bedeckt München

Leiter der Freisinger zieht Bilanz:Jede Woche zwei Tonnen Lebensmittel

Gute fünf Jahre hat Peter Bach als Vorsitzender die Geschicke der Tafel geleitet, nun ist es genug, sagt er.

(Foto: Marco Einfeldt)

Nach fünf Jahren übergibt Peter Bach die Leitung der Freisinger Tafel an Manfred Schimmerer. Nach der Corona-Pause steht man gut da.

Interview von Gudrun Regelein, Freising

Er kann, so sagt Peter Bach, die Freisinger Tafel mit einem guten Gefühl übergeben. "Wir haben eine Struktur, die reibungslos funktioniert." Gute fünf Jahre hat er als Vorsitzender die Geschicke des Vereins geleitet, nun sei es genug, sagt Bach im Gespräch mit der SZ Freising. Eigentlich hatte er schon vor zwei Jahren seinen Rückzug angekündigt, aber damals fand sich kein Nachfolger, deshalb hängte er noch einmal zwei Jahre an. Auch in diesem Jahr gestaltete sich die Suche schwierig, sogar die Auflösung des Vereins stand im Raum. Nun aber habe sich mit Manfred Schimmerer, einem Juristen, ein hervorragender Nachfolger gefunden, sagt Bach. Er selber werde sich zukünftig nicht mehr im aktiven Helferkreis engagieren, aber: "Wenn ich gefragt werde, dann bin ich da."

SZ: Die Corona-Krise hatte für die Tafel Freising massive Folgen, sie musste schließen. Weshalb?

Peter Bach: Wir hatten schon gleich zu Beginn einen Corona-Todesfall unter unseren Helfern und haben das an dem Tag erfahren, an dem der Ministerpräsident den Ausnahmezustand erklärte. Die Tafel weiterhin zu öffnen, war nicht zu verantworten - wir haben uns entschlossen, sofort den Betrieb einzustellen. Das war am 16. März.

Fiel diese Entscheidung schwer?

Sie ist uns definitiv nicht leichtgefallen. Wir waren zu siebt im Raum und haben hin- und her diskutiert. Die Hälfte war dann für eine Schließung, die andere dagegen. Das heißt, ich als Vorsitzender musste letztendlich entscheiden, was passiert - und ich hielt die Schließung damals für das Sinnvollste. Zumindest konnte etwa die Hälfte unserer Kunden in den Wochen danach durch die Caritas beziehungsweise durch Foodsharing mit Lebensmitteln versorgt werden. Wiedereröffnet haben wir dann im Mai mit einem extra erarbeiteten Hygienekonzept. Nun wird die Ware beispielsweise in vorgepackten Tüten verteilt, immer nur zwei Kunden dürfen während eines zugeteilten Zeitfensters in der Tafel sein und die Maskenpflicht gilt natürlich auch.

Die Corona-Krise war die eine große Herausforderung. Gab es noch andere?

Es gab zwei prägende Momente. Neben der Corona-Krise war das der Flüchtlingsansturm in den Jahren 2015 und 2016. Das war zumindest gesellschaftlich gesehen fast noch hitziger. Wir hatten damals zwei große Unterkünfte in Freising, in beiden lebten etwa 200 junge Menschen. Als dann in einer Unterkunft dem Caterer gekündigt wurde, hieß es, dass die Flüchtlinge zu uns kommen können. Das aber hätte uns von der Zahl her gesehen zerlegt, das hätten wir nicht leisten können. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, nur Flüchtlingsfamilien zu unterstützen, auch wenn es eine politisch brisante Entscheidung war.

Wie hat sich die Tafel in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?

Das vielleicht Wichtigste war die Digitalisierung, die Umstellung auf EDV. Auch das technische Equipment wurde ausgetauscht, so haben wir zwei neue Kühlfahrzeuge gekauft. Daneben hat uns die neue Datenschutzgrundverordnung beziehungsweise die Anpassung an diese eine Menge Arbeit gekostet.

Das Alter Ihrer Helfer ist relativ hoch. Gibt es Nachwuchsprobleme?

Momentan nicht, wir können eigentlich sehr zufrieden sein. In jüngster Zeit sind einige Neue dazugekommen, darunter auch einige jüngere Frauen. Unser Kreis ist im vergangenen Jahr von 60 auf etwa 70 aktive Helfer angewachsen, das Durchschnittsalter hat sich auf etwa 70 Jahre verjüngt. Alle sind unglaublich engagiert und zuverlässig.

Welche Menschen besuchen derzeit die Tafel?

Rentner kommen - wie schon vor fünf Jahren - nur relativ wenige, das sind nur etwa zehn Prozent. Es gibt sicher mehr Senioren, die eigentlich diese Unterstützung bräuchten, die Altersarmut ist auch bei uns ein Thema. Der Anteil der Asylbewerber dagegen stieg in den vergangenen fünf Jahren von 40 auf heute 60 Prozent an. Der Rest sind Menschen, die Sozialleistungen wie Hartz IV beziehen. Insgesamt zählen wir jede Woche etwa 200 Besucher.

Reicht die gespendete Ware für sie alle aus?

Die Ware reicht gut aus, wir bekommen wöchentlich etwa zwei Tonnen gespendet. Falls es an einem Tag gegen Abend doch einmal knapp wird, greifen wir auf gekaufte Konserven und Lebensmittel aus dem Lager zurück. Statt Brot und Semmeln gibt es dann Nudeln und statt frischem Gemüse und Obst Dosen. Aber auch die Spendenbereitschaft ist Gott sei dank sehr groß, wir haben nie finanzielle Probleme gehabt - trotz teilweise großer Investitionen. Wir stehen finanziell momentan gut da.

Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher sagte während der diesjährigen Mitgliederversammlung, es sei zwar schade, dass es die Tafel braucht, aber gut, dass es sie gibt. Sehen Sie das auch so?

Das muss man so sehen. Es ist natürlich bedenklich, dass es in einem so reichen Land wie Deutschland so viele Menschen gibt, die auf die Tafeln angewiesen sind. Aber wir machen diese Arbeit ja auch gerne. Wir helfen gerne und es macht Spaß, das gemeinsam, im Team, zu tun.

Aber eigentlich erfüllen Sie mit Ihrem Team doch eine staatliche Aufgabe?

Ja, das schon. Aber sehen Sie, es gibt in Deutschland 940 Tafeln, die Millionen Kunden haben. Die Versorgung könnte ein staatlicher Apparat nicht leisten. Alleine wir in Freising bräuchten acht Vollzeitkräfte, um die Arbeit zu erledigen und noch mehr, um alleine die gespendeten Tonnen an Lebensmitteln zu bewegen. Diese Leistung würde ein Wahnsinns-Geld kosten. Staat und Kommunen könnten das nicht übernehmen. Abgesehen davon engagiert sich die öffentliche Hand, wir werden ja unterstützt.

© SZ vom 03.08.2020/av
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema