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Texterella aus Kirchdorf:Bloggen für die Frau ab 40

Susanne Ackstaller

Die Bloggerin Susanne Ackstaller hat viele Fans im Internet.

(Foto: Martina Klein/oh)

Die Lifestyle-Tipps von Susanne Ackstaller und ihre Kommentare zum Älterwerden haben im Internet viele Fans.

"Die Alternative zum Älterwerden ist jung sterben, und das will ja auch niemand." Es sind solche Sätze von Susanne Ackstaller, die einem klar machen, warum die Frau zu den bekanntesten Bloggerinnen Deutschlands gehört, mit rund 50 000 Leserinnen und vielleicht auch einigen Lesern im Monat. Ihre Themen gehören sonst eher nicht zu den Internet-Rennern: Die Frau ab 40 und 50, die mollige Frau und Mode für sie; seit elf Jahren schreibt die 54-Jährige unter www.texterella.de rund um den Lifestyle der modernen Frau ab 40, sogar Preise hat sie dafür bekommen und füllte fünf Jahre lang eine Kolumne in der Welt.

In ihrem Heimatort Kirchdorf hat die Modebloggerin kürzlich mit einem anderen Thema Aufsehen erregt. Dort sitzt sie seit 18 Jahren für die Freie Wählergemeinschaft im Gemeinderat. Dass sie nicht wieder kandidieren würde, wusste man. Dass sie kurz vor Ende der Amtsperiode aber zu den Grünen wechselte, sorgte für Furore. Die Grünen nämlich haben erst Ende 2019 eine Ortsgruppe in Kirchdorf gegründet und derzeit mit Susanne Ackstaller schon eine Gemeinderätin. Die Freie Wählergemeinschaft, erzählt sie, sei natürlich nicht begeistert gewesen von ihrem Schritt. Mit der Gruppierung aber, versicherte Ackstaller, habe das gar nichts zu tun. "Ich bin ein spontaner, kein strategisch denkender Mensch. Es war die Zeit der Buschbrände in Australien, ich empfand eine Weltuntergangsstimmung und hatte einfach das dringende Bedürfnis, etwas zu tun. Und sei es, nur in eine Partei einzutreten, die für mehr Ökologie steht."

Nachdem eine Volontärin der Welt einen ihrer Kommentare kopierte, bot man Ackstaller dort eine Kolumne an

Das Spontane in ihrem Wesen hat sie vor elf Jahren auch zu ihrem Blog gebracht. Denn eigentlich war ihr beruflicher Werdegang ein anderer. Studiert hat die gebürtige Rosenheimerin Betriebswirtschaft. Weil sie schon immer gerne geschrieben hat, spezialisierte sie sich auf das Verfassen von Geschäftsberichten. Damit hat sie sich dann selbständig gemacht, als das erste ihrer drei Kinder kam. Irgendwann wollte sie "mal was anderes schreiben" und begann "aus einer Laune heraus" mit dem Mode-Blog. Das lief so dahin, bis sie entdeckte, dass eine Volontärin der Welt einen ihrer Kommentare quasi kopiert hatte. Sie beschwerte sich, der stellvertretende Chefredakteur entschuldigte sich und bot ihr eine Kolumne in der Zeitung an.

Den Blog als "Texterella" betrieb sie weiter, professionalisierte ihn. Es folgten Auszeichnungen, darunter der "goldene Blogger", 2018 wurde sie als eine der 20 erfolgreichsten deutschen Bloggerinnen prämiert, eine Agentur wertete dafür Verlinkungen, Interaktionen und dergleichen aus. "Da kam viel ins Rollen", sagt sie und lächelt ein breites Lächeln mit roten Lippen. Welches Rot das ist, und warum sie es so mag, das kann man im Blog nachlesen.

"Ich will das Gefühl vermitteln, dass Älterwerden nicht gleich ist mit Älterfühlen und beige werden"

Die Fotos macht nun eine befreundete Fotografin, nicht mehr nur Mode wird thematisiert, sondern auch Reisen, Lifestyle, das Älterwerden. "Ich will das Gefühl vermitteln, dass Älterwerden nicht gleich ist mit Älterfühlen und beige werden" Pro- Aging heißt die Devise, im Gegensatz zu Anti-Aging, Lebensfreude, Modemut, und das Ganze gern mit einigen Pfunden mehr. Texterellas Botschaft ist einfach: "Traut euch!" Sie selbst sei das beste Beispiel, "ich bin eher so die modische Anti-Heldin, die Stil-Ikonen sind alle langbeinig, sehr schlank und blond, und ich bin die pummelige Kurzhaarige." Ihr finanzielles Haupt-Standbein sind noch immer die Geschäftsberichte, doch natürlich verdient sie inzwischen auch mit dem Blog Geld. "Dafür muss ich aber mindestens einen langen Tag, also 20 Prozent meiner Arbeitskraft aufwenden, neben Arbeit, Ehrenämtern, drei eigenen Kindern, einem Austauschschüler, zwei Katzen und einem Mann." Die Zeit als Gemeinderätin möchte sie nicht missen, "ich bin ganz gut klar gekommen, auch wenn ich tendenziell eher Außenseiterpositionen vertreten habe." Einmal aber habe sie Probleme bekommen, als sie gegen die Verlagerung eines Nörtinger Schweinemastbetriebs gestimmt hatte. "Da wurde ich übelst beschimpft, das hat mich für Jahre traumatisiert."

Dass sie jetzt aufhört, hat damit aber nichts mehr zu tun. "Ich habe genug Bauvorhaben beschlossen und mir Gedanken über Kanalverlegungen gemacht, ich bin ein bisschen müde." Das Ehrenamt in Asylbewerberunterkunft und Kleiderkammer wird sie beibehalten. Dass ihr die Kommunalpolitik fehlt, davon ist Susanne Ackstaller überzeugt, "mich packt schon jetzt ein bisschen Melancholie, diese kleine Macht aufzugeben." Allerdings hat Texterella natürlich schon neue Pläne: Heuer wird sie mindestens ein Buch schreiben, einen Stil-Guide, und ein Roman spukt ihr auch im Kopf herum.

© SZ vom 11.03.2020/lada
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