Studentenverbindungen in Freising:"Balduria, hoch steh ich zu dir, im Leben und im Tod voran..."

Studentenverbindungen Freising

Die Studentenverbindung Corps Donaria in Freising: Der pflichtschlagende Männerbund begeht seine traditionellen Kneipen feierlich im Verbindungshaus in der Landshuter Straße.

(Foto: Privat)

Studentenverbindungen hängen Vorurteile an. Was ist dran? Drei Freisinger Gruppierungen geben Einblick.

Von Thilo Schröder und Nadja Tausche, Freising

Sie sind ein fester Bestandteil der Freisinger Studentenszene, gehören seit Jahrzehnten zum Stadtleben dazu. Trotzdem bekommt der Durchschnittsbürger von Studentenverbindungen meist nicht viel mit. Die Freisinger SZ hat drei Verbindungen begleitet: den pflichtschlagenden Männerbund Corps Donaria, den gemischten und nichtschlagenden T.C. Bund Balduria und die christlich geprägte C.St.V. Lichtenstein. Was reizt Menschen heute noch daran, sich einer Verbindung anzuschließen? Wie passt es zusammen, sich abends zum Bier trinken zu verabreden, wie wohl die meisten Studenten - und dann Mütze und Band tragend aus einem dicken Buch lateinische Lieder zu singen? Und wieso nehmen junge Menschen bei der scharfen Mensur ohne Not körperliche Verletzungen in Kauf?

Toleranz, Ritterlichkeit, Pflichtbewusstsein

Im Verbindungshaus des Corps Donaria empfängt Conrad Roeder mit grün-gold-weißem Band über dem Hemd, Einstecktuch und Trachtenjacke. Er ist 22 und Fuchsmajor in der Verbindung - das heißt, er lehrt die angehenden Burschen, was sie zu wissen haben. Toleranz, Ritterlichkeit und Pflichtbewusstsein sind die prägenden Werte. Toleranz, weil Studenten jeder Religion und Herkunft Korpsbrüder werden können. Pflichtbewusstsein, weil, wer zu spät zu einer offiziellen Veranstaltung kommt, 15 Euro zahlt - oder eine Aufgabe im Sinne der Gemeinschaft übernimmt, zum Beispiel die Möbel im Verbindungshaus poliert. Menschen im Studentenalter noch erziehen zu wollen, sei zwar schwierig, sagt Roeder. Aber im Beruf müsse man sich ja auch an Vorgaben halten.

Warum sich junge Menschen dem Corps Donaria anschließen? Wegen der Gemeinschaft, sagt Roeder. Gerade in der heutigen Ellbogengesellschaft lerne man hier, nicht alleine durch das Leben gehen zu müssen. Nicht jeder Corpsbruder sei gleich ein Freund, "aber man schätzt sich", müsse lernen, miteinander auszukommen. Und es wirkt. "Man merkt, dass die Menschen an dieser Gemeinschaft wachsen", so der Fuchsmajor. Fragt man ihn, ob Studentenverbindungen nicht aus der Zeit gefallen seien, verweist er auf ebendiesen Zusammenhalt. Er sagt: "Gemeinschaft ist etwas wahnsinnig Zeitloses."

Das Fechten

Mit 17 Stichen musste er nach der scharfen Mensur genäht werden. Sie wurde vorzeitig von einem Arzt abgebrochen, zu schwer waren die Verletzungen. "Ich habe danach nur noch grinsen können", sagt Roeder. Nicht wegen der Stiche, erklärt er - keiner freue sich über die Verletzungen. Es gehe um das Gefühl, für sein Corps eingestanden zu sein, die Mensur - also den Fechtkampf mit scharfen Waffen - gut hinter sich gebracht zu haben. Die Narbe trägt Roeder noch heute auf der Stirn. Was ihn am Fechten reizt: "Man hat das Gefühl, von den Corpsbrüdern getragen zu werden." Die Extremsituation habe jeder in der Verbindung durchgestanden, das schweiße zusammen. Gleichzeitig stärke das Fechten den Charakter.

Drei Mal muss jeder Donare mit scharfen Waffen fechten. Geschützt sind Augen und Nase, eine Halskrause bedeckt den Hals und ein Kettenhemd den Rest des Körpers. Um dafür zu trainieren, pauken die Mitglieder von Montag bis Donnerstag morgens um 6 Uhr, am Sonntagabend kommt zusätzlich ein Fechtlehrer. Geübt wird mit stumpfen Waffen und Phantomen, also Attrappen aus Holz und Stoff. Bei der scharfen Mensur tritt ein Corpsbruder gegen ein Mitglied einer anderen Verbindung an - obwohl es kein wirkliches Gegeneinander sei, sagt Roeder, "weil jeder das für sein Corps macht". Am wichtigsten beim Fechten sei der Respekt, zum Beispiel: saubere Schläge auszuführen.

