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Freising erinnert an Opfer des NS-Regimes:Mit kleiner Geste Aufmerksamkeit schaffen

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Kati Jindrich und Helferinnen haben am Samstag die Stolpersteine in der Freisinger Innenstadt poliert und durchaus Aufmerksamkeit erregt.

(Foto: Privat)

Fünf Freisingerinnen lassen die Stolpersteine in der Innenstadt wieder glänzen. Damit erinnern sie an das Novemberpogrom der Nazis und stoßen auf teils erschreckendes Unwissen bei Passanten.

Wer mit offenen Augen durch Freisings Innenstadt spaziert, wird sie sicherlich schon öfter gesehen haben: Stolpersteine; diese aus Messing gefertigten Steinquader sollen an Opfer des NS-Regimes erinnern und werden vor deren ehemaligen Wohnhäusern in den Boden eingelassen. Am vergangenen Samstag, dem 81. Jahrestag des von den Nazis gesteuerten Novemberpogroms, machte sich die gelernte Religionspädagogin und Jugendreferentin des evangelischen Dekanats Freising, Kati Jindrich, auf, um zusammen mit einigen anderen Interessierten die Steine zu putzen und ihnen so zu neuem Glanz zu verhelfen. Im Interview erzählt die 36-Jährige von den Reaktionen der Passanten und dass es ihr um weit mehr ging, als nur den Glanz der Stolpersteine wiederherzustellen.

SZ: Sie haben ja am vergangenen Samstag die Freisinger Stolpersteine geputzt...

Kati Jindrich: Genau. Am 9. November 1938 startete die organisierte Judenverfolgung mit den von den Nazis gesteuerten Novemberpogromen und als Erinnerung daran hat man später Stolpersteine an den Stellen verlegt, an denen die Opfer gelebt hatten. Uns hat gestört, dass diese Steine inzwischen im Alltäglichen untergehen und schmutzig sind, deshalb wollten wir sie putzen. Also sind wir mit Eimer, Metallputzmittel und Schwamm losgezogen und haben uns ans Werk gemacht.

Was war das Ziel der Aktion?

Zum einen wollten wir die Steine einfach wieder sichtbarer machen, sie sollten wieder auffallen mit ihrem goldenen Glanz. Unser Hauptziel war aber, Aufmerksamkeit zu schaffen für das, was damals Schlimmes passiert ist. Wir haben ganz bewusst am Samstag Vormittag geputzt, während Markt war und überall Passanten unterwegs waren. Wir wollten angesprochen werden und auch selbst Passanten ansprechen und aufklären.

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Hat das funktioniert?

Wir haben auf jeden Fall das Interesse vieler Passanten geweckt, die Reaktionen waren allerdings verschieden. Eine Dame hat nicht ganz verstanden, warum wir uns so eine Arbeit machen. Sie meinte, es würde ja reichen, wenn man hin und wieder im Vorbeigehen mit der Schuhsohle über die Steine schrubbt. Es gab aber auch ganz viele, die unsere Aktion toll fanden. Eine Mutter zum Beispiel hat ihrem neugierigen Sohn alles ganz genau erklärt, die kannte sich echt super aus, viele andere haben sich auch wieder daran erinnert, was für ein besonderer Tag der 9. November ist. Überraschenderweise haben wir festgestellt, dass der 9. November als Tag der von den Nazis gesteuerten Novemberpogrome trotzdem in den Köpfen erstaunlich selten präsent ist. Ein älteres Pärchen etwa kam vorbei und hat nur gemurmelt, unsere Aktion hätte doch irgendwas mit Israel zu tun. Da waren wir echt geschockt. In der Hinsicht kann man aber auf jeden Fall sagen, dass wir unser Ziel erreicht und für Aufmerksamkeit und Präsenz in den Köpfen gesorgt haben.

Warum haben Sie sich ausgerechnet Stolpersteinen gewidmet, es gibt ja auch genügend Gedenktafeln oder Denkmäler?

Ich finde an Stolpersteinen das Tolle, dass sie mitten im Leben sind. Man muss nicht extra irgendwo hingehen, man muss keinen Eintritt zahlen, sie sind einfach mitten in der Gesellschaft, wie ja auch die Juden damals mitten in der Gesellschaft integriert waren. Der Erschaffer der Stolpersteine hat einmal gesagt, es ginge darum, mit Kopf und Herz zu stolpern, und gerade in der heutigen Zeit, wo vieles eben in den Köpfen nicht mehr so präsent ist, finde ich das eine tolle Sache und wirklich wichtig.

Wie viele Leute haben denn an der Aktion teilgenommen?

Der harte Kern waren Julia Christof und ich. Julia studiert Geschichte auf Lehramt und hatte in Freising mit einem P-Seminar des Domgymnasiums eine Ausstellung zur Geschichte der Freisinger Juden in der Zeit des dritten Reichs zusammengestellt. Außerdem hat sie mit den Schülern auch ein Buch über das Thema herausgebracht und ist deswegen eine echte Expertin auf dem Gebiet. Zu uns beiden stießen noch zwei Ehrenamtliche aus der Evangelischen Jugend und eine Bekannte von mir.

Warum haben Sie Ihre Putz-Aktion im Vorfeld nicht größer beworben?

Wir wollten einfach lieber mit einer kleinen, leisen Geste Aufmerksamkeit schaffen, ohne Werbung oder großartiges Tamtam und in Ruhe.

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