meiner Musik und den Holledauer Musikanten noch mehr sozial engagieren. Mit dem Gewinn aus dem Musical "Sister Act" haben wir das Projekt "Wir helfen heilen" unterstützt. Die Überschüsse unserer nächsten Konzerte werden an die Orienthelfer gehen, die der Kabarettist Christian Springer gegründet hat. Uns geht es hier so gut, mir ist es wichtig, davon etwas abzugeben.

© SZ vom 06.11.2017/beb
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