Schüler auf Spurensuche Nur drei überlebten das Nazi-Regime

Jeder dieser Steine steht für einen jüdischen Mitbürger aus ganz Bayern, der in der Zeit des Nazi-Terrors sein Leben verloren hat.

(Foto: Marco Einfeldt)

Dom-Gymnasiasten erinnern in einer Ausstellung im Lindenkeller an das Schicksal der deportierten Freisinger Juden.

Von Mark Geiger, Freising

Die Gräueltaten während der nationalsozialistischen Diktatur sind bekannt. Die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung muss fest im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik verankert bleiben. Dass dieser Massenmord aber nicht nur ein überregionales Ereignis war, sondern auch vor Ort, wie in der Stadt Freising, seine tiefen Spuren hinterlassen hat, daran möchten die Schüler des Domgymnasiums erinnern. Im Rahmen ihres Projektseminars entstand mit viel Aufwand und in über einjähriger Arbeit die Ausstellung: "Wenn Steine sprechen könnten... Die jüdische Bevölkerung in Freising zur Zeit des Nationalsozialismus." Noch bis zum Sonntag, 18. November, können die Ergebnisse im Lindenkeller kostenlos besichtigt werden, geöffnet ist täglich von 14 bis 18 Uhr.

Die Schüler wollen eine Lücke schließen

Es geht uns darum, eine Lücke zu schließen," sagen die Schüler Kilian Fetsch und Cornelius von Urff, "es gibt nämlich keine Literatur dazu." Die beiden bedauern, dass die Leute "allgemein viel über das Thema wissen, aber wenig über die Geschehnisse vor Ort." Das wollen sie und ihre Mitschüler ändern. Große Schautafeln mit vielen Bildern und Texten zu den Personen verdeutlichen, wie gründlich die Nazis gegen die jüdischen Bürger in Freising vorgingen. Manche von ihnen waren angesehene Leute: Marcus Lewin führte das größte Kaufhaus der Stadt, und auch die Familie Holzer war unternehmerisch tätig und bekannt. Die Schüler bedauern, dass Sie von vielen Menschen nur das Foto aus dem so genannten Judenpass haben, darauf die Stempel mit dem Reichsadler samt Hakenkreuz: "Die tun zwar auch ihre Wirkung - die Menschen gleichen abgestempelten Briefmarken - aber ich bin über jedes Bild froh, ohne den Adler", sagt Fetsch. Von Marcus Lewin haben die Schüler ein privates Foto und das Kennbild. Sie stehen nebeneinander und bilden einen starken Gegensatz.

Wie gründlich die Nazis in ihrem Fanatismus waren, belegen die Zahlen: Im Jahr 1933, bei Hitlers Machtantritt, 15 Deutsche jüdischen Glaubens in Freising. Bereits 1939 war keiner mehr übrig, sie waren in Konzentrationslager deportiert worden. Nur einer starb eines natürlichen Todes während der NS-Herrschaft. Marcus Lewin erfuhr in München, dass seine Deportation bevorstand und erschoss sich in seiner Verzweiflung. Sein einst so angesehenes Kaufhaus stand leer. Viele andere kamen in Vernichtungslagern um. Die traurige Bilanz: Nur drei Freisinger Juden überlebten die schrecklichen Jahre; keiner kehrte in seine Heimatstadt zurück. "Anstoß für uns war, dass unter den Opfern ein Schüler unseres Domgymnasiums gewesen ist", sagt Fetsch und fügt hinzu: "Die Recherchen ergaben dann, das es sogar zwei waren."

Stolpersteine erinnern an die ermordeten Juden

EIm hinteren Bereich der Halle im Lindenkeller läuft ein Film, der die Eindrücke der Schüler von ihrem Ausflug nach Auschwitz zeigt. Zudem haben sie zwei Freisinger Zeitzeugen ausfindig gemacht und befragt. Die Interviews können ebenfalls angehört werden. Anfang 2019 wollen die Schüler ihre Ausstellung in der Stadtbücherei wiederholen, vielleicht größer und umfangreicher. In Bayern verschleppten die Nationalsozialisten über 6000 jüdische Mitbürger. In Freising traf es jeden. Allesamt Deutsche, die wegen ihres Glaubens die Staatsbürgerschaft verloren - abgestempelt als Juden, die nicht zu Volk und Staat gehörten. Messingplatten in Steine eingelassen, sogenannte Stolpersteine, erinnern in der Domstadt an ihre Namen. Auch die alten Häuser der Toten stehen noch in der Innenstadt und werden genutzt, sowie als schöne Stadtkulisse geschätzt. An die Geschichte ihrer ehemaligen Eigentümer erinnert nun die Ausstellung der Gymnasiasten.