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Selbstversuch:Training soll Studenten für Barrierefreiheit sensibilisieren

Mit Rollstuhl, Rollator und Blindenstock zogen die Landschaftsarchitekturstudenten mit Birgit Schmidt (rechts) los. Und im Altersanzug, der durch Gewichte, Kopfhörer und Brille Einschränkungen im Alter simulieren soll.

(Foto: Marco Einfeldt)

In einem Sensibilisierungskurs lernen Studenten der Studienrichtung Freiraumplanung aus eigener Erfahrung, wie sich ein Leben mit körperlichen Einschränkungen anfühlt. Daraus erkennen sie, was für Barrierefreiheit wichtig ist.

"Ach du je", murmelt Susanne Straßer und klammert sich mit den Händen an den Reifen fest. Sie steht mit ihrem Rollstuhl vor der Rampe, die sie vom Hochschulgebäude zurück in den Hofgarten der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf führen soll. Die Rampe ist ziemlich steil, und Straßer eigentlich gar keine Rollstuhlfahrerin. Sie hat gerade mit ihren Kommilitonen des Landschaftsarchitekturstudiums Sensibilisierungstraining.

In Rollstühlen, mit Simulationsbrillen und Blindenstöcken, im Altersanzug und mit Rollator sollen die Studenten der Studienrichtung Freiraumplanung aus erster Hand erfahren, wie sich das Leben und Fortbewegen mit Einschränkungen anfühlt. Und daraus ableiten, was für die Barrierefreiheit in der Planung eines öffentlichen Raumes eigentlich wichtig ist. "Wir müssen für alle Menschen planen", appelliert Professorin Birgit Schmidt an ihre Studenten. "Tun wir das nicht, schließen wir Leute von der Nutzung aus." Seit zehn Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Barrierefreiheit in der Freiraumplanung und kennt die vielen Baustellen, die noch offen sind. "Früher lag der Fokus auf Mobilitätseinschränkungen." Heute spreche man von einer größeren Gruppe, damit seien die Ansprüche an die Planer gestiegen. Gemeint sind damit unter anderem Blinde und Sehbehinderte.

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Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf führt das Sensibilisierungstraining deshalb seit einigen Jahren in Kooperation mit dem Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) durch. Von denen waren Bernhard Claus und Johannes Voit zu Besuch in Weihenstephan. Claus ist mit 22 Jahren bei einem Unfall erblindet, Voit ist Hochbauarchitekt und berät den BBSB als Landesverkehrsbeauftragter. Er kann sehen, sitzt aber im Rollstuhl. Beide Männer begleiten die Architekturstudenten beim Sensibilisierungstraining, erzählen von ihren eigenen Erfahrungen und stellen sich den Fragen der jungen Nachwuchsplaner.

Immer wieder stoßen die Nachwuchsplaner auf Hindernisse

Die merken bei dem Experiment schnell, dass schon ihre Hochschule gar nicht so barrierefrei ist: Immer wieder stecken sie mit den Rollstühlen in der Tür fest, laufen mit der Simulationsbrille ins Blumenbeet oder bleiben mit dem Blindenstock im Kopfsteinpflaster hängen. Keiner von ihnen ist alleine unterwegs, immer wieder sind sie auf die Hilfe von Kommilitonen angewiesen, die ohne Einschränkung neben ihnen herlaufen. Auf dem Gelände der Hochschule stoßen die Studenten immer wieder auf Hindernisse kleiner und großer Art. "Da sind so viele Dinge, die beachtet man sonst gar nicht", sagt eine Studentin bei der Nachbesprechung. "Ich war beim blinden Laufen echt froh, dass ich den Campus kenne und im Kopf hatte."

Dabei gibt es im barrierefreien Bauen für den öffentlichen Raum Regelungen bis ins kleinste Detail, sogenannte DIN-Normen. Eine Rampe sollte, anders als die, die Susanne Straßer bezwingen musste, zum Beispiel nur sechs Prozent Gefälle haben, Querungsstellen im Straßenverkehr mit Bodenindikatoren ausgestattet sein, ein Aufzug am Bahnhof mindestens 1,10 Meter breit und 1,80 Meter tief sein. "Unser Ziel ist es, dass das irgendwann genauso berücksichtigt wird wie der Brandschutz", so Voit. Die beiden Architekten Schmidt und Voit kennen den Satz aus vielen Diskussionen um Bauprojekte: "Das sieht aber nicht schön aus." Der BBSB berät Architekten und Kommunen immer häufiger in der Planung. Bis heute, weiß deshalb auch Claus, sei die erste Prämisse oft die Ästethik und nicht die Nutzbarkeit für Menschen mit Behinderung. Dabei sollte die Barrierefreiheit, so Schmidt, längst kein Randthema mehr sein, sondern "Herz jeder Planung". "Und wenn man das als selbstverständlich verinnerlicht hat, dann lässt sich das auch mit einem gestalterischen Anspruch vereinen." Mit dem Sensibilisierungstraining will sie das an ihre Studenten weitergeben.