Eine Bindung auf Lebenszeit

Ab dem Jahr 1966 hat er in Freising studiert und sich recht bald der Verbindung T.C. Bund Balduria angeschlossen. "Damals standen die Netzwerke im Vordergrund", erzählt Rainer Berling, 77. Damals bestand die Balduria nur aus Gartenbaustudenten - wer etwa ein Praktikum gebraucht hat, konnte das über Verbindungsmitglieder oft leichter bekommen. Aber auch heute profitiert Berling von seiner Verbindungszeit. Viele Kommilitonen hätten sich nach Studienende nicht mehr gesehen - "aber die aus der Verbindung haben sich immer wieder gefunden", sagt er. Ihn stört, dass die Stammtische in den Hintergrund gerückt sind. Die jungen Leute seien so beschäftigt, kämen nicht mehr so oft dazu, erzählt Berling. Aber, hält Helen Fleckenstein dagegen: "Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Leute heute anders medial unterwegs sind." Denn in Kontakt mit der Verbindung ist auch die 33-Jährige nach wie vor. Die Alten Herren und Hohen Damen, so heißen die inaktiven Mitglieder, sind für die Kneipe aus München und Hamburg angereist, einer gar aus London.

Wie kommt man rein?

Die Balduria hat derzeit 15 aktive Mitglieder, 280 sind es mit den inaktiven. Auch sie tragen ein Band über Hemd oder Bluse. Weil man sich schick anzieht, wenn man Band trägt, erklärt der zweite Vorsitzende Andreas Hartung. Auch ein Kopfcouleur, eine Mütze, gehört zum Verbindungsoutfit. Um Fuchse zu werden, eine Art Mitglied auf Probe, gilt es eine nicht ganz ernst gemeinte Aufgabe zu bewältigen: Letztens mussten die Fuchsen zu einer anderen Verbindung gehen und in Spielen auf dem Smartphone gegeneinander antreten, passend zur Generation Handy. Wer Bursche werden will, sich voll bekennt, von dem wird mehr verlangt. Den Zirkel der Balduria muss man zeichnen, die Geschichte der Verbindung kennen, Verhaltensregeln lernen. Geprüft wird in drei Stufen: Der angehende Bursche hält einen Vortrag, muss eine schriftliche Prüfung ablegen und sich in einem Gespräch vor allen Burschen behaupten. Wer einmal Mitglied ist, bleibt das ein Leben lang. Klar könne man irgendwann aufhören, den Beitrag zu bezahlen, sagt Hartung. So sei das aber eigentlich nicht gedacht, eines der Prinzipien der Verbindung sei schließlich die "Lebensfreundschaft".

Wie ein Wohnheim, nur ohne Übernachten

An der C.St.V. Lichtenstein zeigt sich, wie eng die Verbindungsmitglieder auch räumlich verbunden sind. Ihr Haus auf dem Domberg wirkt wie eine Mischung aus Studentenwohnheim und Jugendherberge. Die Küche im ersten Stock mit Ausschank und Tresen geht nahtlos in den Essbereich über. Im ausgebauten Dachstuhl stehen Sofas und ein Tischkicker, auf der Dachterrasse wird im Sommer gegrillt. "Mindestens ein bis zwei Mal pro Woche ist wer hier, es wird oft zusammen gekocht", sagt Christopher Glauben, 21, Senior der Verbindung. Die ist auf dem Papier christlich, war bis 1967 Teil einer katholischen Verbindung aus Hohenheim. Mitglieder müssten aber nicht getauft sein, so Glauben.

Der gebürtige Saarländer verbringt viel Zeit auf dem Haus. "Am Anfang war ich nur zum Schlafen daheim und tagsüber immer hier. Das hat mich sehr gefestigt, in Freising zu bleiben. Heute lebe ich in einer WG, zusammen mit Verbindungsleuten." Auch Laura Popp aus Mittelfranken kam zum Studium und fand eine WG mit "Lichtis", wie sie sagt; Sven Jahn studierte in Leipzig und suchte in Freising eine Ersatzfamilie. Adam Baker kam für ein Praktikum aus den USA, auch er fand ein Zimmer bei C.St.V.lern. Inzwischen studiert er Brauwesen in Weihenstephan, wie viele der derzeit 14 Mitglieder. "Keiner von uns wohnt hier, aber es ist quasi unser Wohnheim", sagt er. Wenn man Partys gebe - offen für alle Studenten, was nicht selbstverständlich ist - könne es aber schon vorkommen, dass jemand auf dem Sofa schlafe, wirft Lasse Kudkrüger ein. Alle lachen.

Die Kneipe

Was passiert nun bei den traditionellen Kneipen? Einen Eindruck liefert die Nikolauskneipe der Balduria. Jemand spielt Klavier: "Hey, Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren, "Über den Wolken" von Reinhard Mey. Auf Holztischen brennen Kerzen, garniert mit Tannenzweigen, Lebkuchen, Bucheckern. In der Ecke steht ein Christbaum, in der Mitte ein ausgestopfter Fuchs mit Zweig im Maul. Geschätzt 50 bis 60 Gäste, darunter Eltern von Mitgliedern und Besucher anderer Verbindungen. Die Männer tragen Anzug oder Tracht, die Frauen Bluse oder Abendkleid. Alle haben Bier oder Wein vor sich stehen.

Studentenverbindungen Freising

Studentenverbindung Balduria, Nikolauskneipe in Freising: Neue Burschen und neue Fuchsen werden begrüßt.

