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SZ-Adventskalender:Familien leiden unter dem Lockdown

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Eltern sind in Kurzarbeit oder verlieren ihre Arbeit. Kindern fehlt der Schulbesuch und oft die digitale Ausstattung für Homeschooling

Von Gudrun Regelein, Freising

Schon bald nach dem ersten Lockdown im Frühjahr kamen spürbar mehr Familien zu Katarzyna Los-Bierer. Sie arbeitet in der Sozialen Beratung der Caritas Freising. "Vor allem Familien, in denen die Eltern oder ein Elternteil im Niedriglohnsektor arbeiten, darunter viele am Flughafen." Die meisten seien damals in Kurzarbeit geschickt worden, zuletzt höre sie aber auch immer häufiger von Kündigungen. "Die Verträge werden nicht mehr verlängert, unsere Klienten verlieren ihre Arbeit", berichtet Los-Bierer. "Das wird in nächster Zeit sicher noch viel häufiger passieren."

Viele ihrer Klienten hätten ALG II, also Hartz IV, beantragt; andere dagegen jeden Minijob oder sich bietende Arbeitsmöglichkeit angenommen, um noch möglichst lange selbständig leben zu können. "Ganz großes Thema bei allen sind aber die Mietschulden - und die Angst vor dem Wohnungsverlust. Wir mussten schon in einigen Fällen mit Stiftungsgeldern aushelfen", berichtet Los-Bierer. Auch auf die Kinder übertrage sich diese Angst, sagt die Beraterin: "Wenn Eltern sehr belastet sind, dann bekommen diese das natürlich mit."

Für sozial benachteiligte Familien seien während des Lockdowns und den langen Wochen des Homeschoolings die notwendige Ausstattung das größte Problem gewesen, "das konnten sich viele einfach nicht leisten". So wie Barbara Kraus (Name geändert): Der alleinerziehenden Mutter zweier Kinder wurde wegen Eigenbedarfs die Wohnung gekündigt, die Kleinfamilie muss ausziehen. Bislang aber hat sie keine neue und bezahlbare Wohnung gefunden, das belastet alle sehr. Eigentlich müsste ihre Tochter momentan ihre Abschlussarbeit für die Schule schreiben, einen Computer aber hat die Familie nicht - und einen zu kaufen, kann sich Barbara Kraus nicht leisten.

"Ich habe oft gehört, dass es einfach erwartet wird, dass die Hardware da ist. Die Eltern fragen mich dann immer, woher sie das Geld dafür nehmen sollen", erzählt Katarzyna Los-Bierer. Dass das Jobcenter dazu einen Zuschuss zahle, hat sie noch nie erlebt. "Auch hier haben wir zumindest einigen Familien mit Fondsgeldern geholfen." Oder man habe für die Familien Rechner und Drucker organisiert. Die Ausstattung für das Homeschooling aber sei Dauerthema, berichtet die Caritas-Beraterin. In vielen Familien hatten die Kinder sogar ihre Handys verwendet, optimal sei das aber natürlich nicht. "Die Angst, dass die Schulen wieder schließen, ist in diesen Familien groß."

Kinder würden in der Corona-Krise abgehängt - gerade beim Thema Schule und Teilhabe verlören sie den Anschluss. Vieles, wie das kostenlose Mittagessen, die Nachhilfe oder Hausaufgabenbetreuung, werde nicht mehr angeboten. Eine Kollegin aus der Erziehungsberatungsstelle habe ihr erst vor Kurzem erzählt, wie deutlich angespannt die Situation in vielen Familien sei, gerade auch wegen der kritischen finanziellen Lage. "Es gibt mehr Streit, mehr Diskussionen. Das ist kein Wunder, momentan sitzen viele Familien aufeinander", sagt Los-Bierer. Für Kinder sei es besonders schwierig, damit umzugehen. "Der Schulbesuch bedeutet da eine Ausflucht. Zumindest kommen sie einmal raus, das ist sehr wichtig."

Arm bedeute zwar nicht automatisch bildungsfern, sagt Eva Bönig, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Freising. Aber tatsächlich würden in der Corona-Krise viele der Kinder aus sozial benachteiligten Familien in ihrer Entwicklung gewaltig zurückgeworfen. "In manchen Familien fehlt sogar der Internetanschluss, in anderen fehlen Computer, an Drucker ist gar nicht zu denken." Durch die Kontaktbeschränkungen und den zumeist beengten Wohnraum gebe es großes Konfliktpotenzial. "Das alles hat gravierende Auswirkungen auf die Kinder", sagt Bönig. Auch die psychische Komponente müsse mehr beachtet werden. "Wenn das mit dem Rauf- und Runterfahren noch monatelang so weitergeht, dann wird das sicher Langzeitfolgen haben", warnt sie. "Die Belange der Kinder müssten in der Corona-Krise unbedingt besser berücksichtigt werden."

© SZ vom 28.11.2020
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