Unternehmen halten sich bedeckt Mülltonnenweise Obst und Gemüse

Auch im Landkreis Freising werfen Supermärkte und Discounter enorme Mengen an eigentlich noch genießbaren Lebensmitteln weg. Darüber reden möchten viele der Verantwortlichen nicht - und auch die "Foodsaver" kommen nicht weiter.

Von Nora Schumann, Freising

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen laut einer WWF-Studie in Deutschland jährlich im Müll. Das entspricht zirka einem Drittel des Nahrungsmittelverbrauchs hierzulande. Ein Drittel an Ressourcen, Arbeitskraft und Energien zur Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln wird damit quasi in die Tonne gekippt. Im Landkreis Freising sind es etwa 8509 Tonnen im Jahr, die an Bioabfällen weggeworfen werden. Eine stattliche Zahl von 48 Kilogramm pro Jahr und Einwohner, 130 Gramm am Tag. Nicht eingerechnet sind die Bioabfälle, die von Haushalten in die Kanalisation abgegeben, eigenkompostiert oder verfüttert werden.

Auf Nachfrage beim Abfallberater des Landratsamts Freising, Johannes Hofmann, stellt sich zudem heraus, dass die Bioabfälle von Supermärkten und Gastronomie im Bericht zur Abfallwirtschaft im Landkreis Freising gar keine Erwähnung finden. Denn die Entsorgung dieser Bioabfälle übernimmt nicht der Landkreis, die Märkte kümmern sich selbst darum und beauftragen Entsorgungsunternehmen.

In den Müllcontainern vieler Supermärkte und Discounter ist noch gut verwertbares Obst und Gemüse zu finden, hier die Ausbeute einer Studentin in einer Nacht. Rechtlich bewegen sich Leute wie sie oftmals in einer Grauzone.

(Foto: Catherina Hess)

Die Freisinger SZ hat deshalb in den Supermärkten der Stadt Freising nachgefragt, um herauszufinden, wie viele Lebensmittel in Freising tatsächlich im Müll landen, warum das so ist und welche Alternativen es gibt. Recht schnell kristallisierte sich heraus, warum die Datenlage über das Bioabfallaufkommen im Groß- und Einzelhandel unzureichend ist: Die Märkte sagen dazu wenig.

Gerade bei den großen Supermarktketten wie Edeka und Kaufland ist auch kein anonymisiertes Gespräch mit den örtlichen Marktleitenden möglich. Nach tagelangen Vertröstungen und unbeantworteten Mails, reagieren die Zuständigen bei Telefonanrufen ablehnend, unfreundlich bis aggressiv. Eine Supermarktleiterin glaubt nicht an eine Befragung durch die Freisinger SZ und verweigert auch das Angebot eines Nachweises. Die Marktleitenden beider Unternehmen verweisen entweder darauf, dass sie keine Auskunft geben dürfen oder keine Auskunft geben können.

120 bis 400 Liter Bioabfall pro Woche

Schließlich melden sich die Zentralen der beiden Unternehmen in Südbayern und bieten eine Antwort auf die Fragen an. Die Edeka-Zentrale antwortet dann allerdings nur allgemein und gibt keine Informationen zu den Freisinger Filialen, ebenso handhabt dies das Unternehmen Kaufland.

Auch von den Discountern gibt fast die Hälfte der Marktleitenden in Freising keine oder nur in sehr geringem Maße Auskunft über das Bioabfallaufkommen des jeweiligen Geschäfts. Alle Befragten möchten nur anonymisiert erwähnt werden, selbst wenn das Unternehmen, für das sie arbeiten, fast keinen Bioabfall produziert. Ungefähr die Hälfte der Supermärkte hat auf die Anfrage der Freisinger SZ reagiert, davon bekennt sich ein Supermarkt dazu, alle unverkäuflichen Lebensmittel wegzuwerfen, sieben Märkte kümmern sich um die Weiterverwendung des Bioabfalls und zwei Märkte haben fast überhaupt kein Bioabfallaufkommen. Die angegebene Menge beläuft sich dabei unter den auskunftsgebenden Märkten auf 120 bis 400 Liter Bioabfall pro Woche.