(Foto: Privat)

"Silentium!", ruft eine gebieterische Stimme. Sofort verstummen die Gespräche. Das Führungstrio, Chargen genannt, schreitet durch den Raum an einen Tisch am Kopfende. Hinter ihnen prangt an der Wand das Verbindungswappen, daneben eine Fahne. Das elektrische Licht geht aus, alle erheben sich und beginnen zu singen: "Balduria, hoch steh ich zu dir, im Leben und im Tod voran...". Nach Redebeiträgen gibt es Aufrufe zum gemeinsamen Trinken - oder auch einfach so. Einen "kräftigen Streifen ziehen", nennen sie das hier. Drei Fuchsen werden an diesem Abend gekürt, drei Fuchsen wiederum eingeburscht, mit kurzen, scherzhaften Laudatios: Die Teilnahme an einem Bierpongturnier beweise Geselligkeit, wird einer gelobt. "In die BWL-Vorlesung morgens um acht? Da muss man nicht hin", ein anderer. Jeder hat einen Spitznamen: "Snickers", die Süßigkeitenvorliebe betonend. Oder "Taps" für die eigene Tollpatschigkeit.

Jeder Anwärter schwört, "meine Ehre und die Ehre der Verbindung zu bewahren" und einen "tadellosen Lebenswandel zu führen". Er erhält sein Band und bekommt die Nadel ins Jackett gestochen. Dann rufen alle das Motto der Verbindung aus: "Viribus Unitis!", mit vereinten Kräften. Es wird fotografiert, alle trinken. Zum Abschluss der Zeremonie singen sie die ersten beiden Strophen des Lieds "Burschen heraus!". Die dritte Strophe nicht, sie ist kriegsverherrlichend. "Silentium ex!" ruft der Vorsitzende und entlässt die Gäste in eine Pause, "zehn Bierminuten" genannt.

Wie wichtig die politische Einstellung ist

Studenten in Verbindungen seien politisch rechts, mit Tendenz zum Extremen: Dieses Bild scheint in vielen Köpfen fest verankert zu sein. Das liegt an Verbindungen wie der Münchner Danubia, dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet und vom Verfassungsschutz beobachtet. Auf Danubia angesprochen, lacht Conrad Roeder. Als es vergangenen Sommer Protest gegen ein Stiftungsfest von Danubia gegeben habe, sei die Idee herumgegeistert, sich für Danubia einzusetzen, erzählt er: Die Studentenverbindungen müssten schließlich zusammenhalten. Roeder findet das lächerlich. Man müsse nicht alle anderen Verbindungen akzeptieren, sagt er: "Es überschreitet Grenzen, was Danubia da betreibt." Außerdem hätten das Corps Donaria und alle anderen Verbindungen im Münchner Seniorenkonvent Kontaktverbot zu Danubia. Die Freisinger Corpsbrüder lehnen extreme Positionen Roeder zufolge ab, rechts wie links. Eine solche politische Einstellung sei Grund für einen Ausschluss: "Wir sind hier kein Anziehungspunkt für rechte Tendenzen", betont er. Eine konservative Tendenz in Verbindungen kann Roeder aber durchaus erkennen.

Die Frauen

"In den 90ern hat es große Kämpfe gegeben", erzählt Rainer Berling. Der 77-Jährige war dabei. Viele in der Balduria hätten sich dagegen gesträubt, Frauen aufzunehmen, wollten an der Tradition festhalten. Die Jugend stürme nach vorne, sagt Berling, "und irgendwann gehen einem eben die Argumente aus". Seit 1994 dürfen Frauen Mitglieder werden, vorerst in einer eigens gegründeten Frauenverbindung - erst 2015 wurden beide zusammengelegt. In der Praxis sei man aber schon lange eine Gruppe, sagt Helen Fleckenstein, Frauen ein selbstverständlicher Teil davon. Ohne Frauen hätte die Verbindung gar nicht überlebt, erzählen die Balduren, zeitweise hätten einfach die Mitglieder gefehlt.

Bei Corps Donaria ist das anders. Frauen sind hier nur in Form eines fast nackten Models auf einem Kalender in der Küche präsent. Weibliche Donaren gibt es nicht, und es bestehen Roeder zufolge auch keine Bestrebungen, das zu ändern. Einer der Gründe: das verpflichtende Fechten. Es sei fraglich, ob Frauen daran überhaupt Interesse haben. Roeder sagt aber auch, dass die Gemeinschaft so, wie sie sei, gut funktioniere; Frauen aufzunehmen, würde Veränderung bedeuten. Trotzdem käme nicht immer eine reine Männergruppe zusammen. Bei Feiern oder gemeinsamen Essen seien sehr wohl Frauen dabei, Kommilitoninnen oder Freundinnen von Donaren.

© SZ vom 28.12.2019/av/lfr
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:Wohnen bei den Burschis

Weil die Miete so günstig war, zog unsere Autorin in ein Verbindungshaus. Dort musste sie sich mit den Traditionen und Regeln arrangieren - und ausgerechnet das Bier hat sie wieder vertrieben.

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