Als Grund für die Tonne geben fast alle Befragten den Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums oder Mängel bei der Frische oder Qualität der Produkte an. Die Discounter bestellen jeden Tag neu und müssen Teile der alten Ware loswerden. Wie mit den abgelaufenen Lebensmitteln dann verfahren wird, unterscheidet sich wiederum je nach Markt. Bei den Discountern gibt es keine Lager und wenn "etwas ausgeht, dann gibt es für diesen Tag nichts Neues". Einige Discounter sortieren Obst und Gemüse aus und bieten unversehrte Lebensmittel vom Vortag auch am nächsten Tag noch zum Verkauf. Andere sammeln übrig gebliebene Lebensmittel jeden Tag und geben sie der Tafel, wieder andere werfen jeden Tag die übrig gebliebene Ware weg. Eine Pauschalisierung ist selbst bei Zugehörigkeit zur gleichen Kette nicht möglich. So berichtet der Marktleiter eines großen Discounters, dass sein Markt regelmäßig alle Bioabfälle der Tafel spende und was nicht mehr zu gebrauchen sei, verwerte die Unternehmenszentrale in Biogasanlagen. Übrig gebliebene Backwaren würden für die Tierfutterherstellung weiterverwendet.

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Bioläden produzieren deutlich weniger Biomüll

Bioläden haben deutlich weniger Biomüllaufkommen, weil sie oft unversehrtes Obst zu normalem und reifes Obst zu ermäßigtem Preis verkaufen, unverkäufliche Ware an Kunden oder Mitarbeitende verschenken und erst, was dann noch übrig ist, wegwerfen. Bei den Freisinger Supermärkten und Bioläden geben einige der kleineren Filialen alles Unverkäufliche an die eigenen Mitarbeitenden, andere stellen für die Kunden Kisten zum Verschenken von abgelaufenen Lebensmitteln auf. Ein Geschäft hat ein Abkommen mit einem Landwirt, der für seine Tiere alles abnimmt, was für den Menschen nicht mehr genießbar ist. Es gibt in Freising aber auch Bioläden, die nichts an ihre Mitarbeitenden verschenken, aus rechtlichen Haftungsgründen, wie sie sagen.

Doch auch wenn die Geschäfte bereit sind, ihre Bioabfälle weiterzugeben, klappt das nicht immer. "Bei uns kommt die Tafel nur zweimal in der Woche, an den anderen Tagen müssen wir die Waren wegwerfen oder gegebenenfalls sammeln", sagt ein Supermarktbetreiber, der anonym bleiben möchte. Peter Bach, Vorsitzender der Tafel Freising, erklärt, warum die Einrichtung nicht alle Geschäfte anfahren kann: "Unsere Arbeit basiert auf ehrenamtlich Mithelfenden. Wir sind zu wenige Leute, um alles abzuholen, zu sortieren und auszugeben." Bei Kaufland heißt es, mit der Tafel in Freising sei über eine Zusammenarbeit gesprochen worden. Diese sei aber nicht zustande gekommen.

Dass es einen sogenannten Fairteiler in Freising gibt, in dem die Menschen nicht benötigtes Essen hinbringen oder abholen können, davon haben die wenigsten Supermarktbetreibenden gehört. "Ich muss dann auch einen Lizenzvertrag mit dem Abnehmer eingehen. Dass ich nicht mehr für die Qualität der Ware hafte", erklärt ein weiterer anonymer Marktleiter. Aus Haftungsgründen lehne er auch das sogenannte Containern ab.

Containern

Containern heißt es, wenn Menschen in Mülltonnen nach brauchbarem Essen suchen, dieses mit nach Hause nehmen, waschen und dann essen oder weiterverschenken. Das kann auch zu Problemen mit den Supermarktbetreibern führen. Rechtlich bewegt man sich als Containerer in einer Grauzone. Dringt man über einen Zaun oder abgeschlossenes Gelände zu den Mülltonnen vor, so liegt der Straftatbestand des Hausfriedensbruchs vor. Bei offenem Zugang zur Tonne stellt sich die Frage, inwieweit der Diebstahl des Mülls geahndet werden kann. Gerichte haben noch keine klare Linie vorgegeben. Meistens werden die Ermittlungen gegen Containernde aber wegen Geringfügigkeit eingestellt.nors

Der Blick eines Freisinger Containerers auf die Bioabfälle der Supermärkte bietet eine weitere Quelle für die Erfassung von Bioabfällen und den Umgang der Freisinger Filialen damit. Paul Dreier (Name geändert) geht seit vier Jahren regelmäßig einmal in der Woche Containern. Er bestätigt der Freisinger SZ, dass die Bioläden in Freising nicht besonders ertragreich seien, weil dort sehr wenig Bioabfall zu finden sei. Ertragreicher seien da andere einzelne Geschäfte vom Discounter bis zum Supermarkt. Es gebe Filialen von Rewe genauso wie von Aldi oder Penny in Freising, bei denen mülltonnenweise Obst und Gemüse zu finden sei. Andere Filialen schließen ihre Müllcontainer ein.

Containern wird verboten - oft aus Angst vor gesundheitlichen Problemen

Fast alle der befragten Marktleitenden antworten auf die Frage, warum sie Containern nicht dulden, dass sie die Sorge hätten, die Leute würden gesundheitlichen Schaden nehmen und eventuell sogar den Markt dafür haften lassen. Paul Dreier hält das für unrealistisch "Die Leute sind schon clever genug zu erkennen, welche Lebensmittel noch genießbar sind", sagt er. Außerdem kenne er niemanden, der einen Supermarkt aus Haftungsgründen anzeigen würde, zu groß sei dann die Sorge, wegen des illegalen Containerns belangt zu werden.

Johanna Saxler, Botschafterin von Foodsharing in Freising, findet das Argument der Supermarktbetreiber zumindest teilweise nachvollziehbar. Sie könne sich zwar auch nicht vorstellen, dass ein Supermarkt angezeigt werde, aber manchmal werfe ein Markt auch zurückgerufene Lebensmittel weg, was dann von außen nicht erkennbar sei. Sie wirbt deshalb für eine Kooperation mit Foodsharing. "Der Marktbetreiber gibt die Verantwortung für die Lebensmittel schriftlich an einen unserer Foodsaver ab und ist damit nicht mehr haftbar", erklärt Saxler.

Ein Umdenken fordert Johanna Saxler.

(Foto: Privat)

Foodsharing sei aber vor allem mit den großen Ketten schwierig zu vereinbaren, da sei von den Zentralen keine Kooperation gewünscht. Die Foodsharer in Freising hätten es bereits mit einem Edeka-Markt versucht, hätten aber die Auskunft bekommen, es gebe nicht genügend Bioabfall. "Dabei würden wir uns auch mit einem einzigen Apfel zufrieden geben, der nicht weggeworfen werden muss", sagt Saxler resigniert. Einer der Freisinger Supermarktbetreiber gibt einen weiteren Grund zu Protokoll, warum er seine Mülltonnen gegen unerlaubte Bioabfallsammler abschließt. "Da könnten ja andere Gewerbetreibende kommen, sich bedienen und damit Geld verdienen". Dass die weggeworfene Ware also durchaus noch verwertbar sei, bestätigt er auf Nachfrage. Neben dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums und dem Verlust von visueller Qualität, trägt für die große Menge an Lebensmittelmüll auch der Verbraucher eine Mitverantwortung, erklären einige der Befragten. Dadurch, dass der Kunde immer ein volles Sortiment und gegen Abend keinen "ausverkauften Laden wünsche", sei ein gewisser Anteil an Biomüll unvermeidbar, so das einstimmige Urteil der Marktleitenden.

Müssen die Kunden umdenken?

Günes Seyfarth von Foodsharing München vergleicht diese Auffassung mit der Frage nach der Henne und dem Ei. "Bei der Fülle von Bäckereien kann ich die Argumentation durchaus verstehen. Wenn der Bäcker um Viertel vor acht keine Brezen mehr hat, geht der Kunde 100 Meter weiter in den nächsten Laden." Da müsse schon ein Umdenken der Kunden erfolgen. Gleichzeitig sieht sie aber auch eine Verantwortung bei den großen Unternehmen. Es könne durchaus eine Marketingstrategie sein, damit zu werben, keine Lebensmittel wegzuwerfen und dass die Leute abends deshalb eben nicht mehr die volle Auswahl haben.

Ein Supermarktbetreiber gibt noch zu bedenken, dass er die Arbeitstätigen nicht abstrafen wolle, die erst nach Feierabend einkaufen gehen könnten. Dieses Argument lässt eine Mitarbeiterin vom Tagwerk Bioland Freising nicht gelten. Bei Gemüse und Milchprodukten müsse es durch richtige Einkaufsgestaltung keine Abstriche im Abendangebot geben, beim Brot könne es dagegen eher sein, dass keine freie Auswahl mehr zu Verfügung stehe, erläutert sie. Obwohl sie kaum Bioabfall produzieren, sieht die Marktleiterin eines anderen Biogeschäfts in Freising die Hauptverantwortung bei der Lebensmittelverschwendung dennoch beim Verbraucher. "Jeder, der Lebensmittel verkauft und auch sonst eigentlich jeder, sollte mal selbst am Feld gestanden haben", sagt sie. "Das sind alles Sachen, die jemand gesät, aufgezogen und geerntet hat." Dafür brauche es auf allen Seiten mehr Wertschätzung. Johanna Saxler wünscht sich von den Freisinger Supermärkten, dass das Foodsharing obsolet wird. "Unser Ziel ist es, dass es uns irgendwann nicht mehr geben muss", sagt die Foodsaverin.

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